Bölsches Büchlein ist eine populärwissenschaftliche „Brückenarbeit“ zwischen Drachensage und Naturgeschichte. Die Leitfrage lautet sinngemäß: Warum ist das Drachenbild so weltweit stabil – und welche realen Naturerfahrungen (Fossilien, große Reptilien, „ungeheure“ Tiere) könnten die Imagination immer wieder gespeist haben? Es ist eines dieser kleinen Bücher, die sich nicht recht entscheiden wollen, ob sie wissenschaftlich informieren oder literarisch verführen sollen – und gerade deshalb zu den interessanteren Exemplaren ihrer Gattung gehören. Es ist ein Text aus einer Zwischenzone: populärwissenschaftlich, ja, aber mit einem spürbaren Sinn für den Sog alter Bilder. Bölsche schreibt nicht über Drachen, um sie endgültig „wegzuerklären“. Er schreibt über sie, weil er merkt, dass man sie nicht loswird. …
Wer heute über Drachen spricht, tut das selten unschuldig. Das Motiv ist überformt von Fantasy, Games, Filmen, von kitschigem Hochglanz und ironischer Brechung zugleich. Bölsches Essay kommt aus einer Zeit, in der das Drachenbild eine andere Modernisierung erfuhr: Paläontologie, Museumskultur, frühe Medienöffentlichkeit, Expeditionserzählungen – all das sorgte dafür, dass die „Urwelt“ plötzlich nicht mehr bloß mythologisch, sondern materiell vorstellbar wurde. Knochen, Zähne, Rekonstruktionszeichnungen: ein neues Arsenal der Imagination.
Bölsches Leitfrage ist dabei ebenso schlicht wie fruchtbar: Warum ist das Drachenbild weltweit so stabil – und welche realen Naturerfahrungen könnten es immer wieder gespeist haben? Die Pointe lautet: Der Drache ist nicht einfach ein Irrtum, den die Zoologie irgendwann korrigiert. Er ist ein Hybrid – aus Naturspur und Symbolspur. Aus dem, was Menschen sehen (oder zu sehen glauben), und dem, was sie erzählen müssen.
1. Die verlorene Welt: Urzeit als Sehnsuchtsmaschine
Bölsche beginnt mit einem Blick auf die Moderne seiner Gegenwart: Film, „Expeditionen“, die Suggestion, irgendwo könne die Saurierzeit noch fortleben. Der Gedanke wirkt vertraut – man muss nur die medialen Formen austauschen. Damals schimmerte der Traum durch Wochenschauen und Sensationsberichte, heute durch Streaming-Dokumentationen und Social-Media-Fundstücke, die irgendwo zwischen Wissenschaft, Spektakel und „Was wäre, wenn?“ oszillieren.
Entscheidend ist die Spannung, die Bölsche daraus baut: Wissenschaft rekonstruiert die Urwelt nüchtern – aber im Menschen bleibt eine Sehnsucht nach dem wiederkehrenden Uralten. Die Urzeit ist für ihn nicht nur Vergangenheit. Sie ist eine Bühne, auf der die Vorstellungskraft sich am Maßstab übt. Alles wird größer, fremder, elementarer. Das ist nicht bloß eine kindliche Fantasie; es ist ein kultureller Reflex, der immer dann anspringt, wenn die Gegenwart zu eng, zu rationalisiert, zu „aufgeräumt“ erscheint.
So wird die Urwelt – paradoxerweise – gerade durch die Wissenschaft wieder erzählbar. Rekonstruktionen machen das Vorzeitliche anschaulich, und Anschaulichkeit ist der Rohstoff des Mythos.
2. Paläontologie als Bildlieferant: Knochen, Größen, Rekonstruktionen
Bölsche streift durch das naturwissenschaftliche Material seiner Zeit: Funde, Gruppen, Größenverhältnisse, Museumsbilder. Es ist kein systematisches Handbuch; eher ein Gang durch eine Wunderkammer, in der Fakten stets in den Schatten großer Formen fallen. Der Effekt ist klar: Die Urwelt wird als real und zugleich als imaginär übermächtig erfahrbar.
Man könnte sagen: Bölsche interessiert sich weniger für die Taxonomie als für den Moment, in dem Wissen in Staunen umschlägt. Fossilien sind nicht nur Belege – sie sind Fragmente einer Erzählung, die nicht fertig wird. Ein Knochen im Museum ist immer auch ein Versprechen: Hier hat einmal etwas gelebt, das unsere Maßstäbe sprengt. Und wo Maßstäbe gesprengt werden, da kommt der Drache ins Spiel.
Bölsches Brücke funktioniert also in beide Richtungen. Er „erklärt“ den Drachen nicht einfach durch Paläontologie. Er zeigt vielmehr, wie Paläontologie – unabsichtlich – das Drachenmotiv plausibel macht. Nicht als faktische Existenz, sondern als Bildform. …
… Schließlich wäre es aber schon ein Gwinn dieser anspruchslosen BEtrachtung, wenn sie nur auf dieses ewige Inenanderspielen von scheinbar freier Menschenphantasie und gesetzlichen Naturgestalten eunmal wieder nachhaltig hingewiesen hätte. … Auszug Seite 78, vorletzter Satz
3. Symbolgeschichte: Vom Chaos-Tier zum Gegner im Lichtkampf
Gleichzeitig macht Bölsche deutlich, dass Drachen nicht nur aus Knochen wachsen. Sie wachsen aus Konflikten. Er skizziert eine kulturgeschichtliche Linie, in der der Drache als uralte Chiffre des Bedrohlichen, Chaotischen, Bösen erscheint – und als Figur, gegen die sich Ordnung überhaupt erst dramatisieren lässt.
Die klassischen Knotenpunkte (Siegfried, Georg) stehen als Signaturen einer Erzählstruktur: Ein Held wird erst zum Helden, wenn er etwas besiegt, das über das Normale hinausgeht. Der Drache ist dafür ideal, weil er nicht nur Gegner, sondern Gegensatz ist: nicht einfach ein Tier, sondern eine Verdichtung von Angst, Gier, Dunkelheit, Maßlosigkeit.
Bölsches interessante Nuance: Selbst wenn man den Drachen zoologisch verkleinert, bleibt seine symbolische Funktion intakt. Man kann die Schuppen rationalisieren, die Flügel abstreiten, den Atem abkühlen – aber man bekommt das Motiv nicht semantisch leer.
4. Zoologisierung: Gesner und der Wunsch, den Drachen festzunageln
Ein besonders reizvoller Abschnitt führt in die frühneuzeitliche Gelehrsamkeit: Gesner und andere als Stationen eines Projekts, das man „Zoologisierung“ nennen könnte. Hier wird versucht, den Drachen als Naturtier zu identifizieren: große Schlange, Reptil, ein Missverständnis, das aus mangelnder Beobachtung oder aus Reiseberichten entstanden sein mag.
Bölsche zeigt dabei eine typische Bewegung: Das Motiv wird rational eingehegt, aber es bleibt ein Rest, der sich nicht auflösen lässt. Denn der Drache ist nicht bloß ein Ding, sondern ein Speicher. In ihm liegen Erzählungen, Überlieferungen, Bilderketten. Wer ihn in ein zoologisches Etikett zwingt, merkt schnell, dass das Etikett nicht haftet.
Gerade für literarische Kontexte ist dieser Gedanke produktiv: Mythen sterben nicht an besseren Lexika. Sie überleben, weil sie eine Form sind, in der Kulturen über Grundspannungen sprechen.
5. Der Drache als Sammelbegriff: Naturanker und kulturelle Überformung
Bölsche bündelt mehrere „Realitätsanker“: Riesenschlangen, Krokodile, Warane – und natürlich Fossilienfunde. Der Drache wird so zum Sammelbegriff: ein Knotenpunkt, an dem Naturbeobachtung, Angstphantasie und Traditionsdruck zusammenlaufen.
Dass das Motiv global so stabil ist, erscheint in dieser Perspektive weniger mysteriös. Überall, wo Menschen auf mächtige Reptilien treffen, wo Knochen aus dem Boden ragen, wo Landschaften und Gewässer Unsicherheit erzeugen, kann das Drachenbild eine Art Resonanzkörper werden. Es muss nicht „wahr“ sein, um wirksam zu sein.
Bölsche ist dabei kein Zyniker. Er nimmt die Bilder ernst, ohne ihnen zu glauben – und er glaubt an die Fakten, ohne sie trocken zu machen. Das macht den Text lesbar: Er argumentiert nicht im Modus der Entlarvung, sondern im Modus der Verwandtschaft.
6. Seeungeheuer und Kraken: Die Schule der unsicheren Wahrnehmung
Der Exkurs über Seeungeheuer, Seeschlangen und Kraken wirkt zunächst wie ein Seitengang, ist aber dramaturgisch klug. Denn hier wird ein Mechanismus sichtbar, der für Drachen ebenso gilt: Das Monströse gedeiht dort, wo Wahrnehmung unsicher ist – in Tiefe, Ferne, Dunst, schlechter Sicht, in der Vermittlung durch Erzählungen.
Das Meer ist in dieser Hinsicht ein ideales Medium: Es macht aus jeder Beobachtung eine Hypothese. Ein Schatten wird zur Kreatur, ein Umriss zur Legende. Bölsche zeigt: Zwischen Beobachtung, Übertreibung und Traditionsbildung entsteht ein Feld, in dem das „Tier“ weniger zählt als die Erzählwahrscheinlichkeit.
Für literarische Leser:innen ist das ein hübscher Hinweis: Monster sind oft weniger Figuren als Effekte – Effekte von Perspektive, Distanz, medialer Vermittlung.
7. Komodowaran: Moderne Wieder-Einspeisung des Drachenmotivs
Das Buch gewinnt eine besondere Zeitfarbe, wenn Bölsche auf den (damals) aktuellen Diskurs um den Komodowaran eingeht – als „lebender Drachen“-Kandidat. Hier zeigt sich die Moderne als Motor der Re-Mythologisierung: Neue Funde und neue Tiere speisen alte Bilder nach.
Wichtig ist Bölsches implizite Beobachtung, dass bereits die Benennung kulturell aufgeladen ist. „Drache“ ist kein neutrales Wort. Es ist ein Lesemuster, das Wirklichkeit formt. Sobald ein Tier groß genug, fremd genug, urtümlich genug erscheint, wird es in die Nähe des Motivs gezogen – und damit in eine Bedeutungssphäre, die über Biologie hinausgeht.
8. Schlussbewegung: Warum der Drache bleibt
Bölsche endet nicht mit einer eindeutigen Auflösung („Drache = X“). Und genau das ist seine Stärke. Stattdessen bleibt er bei einer doppelten Pointe:
Naturgeschichte liefert immer wieder Material, das Drachenbilder plausibel erscheinen lässt.
Kultur/Seele braucht das Motiv, weil es Grundfragen von Angst, Ordnung und Überwältigung erzählt.
Man kann das als frühe Form eines kulturwissenschaftlichen Gedankens lesen: Motive sind stabil, wenn sie mehrere Register gleichzeitig bedienen. Der Drache ist gleichzeitig körperlich vorstellbar (Reptil, Fossil, Urwelt) und semantisch aufgeladen (Chaos, Prüfstein, Gegenspieler). Er ist Monster und Metapher – und deshalb so wandlungsfähig.
Warum heute lesen?
Es gibt gute Gründe, Bölsches Büchlein nicht als Kuriosum im Regal der „alten Populärwissenschaft“ abzutun.
Erstens: Wer heute Fantasy liest oder schreibt, kennt Drachen meist als fertiges Set: Feuer, Flügel, Schatz, majestätischer Schrecken. Bölsche bietet keine Best-of-Liste solcher Tropen – aber er liefert etwas Wertvolleres: eine kleine Theorie darüber, warum das Motiv so belastbar ist. Das kann die Lektüre moderner Texte schärfen. Man sieht plötzlich, dass „Drache“ nicht nur eine Kreatur ist, sondern ein kultureller Umschlagplatz.
Zweitens: Für Leser:innen, die sich für das Verhältnis von Wissenschaft und Imagination interessieren, ist Bölsche ein Beispiel dafür, wie Wissen nicht nur entzaubert, sondern auch neue Verzauberung produziert. Paläontologie als Mythengenerator – das ist eine Perspektive, die gerade in Zeiten wissenschaftlicher Bildwelten (Rekonstruktionen, Simulationen, Visualisierungen) überraschend aktuell wirkt.
Drittens: Wer kulturgeschichtlich neugierig ist, bekommt hier eine Momentaufnahme der 1920er/30er-Jahre: eine Moderne, die sich selbst als aufgeklärt versteht und doch unaufhörlich nach Urzeitbildern greift. Bölsche ist darin weder naiv nostalgisch noch kalt rational. Er ist ein Vermittler – und Vermittlung ist oft spannender als Entscheidung.
Lohnen wird sich der Text besonders für:
Literatur- und Kulturblog-Leser:innen, die gern Motive „unter der Oberfläche“ verfolgen (Mythos, Symbol, Erzählstruktur).
Fantasy-Interessierte, die wissen wollen, warum Drachen so leicht zwischen Monster und Majestät kippen.
Essay-Leser:innen, die Freude an älterer populärer Wissenschaftsprosa haben – mit ihrem Hang zum großen Bild.
Wen der Text dagegen weniger glücklich macht, sind Leser:innen, die eine streng wissenschaftliche, aktuelle Drachenkunde erwarten. Bölsche ist kein modernes Fachbuch, sondern ein gedanklicher Parcours.
Mini-These für Fantasy und Moderne
Bölsches Perspektive erklärt, warum moderne Phantastik Drachen so selbstverständlich zwischen Monster und Majestät pendeln lassen kann: Das Motiv trägt gleichzeitig den naturgeschichtlichen „Realitätsrest“ (Urwelt/Übermacht) und die symbolische Funktion (Ordnungskonflikt). Moderne Texte müssen den Drachen daher nicht neu erfinden – sie müssen nur die Gewichtung verschieben.
Wer einmal so liest, merkt schnell: Der Drache ist nicht die Ausnahme, sondern ein Modellfall. An ihm lässt sich beobachten, wie Kultur aus Materie Bedeutung macht – und wie Bedeutung wiederum dafür sorgt, dass wir in der Materie genau das finden, was wir zu finden hoffen.
Kurzfazit:
Bölsches Drachen. Sage und Naturwissenschaft ist kein Handbuch, sondern ein feuilletonistisch anschlussfähiger Gedankentext: Der Drache als Hybrid aus Naturspur und Symbolspur. Wer wissen will, wie Knochen zu Bildern werden – und warum Bilder sich trotz aller Knochen nicht erledigen –, findet hier eine überraschend moderne Lektüre. …
Friedrich Wilds Studie Drachen im Beowulf und andere Drachen ist keine populärwissenschaftliche „Drachenkunde“ im heutigen Fantasy-Sinn, sondern ein philologisch und kulturhistorisch argumentierender Beitrag zur Frage, wie mittelalterliche Texte – vor allem das altenglische Epos Beowulf – ihr Drachenmotiv formen und welche Traditionslinien dabei wirksam werden. Der Text erschien als Abhandlung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (philosophisch-historische Klasse) und ist entsprechend als gelehrte, quellengesättigte Untersuchung angelegt. …
Die Landschaft der phantastischen Literatur in Deutschland wird seit Jahrzehnten nicht nur von großen Publikumsverlagen geprägt, sondern auch von einer hochengagierten Independent-Szene. Eine der beständigsten und kulturhistorisch wertvollsten Säulen dieser Bewegung ist die Reihe „Fantasia“, herausgegeben vom Ersten Deutschen Fantasy Club e.V. (edfc). Bei dem vorliegenden Objekt „Fantasia 72-73“ handelt es sich um eine typische Doppelnummer dieser als Taschenbuch erscheinenden Anthologie- und Magazinreihe, die eine Brücke zwischen anspruchsvoller Fan-Kultur (Fandom) und akademischer Literaturwissenschaft schlägt. …
Wer ist ein Held und wie wird man dazu? Was heute Marketingagenturen, soziale Medien und PR-Abteilungen übernehmen, war auch in der Frühen Neuzeit ein hochkomplexer Prozess. Der im Jahr 2013 im Harrassowitz Verlag erschienene Sammelband „Heroen und Heroisierungen in der Renaissance“, herausgegeben von Achim Aurnhammer und Manfred Pfister, widmet sich genau diesem Phänomen. Für interessierte Laien öffnet das Buch ein faszinierendes Fenster in eine Zeit, in der das moderne Verständnis von Ruhm, Individualität und Verehrung maßgeblich geprägt wurde. …
Zunächst setzen wir den Weg in Mittelerde fort und sehen uns philosophischen Gedanken ausgesetzt. Dann wird ein Werk zur feministischen Utopieforschung angesprochen und zu guter Letzt lernen wir etwas über Chemie uns Science-Fiction ……
Bölsches Büchlein ist eine populärwissenschaftliche „Brückenarbeit“ zwischen Drachensage und Naturgeschichte. Die Leitfrage lautet sinngemäß: Warum ist das Drachenbild so weltweit stabil – und welche realen Naturerfahrungen (Fossilien, große Reptilien, „ungeheure“ Tiere) könnten die Imagination immer wieder gespeist haben? Esist eines dieser kleinen Bücher, die sich nicht recht entscheiden wollen, ob sie wissenschaftlich informieren oder literarisch verführen sollen – und gerade deshalb zu den interessanteren Exemplaren ihrer Gattung gehören. Es ist ein Text aus einer Zwischenzone: populärwissenschaftlich, ja, aber mit einem spürbaren Sinn für den Sog alter Bilder. Bölsche schreibt nicht über Drachen, um sie endgültig „wegzuerklären“. Er schreibt über sie, weil er merkt, dass man sie nicht loswird. …
Friedrich Wilds Studie Drachen im Beowulf und andere Drachen ist keine populärwissenschaftliche „Drachenkunde“ im heutigen Fantasy-Sinn, sondern ein philologisch und kulturhistorisch argumentierender Beitrag zur Frage, wie mittelalterliche Texte – vor allem das altenglische Epos Beowulf – ihr Drachenmotiv formen und welche Traditionslinien dabei wirksam werden. Der Text erschien als Abhandlung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (philosophisch-historische Klasse) und ist entsprechend als gelehrte, quellengesättigte Untersuchung angelegt. …
Dieses Mal war es nicht wirklich viel, aber dafür sehr interessant für mich. Erstens habe ich noch einen Beitrag zu Ernst Bloch und die DDR aufgefunden und eingetragen. Und Zweitens – die Drachen lassen mich derzeit nicht los. Drei Veröffentlichungen habe sich aus dem Fundus erhoben und lassen mich überlegen, ob ich ein vor einiger Zeit angefangenes Essay zu Thema „Drachen in der Fantastik“ nicht doch endlich einmal zu Ende bringen sollte. Mal sehen …
Florian Kragls Monographie widmet sich der deutschen Dietrichepik des hohen, späten und „spätesten“ Mittelalters – und damit einem zentralen Segment der deutschsprachigen Heldenepik jenseits des Nibelungenlieds. Der Autor setzt bewusst dort an, wo die ältere Forschung lange Zeit entweder stoff- und sagengeschichtlich rekonstruieren wollte oder die Texte als „spröde“ Randzone der mittelalterlichen Erzählliteratur behandelte. Kragl nimmt demgegenüber eine programmatische Position ein: Die Dietrichdichtung soll als literarisches Phänomen gelesen werden – mit eigener Poetik, eigenen Erzählverfahren und eigener ästhetischer Logik.
Im Zentrum steht dabei eine breite Textpalette, die von den bekannten Erzählkomplexen um Dietrichs Flucht und die Rabenschlacht bis zu aventiurehaften Einzeltexten wie Goldemar, Laurin, Sigenot, Eckenlied, Virginal, Rosengarten und Wunderer reicht. Kragl verortet diese Texte zudem mediengeschichtlich im Spannungsfeld von mündlicher Überlieferung und schriftlicher Fixierung – eine Perspektive, die sowohl die Überlieferungsform als auch die literarische Gestalt der Texte ernst nimmt. …
Zur antiquarischen Sichtung wurde eurobuch.com und diebuchsuche.at benutzt und soll euch zeigen, dass es preisgünstige Möglichkeiten gibt ältere Titel zu erstehen. Reguläre Preise beziehen sich in der Regel auf Amazon.de-Angaben. Die Links wurden bei Aufnahme einmal überprüft auf unerwünschte Inhalte. Auf Änderungen der Link-Inhalte nach Aufnahme in den veröffentlichten Korpus habe ich keinen Einfluss. Sollten unerwünschte Inhalte also trotz Prüfung vorkommen, so verständigen Sie mich bitte, damit ich den Link entfernen kann. Die vorhandenen Bild- und Textzitate dienen lediglich zur Information über den verlinkten Inhalt und sollen keinesfalls Rechte der tatsächlichen Verfasser schmälern.
Wild, Friedrich Drachen im Beowulf und andere Drachen mit einem Anhang: Drachenfeldzeichen, Drachenwappen und St. Georg
12 Abbildungen auf 6 Tafeln
Böhlaus Nachfolger, Wien (1962)
Vom Schatzhüter zum Zeichen des Endes: Was der Beowulf-Drache bei Wild bedeutet
V
Friedrich Wilds Studie Drachen im Beowulf und andere Drachen ist keine populärwissenschaftliche „Drachenkunde“ im heutigen Fantasy-Sinn, sondern ein philologisch und kulturhistorisch argumentierender Beitrag zur Frage, wie mittelalterliche Texte – vor allem das altenglische Epos Beowulf – ihr Drachenmotiv formen und welche Traditionslinien dabei wirksam werden. Der Text erschien als Abhandlung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (philosophisch-historische Klasse) und ist entsprechend als gelehrte, quellengesättigte Untersuchung angelegt. …
Wer sich für Beowulf interessiert, stößt früher oder später auf den Drachenkampf am Ende des Epos. Wild nimmt diesen Kernpunkt zum Ausgang, um zwei Dinge systematisch zu verbinden:
(1) sprach- und begriffsgeschichtliche Fragen (Was bedeutet „Drache“ überhaupt? Welche Wörter stehen in welchen Sprachen zur Verfügung?) und
(2) motivgeschichtliche und literarische Vergleichsperspektiven (Welche Bilder und Erzählmuster sind aus Antike, Bibeltradition und europäischem Mittelalter nachweisbar?).
Inhalt und Aufbau – worum es Wild geht
Schon zu Beginn macht Wild deutlich, dass „Drachen“ als Motiv in Sagen und Legenden weit über die germanische Welt hinausreichen. Dennoch fragt er präzise nach dem Beowulf-Befund: Wie wird der Drachenkampf erzählt? Welche Bedeutung trägt das Motiv im Rahmen des Epos?
Ein wichtiger Einstieg ist die Etymologie und Begriffsgeschichte. Wild verfolgt, wie Bezeichnungen (u. a. draco, serpens, anguis; altenglisch draca, wyrm) in unterschiedlichen Traditionen eingesetzt und verschoben werden. Das wirkt zunächst „trocken“, ist aber ein methodischer Schlüssel: Denn nur wenn man die Wörter, ihre Konnotationen und ihre Übersetzungsgeschichte ernst nimmt, lässt sich zeigen, wann „Drache“ eher Schlange, eher Seeungeheuer, eher apokalyptisches Teufelswesen oder eher Schatzhüter meint – und wann Texte diese Ebenen bewusst überblenden.
Im Hauptteil verdichtet Wild seine Argumentation auf den Beowulf-Drachen: Er prüft, welche Vorbilder oder Vergleichstexte plausibel sind, und arbeitet besonders sorgfältig an der Frage, ob und wie sich klassische Modelle (u. a. Ovid) und christlich-biblische Deutungsrahmen im Beowulf überlagern. Bemerkenswert ist dabei: Wild argumentiert nicht in einfachen „Einfluss“-Formeln („Das kommt sicher von X“), sondern zeigt Wahrscheinlichkeiten, Parallelen und Grenzen.
Ein besonders anschauliches Element ist der schematische Vergleich einer Ovid-Episode (Cadmus und die Mars-Schlange) mit dem Beowulf-Drachenkampf: Wild legt dazu Ablaufsegmente nebeneinander, um strukturelle Ähnlichkeiten und Unterschiede sichtbar zu machen. Das ist didaktisch klug, weil es den Leser*innen erlaubt, literarische Form nicht nur als „Stoff“ zu sehen, sondern als komponierte Handlung.
Ein weiterer Schwerpunkt betrifft den Drachen nicht nur als Kampfgegner, sondern als Schatzhüter und als Figur, die in einer Werteordnung steht: Drachen bewachen, bedrohen, rächen, verwüsten – und sie markieren Übergänge (im Beowulf auch den Übergang ins Ende des Helden und des Epos). Wild greift dabei wiederholt auf Detailbeobachtungen aus dem Text zurück (Wortfelder, Beiname, Erzählinstanz), um die Funktion des Drachen im Gesamtgefüge zu fassen.
… Wir bekommen nun auch eine genauere Vorstellung von dem Beowulfdichter: Wir haben es mit einem nach einem künstlerischen Plan unter Verwertung literarischer Vorbilder schaffenden Mann von edler, frommer, christlicher Gesinnung zu tun, vertraut mit den alten Heldendichtungen seines Volkes, sorgfältig in der Behandlung der überlieferten metrischen Form und geschickt im Gebrauch der alten Dichtersprache, die er durch mancherlei neue Züge bereicherte. Wir stehen vor dem Bild eines begabten Dichters, der sehr wohl in jene Frühzeit angelsächsischer Kultur passt, die König Alfred in seiner Vorrede zu der Übersetzung der Cura Pastoralis Gregors des Grossen zurückersehnt. Auszug, Seite 43, Schluss
Stärken: Was das Buch heute noch leistet
1) Methodische Nüchternheit bei großer Materialfülle. Wild arbeitet mit einem breiten Spektrum an Quellen und Forschungsliteratur: antike Autoren, Bibel/Patristik, mittelalterliche Texte, Lexika, philologische Standardwerke. Trotz dieser Fülle bleibt sein Ziel erkennbar: den Beowulf-Drachen in einem Netz von Traditionen zu verorten, ohne ihn in einem einzigen Ursprung aufzulösen.
2) Präzision in der Begriffsarbeit. Gerade für interessierte Laien ist es lehrreich zu sehen, wie viel in scheinbar einfachen Begriffen steckt. Wild zeigt, dass die Drachenfrage nicht zuerst eine Frage des „Monsters“ ist, sondern eine Frage von Sprache, Übersetzung, kultureller Bildtradition.
3) Der Text als literarisches Artefakt. Indem Wild symbolische Deutungen (etwa in der Tolkien-Rezeption) referiert und zugleich skeptisch prüft, macht er sichtbar, wie Interpretationen entstehen – und wo sie sich von belegbaren Textsignalen entfernen können. Das ist wissenschaftsgeschichtlich interessant und für die Beowulf-Lektüre produktiv.
4) Historisch-gesellschaftlicher Hintergrund als impliziter Rahmen. Die Studie steht im Kontext einer Philologie, die europäische Traditionen großräumig zusammendenkt: Antike, Christentum, germanisches Mittelalter – und deren Überlieferungswege (Handschriften, Übersetzungen, Rezeption). Wilds Argumentation ist dadurch zugleich ein Stück Gelehrtengeschichte der Nachkriegszeit: breit gebildet, textnah, stark auf „Traditionszusammenhänge“ und Quellenphilologie fokussiert.
Grenzen und mögliche Reibungsflächen aus heutiger Sicht
1) Anspruchsvolle Lesbarkeit. Als Akademie-Abhandlung ist der Text dicht, mit vielen Belegen und Fußnoten. Wer einen flüssigen Essay erwartet, muss sich auf einen eher „archivalischen“ Stil einstellen.
2) Forschungslage und Terminologie (Stand 1962). Ein Teil der Diskussionen, die Wild führt (z. B. über konkrete Vorbilder, über „Einflüsse“ und Rezeptionswege), wäre heute vermutlich anders gerahmt – nicht unbedingt widerlegt, aber oft mit neuen methodischen Akzenten (Intertextualität, Narratologie, kulturwissenschaftliche Monsterforschung). Das schmälert den Wert des Buches nicht, aber es erklärt, warum man es am besten als Grundlage und historischen Forschungsstand liest – und weniger als „letztes Wort“.
3) Schwerpunktsetzung: stark text- und quellenorientiert. Wer stärker an Fragen nach Mentalitätsgeschichte, Gewalt- und Herrschaftsbildern oder sozialgeschichtlichen Lesarten des Monsters interessiert ist, findet bei Wild eher indirekte Anschlüsse. Sein Fokus liegt auf Traditionslinien, Sprachformen und literarischer Komposition.
Zum Autor: Friedrich Wild (im Rahmen des Textes)
Aus der Anlage der Studie spricht ein Autor, der in der klassischen Philologie und der germanistischen Mediävistik gleichermaßen zuhause ist und der sich sichtbar in einer wissenschaftlichen Kultur bewegt, in der Quellenbreite, philologische Genauigkeit und Referenzdichte zentrale Qualitätsmarker sind. Wild argumentiert vorsichtig, arbeitet häufig über Vergleichsfälle und zeigt eine deutliche Sensibilität dafür, dass Ähnlichkeit nicht automatisch Abstammung bedeutet.
Fazit: Für wen lohnt sich die Lektüre?
Drachen im Beowulf und andere Drachen lohnt sich für Leser*innen, die den Drachen im Beowulf nicht nur als spektakuläre Episode, sondern als historisch aufgeladenes Motiv verstehen wollen. Das Buch ist eine intensive Tour durch Wortgeschichte, Textvergleich und Überlieferungszusammenhänge – weniger „unterhaltsam“ als manche moderne Einführung, dafür substanziell, textnah und argumentativ belastbar.
Wer sich wissenschaftlich mit Beowulf, Drachenmotiven oder der Schnittstelle von antiker, biblischer und mittelalterlicher Tradition befasst, findet hier einen Fundus, der auch Jahrzehnte nach Erscheinen noch nutzbar ist – vor allem als präzise dokumentierte Grundlage und als Zeugnis einer Gelehrsamkeit, die das literarische Detail ernst nimmt.
…
Bibliographisch: Antiquarisch:Anmerkung(en):
Wild, Friedrich
Drachen im Beowulf und andere Drachen
mit einem Anhang: Drachenfeldzeichen, Drachenwappen und St. Georg
Friedrich Wilds Studie Drachen im Beowulf und andere Drachen ist keine populärwissenschaftliche „Drachenkunde“ im heutigen Fantasy-Sinn, sondern ein philologisch und kulturhistorisch argumentierender Beitrag zur Frage, wie mittelalterliche Texte – vor allem das altenglische Epos Beowulf – ihr Drachenmotiv formen und welche Traditionslinien dabei wirksam werden. Der Text erschien als Abhandlung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (philosophisch-historische Klasse) und ist entsprechend als gelehrte, quellengesättigte Untersuchung angelegt. …
Die Landschaft der phantastischen Literatur in Deutschland wird seit Jahrzehnten nicht nur von großen Publikumsverlagen geprägt, sondern auch von einer hochengagierten Independent-Szene. Eine der beständigsten und kulturhistorisch wertvollsten Säulen dieser Bewegung ist die Reihe „Fantasia“, herausgegeben vom Ersten Deutschen Fantasy Club e.V. (edfc). Bei dem vorliegenden Objekt „Fantasia 72-73“ handelt es sich um eine typische Doppelnummer dieser als Taschenbuch erscheinenden Anthologie- und Magazinreihe, die eine Brücke zwischen anspruchsvoller Fan-Kultur (Fandom) und akademischer Literaturwissenschaft schlägt. …
Wer ist ein Held und wie wird man dazu? Was heute Marketingagenturen, soziale Medien und PR-Abteilungen übernehmen, war auch in der Frühen Neuzeit ein hochkomplexer Prozess. Der im Jahr 2013 im Harrassowitz Verlag erschienene Sammelband „Heroen und Heroisierungen in der Renaissance“, herausgegeben von Achim Aurnhammer und Manfred Pfister, widmet sich genau diesem Phänomen. Für interessierte Laien öffnet das Buch ein faszinierendes Fenster in eine Zeit, in der das moderne Verständnis von Ruhm, Individualität und Verehrung maßgeblich geprägt wurde. …
Zunächst setzen wir den Weg in Mittelerde fort und sehen uns philosophischen Gedanken ausgesetzt. Dann wird ein Werk zur feministischen Utopieforschung angesprochen und zu guter Letzt lernen wir etwas über Chemie uns Science-Fiction ……
Bölsches Büchlein ist eine populärwissenschaftliche „Brückenarbeit“ zwischen Drachensage und Naturgeschichte. Die Leitfrage lautet sinngemäß: Warum ist das Drachenbild so weltweit stabil – und welche realen Naturerfahrungen (Fossilien, große Reptilien, „ungeheure“ Tiere) könnten die Imagination immer wieder gespeist haben? Esist eines dieser kleinen Bücher, die sich nicht recht entscheiden wollen, ob sie wissenschaftlich informieren oder literarisch verführen sollen – und gerade deshalb zu den interessanteren Exemplaren ihrer Gattung gehören. Es ist ein Text aus einer Zwischenzone: populärwissenschaftlich, ja, aber mit einem spürbaren Sinn für den Sog alter Bilder. Bölsche schreibt nicht über Drachen, um sie endgültig „wegzuerklären“. Er schreibt über sie, weil er merkt, dass man sie nicht loswird. …
Friedrich Wilds Studie Drachen im Beowulf und andere Drachen ist keine populärwissenschaftliche „Drachenkunde“ im heutigen Fantasy-Sinn, sondern ein philologisch und kulturhistorisch argumentierender Beitrag zur Frage, wie mittelalterliche Texte – vor allem das altenglische Epos Beowulf – ihr Drachenmotiv formen und welche Traditionslinien dabei wirksam werden. Der Text erschien als Abhandlung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (philosophisch-historische Klasse) und ist entsprechend als gelehrte, quellengesättigte Untersuchung angelegt. …
Dieses Mal war es nicht wirklich viel, aber dafür sehr interessant für mich. Erstens habe ich noch einen Beitrag zu Ernst Bloch und die DDR aufgefunden und eingetragen. Und Zweitens – die Drachen lassen mich derzeit nicht los. Drei Veröffentlichungen habe sich aus dem Fundus erhoben und lassen mich überlegen, ob ich ein vor einiger Zeit angefangenes Essay zu Thema „Drachen in der Fantastik“ nicht doch endlich einmal zu Ende bringen sollte. Mal sehen …
Florian Kragls Monographie widmet sich der deutschen Dietrichepik des hohen, späten und „spätesten“ Mittelalters – und damit einem zentralen Segment der deutschsprachigen Heldenepik jenseits des Nibelungenlieds. Der Autor setzt bewusst dort an, wo die ältere Forschung lange Zeit entweder stoff- und sagengeschichtlich rekonstruieren wollte oder die Texte als „spröde“ Randzone der mittelalterlichen Erzählliteratur behandelte. Kragl nimmt demgegenüber eine programmatische Position ein: Die Dietrichdichtung soll als literarisches Phänomen gelesen werden – mit eigener Poetik, eigenen Erzählverfahren und eigener ästhetischer Logik.
Im Zentrum steht dabei eine breite Textpalette, die von den bekannten Erzählkomplexen um Dietrichs Flucht und die Rabenschlacht bis zu aventiurehaften Einzeltexten wie Goldemar, Laurin, Sigenot, Eckenlied, Virginal, Rosengarten und Wunderer reicht. Kragl verortet diese Texte zudem mediengeschichtlich im Spannungsfeld von mündlicher Überlieferung und schriftlicher Fixierung – eine Perspektive, die sowohl die Überlieferungsform als auch die literarische Gestalt der Texte ernst nimmt. …
Zur antiquarischen Sichtung wurde eurobuch.com und diebuchsuche.at benutzt und soll euch zeigen, dass es preisgünstige Möglichkeiten gibt ältere Titel zu erstehen. Reguläre Preise beziehen sich in der Regel auf Amazon.de-Angaben. Die Links wurden bei Aufnahme einmal überprüft auf unerwünschte Inhalte. Auf Änderungen der Link-Inhalte nach Aufnahme in den veröffentlichten Korpus habe ich keinen Einfluss. Sollten unerwünschte Inhalte also trotz Prüfung vorkommen, so verständigen Sie mich bitte, damit ich den Link entfernen kann. Die vorhandenen Bild- und Textzitate dienen lediglich zur Information über den verlinkten Inhalt und sollen keinesfalls Rechte der tatsächlichen Verfasser schmälern.
Rickels, Laurence A.
Deutschland. Ein Science Fiction.
in: Meister, Carolin / Rickels, Laurence A. (Hrsg.) – Ghostarbeiter: über technische und okkulte Medien
Kadmos, Berlin (2014)
ISBN 9783865992420
Deutschland als Science-Fiction-Diagnose…
D
Wer sich für Fantastik/Fantastik-Debatten in Deutschland interessiert – insbesondere für die Linie von Technikphantasien, Dystopie und Utopiekritik – findet in Laurence A. Rickels’ „Deutschland. Ein Science-Fiction“ einen Text, der sich wie eine Mini-Monografie im Aufsatzformat liest: Rickels nutzt Science-Fiction nicht als Nische der Populärkultur, sondern als kulturgeschichtliches Diagnoseinstrument. „Deutschland“ erscheint dabei als Problem- und Projektionsfläche, die in Genres, Medien und Technikutopien fortlebt – oft dort, wo direkte historische Erzählung aussetzt.
Der Aufsatz ist deshalb so ergiebig, weil er Fantastik nicht nur inhaltlich (Raumfahrt, Androiden, Zukunft) adressiert, sondern methodisch: Er fragt, welche kulturellen Arbeiten (Trauer, Reparation, Integration, Verdrängung) Genres leisten – und wie Technik- und Mediengeschichte diese Arbeiten mit organisiert. …
Laurence A. Rickels’ Beitrag „Deutschland. Ein Science-Fiction“ lässt sich als medien- und kulturtheoretische Fallstudie lesen, die Science-Fiction nicht primär als Literaturgattung, sondern als kulturelles Dispositiv behandelt. Der Text verbindet Genre-Geschichte, Technik- und Populärkultur sowie psychoanalytisch informierte Begriffe (u. a. Trauer, Empathie, Integration) zu einer Argumentation, in der „Deutschland“ weniger als geografisch-nationale Kategorie denn als Problem- und Projektionsfigur innerhalb der Science-Fiction-Traditionen erscheint.
Strukturell arbeitet der Artikel über mehrere miteinander verschränkte Themenfelder: Erstens zeichnet Rickels eine Linie, in der „Deutschland“ als früher Impulsgeber technischer Imagination (u. a. im Umfeld filmischer Projektionen wie Fritz Lang) und zugleich als später verdrängter bzw. umcodierter Bezugspunkt der Nachkriegs-SF erscheint. Science-Fiction fungiert dabei als Speicherform, in der Gewaltgeschichte und ihre Nachwirkungen nicht direkt, sondern über Zukunftsformen und Technikmotive weiterarbeiten. Zweitens rückt Rickels die Figur des Androiden und das Motiv des „Empathietests“ ins Zentrum. Das „Androiden-Problem“ wird nicht als Frage technischer Eliminierung, sondern als Problem sozialer und psychischer Integration gefasst. Adoleszenz erscheint in diesem Zusammenhang als zeitlich begrenzte Inszenierung von Psychopathie, aus der ein Hinauswachsen möglich ist; dadurch wird die Grenzziehung zwischen „menschlich“ und „nicht-menschlich“ als Frage affektiver und trauerbezogener Kompetenz modelliert.
Drittens erweitert der Text die Perspektive auf Nachkriegskultur und Populärmedien: Die Nachkriegskarriere Wernher von Brauns und die Disney-Formate um „Tomorrowland“ werden als Bestandteile einer kulturellen Maschinerie beschrieben, die technische Zukunftsbilder, Schuld- und Produktivitätsnarrative sowie politische „Integration“ ineinander verschaltet. In diesem Kontext erscheint Science-Fiction als Infrastruktur, die bestimmte gesellschaftliche Verständigungen über Technik und Zukunft performativ herstellt, statt sie nur abzubilden. Viertens thematisiert Rickels die Nachkriegsordnung (u. a. Morgenthau, Adenauer, Wiedergutmachungspolitik) und diskutiert – auch über Hinweise auf Pynchon – die auffällige Abwesenheit des Holocaust in bestimmten Zukunftsentwürfen als Symptom kultureller Umdefinitionen. Die These, dass „Wiedergutmachung“ eine Sprache der Bewertung und Kompensation etabliert, wird als Teil einer symbolischen Ökonomie entfaltet, die produktive, aber auch riskante Verschiebungen ermöglicht.
Der Beitrag arbeitet stilistisch mit dichter Montage, schnellen Übergängen und einer hohen Referenzdichte (Genre, Geschichte, Psychoanalyse, Popkultur). Die Argumentation ist weniger als linearer Nachweis angelegt denn als Folge von Verknüpfungen, die den Leser:innen ein assoziativ-theoretisches Mitdenken abverlangen. Als Stärke kann gelten, dass Rickels Science-Fiction konsequent als kulturelle Form ernst nimmt, in der historische Konflikte, Affektpolitiken und Medienumgebungen zusammenlaufen. Zugleich setzt der Text für eine reibungslose Lektüre Vorwissen bzw. Bereitschaft zur Theoriearbeit voraus; eine explizite Begriffsführung oder didaktische Entfaltung der Referenzen ist nicht sein primäres Ziel.
Insgesamt bietet „Deutschland. Ein Science-Fiction“ eine Deutung von Science-Fiction als historisch aufgeladene Kulturtechnik, in der „Deutschland“ als Signatur von Integrations- und Übersetzungsproblemen (Technik, Gewaltgeschichte, Empathie) wiederkehrt. Der Artikel eignet sich besonders für Fragestellungen, die Genre nicht nur textimmanent, sondern im Verbund mit Mediengeschichte, politischer Nachgeschichte und Affekttheorie untersuchen. …
1) „Deutschland“ als Science-Fiction-Archiv: von Lang zur Nachkriegs-SF
Rickels setzt bei einer Genealogie an, die deutsche Zukunftsbilder eng mit Medien- und Technikgeschichte verschaltet: Fritz Langs Bildräume und die frühe Film-SF markieren einen Ursprung, aus dem heraus „Deutschland“ als technikfantastische Projektionsmacht sichtbar wird – Rakete, Gravitation, Grab/Start, Aufbruch und Kontrollphantasie. (Rickels Laurence – Deutschland. Ein Science-Fiction)
Entscheidend ist dann die Verschiebung: Nach 1945 ist „Deutschland“ nicht einfach nur ein Herkunftslabel, sondern wird im Genre als Integrationsproblem weitergeführt. Science-Fiction wird – in Rickels’ Zugriff – zu einem Speicher, in dem die Nachgeschichte (Schuld, Gewalt, politische Neuordnung) nicht frontal, aber wirksam verarbeitet wird.
2) Androiden, Adoleszenz, Empathie: Fantastik als Testlabor
Eine der stärksten Passagen ist Rickels’ Modellierung des Androiden-Topos: Das „Androiden-Problem“ sei nicht durch Eliminierung zu lösen, sondern durch Integration – und Integration heißt hier: Empathie testen.
Rickels koppelt diese Figur an Adoleszenz: Jugendzeit erscheint als eine „zeitbasierte“ Inszenierung von Psychopathie, die nicht notwendig endgültig ist, sondern als Übergang gedacht werden kann. Damit verschiebt er das Fantastische vom reinen Spektakel in eine anthropologische und soziale Grenzdiagnostik: Wer/was ist „menschlich“, wenn Empathie (und Trauerfähigkeit) unsicher wird? (Rickels Laurence – Deutschland. Ein Science-Fiction)
Für eine deutschsprachige Fantastik-Diskussion ist das produktiv, weil es den Androiden (und allgemeiner: das Nicht-Menschliche) nicht als „Other“ fixiert, sondern als Spiegel einer gesellschaftlichen Normalisierung: Fantastik zeigt nicht nur das Unheimliche, sie zeigt, wie Normalität hergestellt wird.
3) Populärkultur als Zukunftsmaschine: Disney, „Tomorrowland“, von Braun
Im weiteren Verlauf verbindet Rickels Technikgeschichte und Kulturindustrie: Wernher von Brauns Nachkriegskarriere und die Disney-Inszenierung der Raumfahrt („Tomorrowland“) werden zu einer Art Integrationsapparat.
Hier zeigt sich ein Kern von Rickels’ Schreibweise: Er liest Populärkultur nicht „nur“ ideologiekritisch, sondern als Ort, an dem Zukunftserzählungen gesellschaftliche Widersprüche operativ machen – also: anschlussfähig, erzählbar, konsumierbar. Das Fantastische (Weltraum, Zukunft) ist nicht Fluchtpunkt, sondern Infrastruktur, die die Gegenwart sortiert.
4) Deutsche Fantastik als Spannungsfeld von Utopie und Katastrophe: Laßwitz vs. Wells
Für meinen derzeitigen Fokus „Technikdystopie und Utopiekritik 1897–1925“ ist besonders die Rückbindung an Kurd Laßwitz (Auf zwei Planeten, 1897) interessant. Rickels positioniert Laßwitz als frühen, deutschen Knotenpunkt, der eine andere Mars- und Zukunftslogik ermöglicht als die später kanonische Katastrophenlinie, die häufig mit H. G. Wells verbunden wird.
Ohne dass Rickels daraus eine schlichte „Deutschland = Utopie“-Behauptung macht, wird doch sichtbar: Fantastik in Deutschland kann als Debatte über Zukunftsformen gelesen werden – und diese Debatte kippt historisch (und politisch) in andere Register, in denen Technikverheißung, Gewaltgeschichte und „Integration“ sich überlagern.
5) Wiedergutmachung, Holocaust-Abwesenheit und die Grenzen der Reparation
Im dritten Teil greift Rickels explizit auf Nachkriegspolitik (u. a. Adenauer/Wiedergutmachung) und auf die Frage der (Nicht-)Darstellbarkeit bzw. Abwesenheit des Holocaust in bestimmten Nachkriegs-Zukunftsdiskursen aus.
Science-Fiction erscheint hier als problematischer, aber aufschlussreicher Raum: Gerade das, was nicht auftaucht, kann als Symptom wirken. Rickels bindet diese Beobachtung an eine Ökonomie der Reparation, in der Produktivität als Maßstab eingesetzt wird – mit dem Effekt, dass „Ausgleich“ zugleich etwas verdecken und etwas neu organisieren kann
Warum der Sammelband Ghostarbeiter mehr ist als „Verpackung“
Auch wenn Rickels’ Aufsatz im Vordergrund steht: Der Sammelband Ghostarbeiter. Über technische und okkulte Medien liefert die theoretische Grundtemperatur, aus der der Text hervorgeht. Die Leitfigur der „Ghostarbeit“ denkt Kultur als Arbeit am Nicht-Integrierten: Reste, Verluste, Verdrängtes, das in „Krypten“ eingeschlossen bleibt und als Störung wiederkehrt.
Damit wird verständlich, warum Rickels Science-Fiction so konsequent als Medienphänomen liest: Zukunftsbilder hängen an den Bedingungen dessen, was eine Kultur speichern, senden und sichtbar machen kann.
Ein Aufsatz für alle, die SF nicht nur „lesen“, sondern als Kulturtechnik verstehen wollen
„Deutschland. Ein Science-Fiction“ eignet sich besonders für Leser:innen, die Fantastik als Konfliktfeld begreifen: zwischen Technikverheißung und Utopiekritik, zwischen Populärkultur und politischer Nachgeschichte, zwischen dem, was erzählt werden kann, und dem, was als Abwesenheit nachwirkt.
Wenn man bereit ist, sich auf die dichte Montage einzulassen, bekommt man kein bequemes Genre-Urteil, sondern einen Text, der Science-Fiction als historisch aufgeladene Kulturtechnik lesbar macht – und „Deutschland“ als Signatur von Integrations- und Übersetzungsproblemen in diesen Zukunftsformen.
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keine
Rickels, Laurence A.: Wikipedia-Eintrag
Onlinequelle …
Bedeutung: kurze Beschreibung des Autors und Hinweis auf Hauptwerk (Germany. A Science Fiction. Fort Wayne AntiOedipus Press, 2015, ISBN 978-0-9892391-7-2)…Quelle: Wikipedia
Rezension von Rickels „Germany: A Science Fiction (2015): Rezension von David Agranoff am 17. Oktober 2020
Sekundärliteratur …
Bedeutung: „Man muss schon ein Akademiker oder ein Science-Fiction-Theorie-Nerd sein, der sich wie ich intensiv damit beschäftigt. Verdammt, das ist genau die Art von Buch, die man mir ins
Gehirn implantieren könnte. Das größte Kompliment, das ich dem Buch machen kann, ist wohl, dass es im Regal zwei Plätze neben Damon Knights „In Search of Wonder“ steht. Das ist ein MUSS für Science-Fiction-Theoretiker, und ich bin froh, dass ich es gelesen habe. …Quelle: larickels.com
Rickels, Laurence A.: Webpräsenz des Autors
Onlinequelle…
Bedeutung: Webpräsenz des Autors und weitere Hinweise auf sein Schaffen wie z.B. „Der integrierte Vampir“ nebst vielen InterviewsQuelle:larickels.com
Es kam ziemlich protzig daher. 2,5 kg schwer und in einer Größe, dass normale Regale es nicht schlucken. 34,5 x 23,8 x 4 cm groß. Auch der Titel zeugt nicht gerade von Bescheidenheit: „The Book“ …
Zunächst setzen wir den Weg in Mittelerde fort und sehen uns philosophischen Gedanken ausgesetzt. Dann wird ein Werk zur feministischen Utopieforschung angesprochen und zu guter Letzt lernen wir etwas über Chemie uns Science-Fiction ……
Bölsches Büchlein ist eine populärwissenschaftliche „Brückenarbeit“ zwischen Drachensage und Naturgeschichte. Die Leitfrage lautet sinngemäß: Warum ist das Drachenbild so weltweit stabil – und welche realen Naturerfahrungen (Fossilien, große Reptilien, „ungeheure“ Tiere) könnten die Imagination immer wieder gespeist haben? Esist eines dieser kleinen Bücher, die sich nicht recht entscheiden wollen, ob sie wissenschaftlich informieren oder literarisch verführen sollen – und gerade deshalb zu den interessanteren Exemplaren ihrer Gattung gehören. Es ist ein Text aus einer Zwischenzone: populärwissenschaftlich, ja, aber mit einem spürbaren Sinn für den Sog alter Bilder. Bölsche schreibt nicht über Drachen, um sie endgültig „wegzuerklären“. Er schreibt über sie, weil er merkt, dass man sie nicht loswird. …
Friedrich Wilds Studie Drachen im Beowulf und andere Drachen ist keine populärwissenschaftliche „Drachenkunde“ im heutigen Fantasy-Sinn, sondern ein philologisch und kulturhistorisch argumentierender Beitrag zur Frage, wie mittelalterliche Texte – vor allem das altenglische Epos Beowulf – ihr Drachenmotiv formen und welche Traditionslinien dabei wirksam werden. Der Text erschien als Abhandlung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (philosophisch-historische Klasse) und ist entsprechend als gelehrte, quellengesättigte Untersuchung angelegt. …
Dieses Mal war es nicht wirklich viel, aber dafür sehr interessant für mich. Erstens habe ich noch einen Beitrag zu Ernst Bloch und die DDR aufgefunden und eingetragen. Und Zweitens – die Drachen lassen mich derzeit nicht los. Drei Veröffentlichungen habe sich aus dem Fundus erhoben und lassen mich überlegen, ob ich ein vor einiger Zeit angefangenes Essay zu Thema „Drachen in der Fantastik“ nicht doch endlich einmal zu Ende bringen sollte. Mal sehen …
Florian Kragls Monographie widmet sich der deutschen Dietrichepik des hohen, späten und „spätesten“ Mittelalters – und damit einem zentralen Segment der deutschsprachigen Heldenepik jenseits des Nibelungenlieds. Der Autor setzt bewusst dort an, wo die ältere Forschung lange Zeit entweder stoff- und sagengeschichtlich rekonstruieren wollte oder die Texte als „spröde“ Randzone der mittelalterlichen Erzählliteratur behandelte. Kragl nimmt demgegenüber eine programmatische Position ein: Die Dietrichdichtung soll als literarisches Phänomen gelesen werden – mit eigener Poetik, eigenen Erzählverfahren und eigener ästhetischer Logik.
Im Zentrum steht dabei eine breite Textpalette, die von den bekannten Erzählkomplexen um Dietrichs Flucht und die Rabenschlacht bis zu aventiurehaften Einzeltexten wie Goldemar, Laurin, Sigenot, Eckenlied, Virginal, Rosengarten und Wunderer reicht. Kragl verortet diese Texte zudem mediengeschichtlich im Spannungsfeld von mündlicher Überlieferung und schriftlicher Fixierung – eine Perspektive, die sowohl die Überlieferungsform als auch die literarische Gestalt der Texte ernst nimmt. …
Zur antiquarischen Sichtung wurde eurobuch.com und diebuchsuche.at benutzt und soll euch zeigen, dass es preisgünstige Möglichkeiten gibt ältere Titel zu erstehen. Reguläre Preise beziehen sich in der Regel auf Amazon.de-Angaben. Die Links wurden bei Aufnahme einmal überprüft auf unerwünschte Inhalte. Auf Änderungen der Link-Inhalte nach Aufnahme in den veröffentlichten Korpus habe ich keinen Einfluss. Sollten unerwünschte Inhalte also trotz Prüfung vorkommen, so verständigen Sie mich bitte, damit ich den Link entfernen kann. Die vorhandenen Bild- und Textzitate dienen lediglich zur Information über den verlinkten Inhalt und sollen keinesfalls Rechte der tatsächlichen Verfasser schmälern.
Schröpf, Franz (Red.)
Fantasia Nr. 72-73
EDFC, Passau (1993)
ISBN 3924443599
Zwischen Fandom und Literaturwissenschaft: Die Publikationsreihe „Fantasia“ des Ersten Deutschen Fantasy Clubs (EDFC)
F
Die Landschaft der phantastischen Literatur in Deutschland wird seit Jahrzehnten nicht nur von großen Publikumsverlagen geprägt, sondern auch von einer hochengagierten Independent-Szene. Eine der beständigsten und kulturhistorisch wertvollsten Säulen dieser Bewegung ist die Reihe „Fantasia“, herausgegeben vom Ersten Deutschen Fantasy Club e.V. (edfc). Bei dem vorliegenden Objekt „Fantasia 72-73“ handelt es sich um eine typische Doppelnummer dieser als Taschenbuch erscheinenden Anthologie- und Magazinreihe, die eine Brücke zwischen anspruchsvoller Fan-Kultur (Fandom) und akademischer Literaturwissenschaft schlägt. …
Historischer Hintergrund und zeitliche Entwicklung
Um die Bedeutung von Fantasia 72-73 zu verstehen, ist ein Blick auf die Historie der deutschen Phantastik-Szene unerlässlich. Der Erste Deutsche Fantasy Club (EDFC) wurde bereits 1978 in Passau gegründet. Zu dieser Zeit steckte die Rezeption von Fantasy-Literatur in Deutschland noch in den Kinderschuhen; das Genre wurde im Literaturbetrieb häufig als reine Trivialliteratur abgetan.
Die Publikationsreihe Fantasia entwickelte sich über die Jahrzehnte hinweg von einem einfachen Vereinsorgan (Fanzine) zu einer professionell gestalteten, im Buchhandel erhältlichen Reihe. …
… Fantasia enthält Amateur-Kurzgeschichten, Gedichte, Artikel über Fantasy und deren Randgebiete, ferner Diskussionsbeiträge, umfangreiche Buch- und Filmbesprechungen, Hinweise auf Neuerscheinungen auf dem deutschen Fantasymarkt und Illustrationen. Neben den normalen Magazin-Ausgaben erscheinen auch häufig erscheinen Themennummern.… Auszug aus der Website des EDFC (14.6.2026)
Die Anfänge (1980er Jahre): Fokus auf Clubnachrichten, kurze Rezensionen und erste Gehversuche lokaler Autoren.
Die Konsolidierungsphase (1990er bis 2000er Jahre): Die Reihe öffnet sich verstärkt sekundärliterarischen Arbeiten. Namhafte Kritiker und Übersetzer wie Franz Rottensteiner publizieren hier fundierte Essays über internationale Größen wie Stanisław Lem, H.P. Lovecraft oder J.R.R. Tolkien.
Die Moderne (Ausgaben im Bereich 70+): Die Bände, zu denen auch die Doppelnummer 72-73 gehört, etablierten sich als dicke Paperbacks. Doppelnummern wurden vom Verlag strategisch eingesetzt, um thematische Schwerpunkte umfassend
Die Digitale (Ausgaben ab der Nummer 222e+): Seit der Nummer 222e im Jahre 2009 erscheint die Reihe nur mehr als eBook und diese ist auch seit 2015 kostenlos zu beziehen. Die Bestellung erfolgt einfach über: edfc@edfc.de…
Thomas Höhl, Franz Schröpf (Herausgeber(in)): „Die Schöne und das Biest“. In: Thomas Höhl (Autor/in) (Hg.): Fantasia, 1993, Nr. 72/73. Bd. 072/073. O. O.: Erster Deutscher Fantasy Club e.V. (EDFC) 1993 (= Fantasia (EDFC)), S. 223.
Bedeutung: Bibliographische Datenbank zur Verifizierung von Editionsdaten, Ausgabenverzeichnissen und historischen Publikationsreihen im Bereich der Spekulativen FiktionQuelle: ISFDB
Offizielle Dokumentation des Ersten Deutschen Fantasy Clubs e.V. (EDFC):
Onlinequelle …
Bedeutung: Primärquelle für Vereinsgeschichte, Publikationsindizes und VerlagsstrukturQuelle: EDFC
Friedrich Wilds Studie Drachen im Beowulf und andere Drachen ist keine populärwissenschaftliche „Drachenkunde“ im heutigen Fantasy-Sinn, sondern ein philologisch und kulturhistorisch argumentierender Beitrag zur Frage, wie mittelalterliche Texte – vor allem das altenglische Epos Beowulf – ihr Drachenmotiv formen und welche Traditionslinien dabei wirksam werden. Der Text erschien als Abhandlung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (philosophisch-historische Klasse) und ist entsprechend als gelehrte, quellengesättigte Untersuchung angelegt. …
Die Landschaft der phantastischen Literatur in Deutschland wird seit Jahrzehnten nicht nur von großen Publikumsverlagen geprägt, sondern auch von einer hochengagierten Independent-Szene. Eine der beständigsten und kulturhistorisch wertvollsten Säulen dieser Bewegung ist die Reihe „Fantasia“, herausgegeben vom Ersten Deutschen Fantasy Club e.V. (edfc). Bei dem vorliegenden Objekt „Fantasia 72-73“ handelt es sich um eine typische Doppelnummer dieser als Taschenbuch erscheinenden Anthologie- und Magazinreihe, die eine Brücke zwischen anspruchsvoller Fan-Kultur (Fandom) und akademischer Literaturwissenschaft schlägt. …
Wer ist ein Held und wie wird man dazu? Was heute Marketingagenturen, soziale Medien und PR-Abteilungen übernehmen, war auch in der Frühen Neuzeit ein hochkomplexer Prozess. Der im Jahr 2013 im Harrassowitz Verlag erschienene Sammelband „Heroen und Heroisierungen in der Renaissance“, herausgegeben von Achim Aurnhammer und Manfred Pfister, widmet sich genau diesem Phänomen. Für interessierte Laien öffnet das Buch ein faszinierendes Fenster in eine Zeit, in der das moderne Verständnis von Ruhm, Individualität und Verehrung maßgeblich geprägt wurde. …
Zunächst setzen wir den Weg in Mittelerde fort und sehen uns philosophischen Gedanken ausgesetzt. Dann wird ein Werk zur feministischen Utopieforschung angesprochen und zu guter Letzt lernen wir etwas über Chemie uns Science-Fiction ……
Bölsches Büchlein ist eine populärwissenschaftliche „Brückenarbeit“ zwischen Drachensage und Naturgeschichte. Die Leitfrage lautet sinngemäß: Warum ist das Drachenbild so weltweit stabil – und welche realen Naturerfahrungen (Fossilien, große Reptilien, „ungeheure“ Tiere) könnten die Imagination immer wieder gespeist haben? Esist eines dieser kleinen Bücher, die sich nicht recht entscheiden wollen, ob sie wissenschaftlich informieren oder literarisch verführen sollen – und gerade deshalb zu den interessanteren Exemplaren ihrer Gattung gehören. Es ist ein Text aus einer Zwischenzone: populärwissenschaftlich, ja, aber mit einem spürbaren Sinn für den Sog alter Bilder. Bölsche schreibt nicht über Drachen, um sie endgültig „wegzuerklären“. Er schreibt über sie, weil er merkt, dass man sie nicht loswird. …
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Im Zentrum steht dabei eine breite Textpalette, die von den bekannten Erzählkomplexen um Dietrichs Flucht und die Rabenschlacht bis zu aventiurehaften Einzeltexten wie Goldemar, Laurin, Sigenot, Eckenlied, Virginal, Rosengarten und Wunderer reicht. Kragl verortet diese Texte zudem mediengeschichtlich im Spannungsfeld von mündlicher Überlieferung und schriftlicher Fixierung – eine Perspektive, die sowohl die Überlieferungsform als auch die literarische Gestalt der Texte ernst nimmt. …
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Tauchen wir tiefer in das literaturwissenschaftliche Herzstück des Orlando Furioso ein. Wir betrachten die beiden faszinierendsten Dimensionen, die Ariostos Werk zu einem so wegweisenden Vorläufer moderner Erzählformen machen: seine revolutionäre Erzählstruktur und seine erstaunliche Antizipation von Science-Fiction-Motiven.
Das Wort Entrelacement stammt aus dem Französischen und bedeutet „Verflechtung“ oder „Ineinanderweben“. Ariosto hat diese Technik nicht erfunden – sie hat ihre Wurzeln in den altfranzösischen Artusromanen des Mittelalters –, aber er hat sie auf ein orchestrales, bis dahin unerreichtes Niveau gehoben. …