Kragl, Florian Heldenzeit
Interpretationen zur Dietrichepik des 13. bis 16. Jahrhunderts
Winter, Heidelberg (2013)
Studien zur historischen Poetik, Band 12
ISBN 9783825360740
Weltlogik statt Historismus: Was Heldenzeit für Fantasy-Leser:innen interessant macht …
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Florian Kragls Monographie widmet sich der deutschen Dietrichepik des hohen, späten und „spätesten“ Mittelalters – und damit einem zentralen Segment der deutschsprachigen Heldenepik jenseits des Nibelungenlieds. Der Autor setzt bewusst dort an, wo die ältere Forschung lange Zeit entweder stoff- und sagengeschichtlich rekonstruieren wollte oder die Texte als „spröde“ Randzone der mittelalterlichen Erzählliteratur behandelte. Kragl nimmt demgegenüber eine programmatische Position ein: Die Dietrichdichtung soll als literarisches Phänomen gelesen werden – mit eigener Poetik, eigenen Erzählverfahren und eigener ästhetischer Logik.
Im Zentrum steht dabei eine breite Textpalette, die von den bekannten Erzählkomplexen um Dietrichs Flucht und die Rabenschlacht bis zu aventiurehaften Einzeltexten wie Goldemar, Laurin, Sigenot, Eckenlied, Virginal, Rosengarten und Wunderer reicht. Kragl verortet diese Texte zudem mediengeschichtlich im Spannungsfeld von mündlicher Überlieferung und schriftlicher Fixierung – eine Perspektive, die sowohl die Überlieferungsform als auch die literarische Gestalt der Texte ernst nimmt. …
Ziel und Ansatz des Buches
Ein wesentlicher Reiz von Heldenzeit liegt in einer doppelten Korrektur gängiger Perspektiven:
Gegen ein direktes Gleichsetzen von Heldendichtung und „Geschichtserinnerung“ arbeitet Kragl heraus, dass mittelalterliches Sprechen über Heldenstoffe oft gerade nicht automatisch „historische Wahrheit“ behauptet. Vielmehr erscheinen die Stoffe häufig als kommunes Erzählgut, das flexibel zitiert, verwendet und bewertet werden kann.
Gegen eine rein sagengeschichtliche Erklärung insistiert Kragl darauf, dass die überlieferten Texte nicht bloß Spuren einer verlorenen „Urform“ seien, sondern als Texte ernst genommen werden müssen: Welche Poetik entsteht hier? Welche Zeitmodelle, Wertungen, Figurenlogiken und Erzählverfahren prägen diese Literatur?
Der zentrale Begriff „Heldenzeit“ wird dabei als analytisches Werkzeug profiliert: als Zeitalter/Erzählraum, der sich in Erzählverläufen und (mit Einschränkungen) in chronometrische Ordnung übersetzen lässt – ohne die Texte naiv zu historisieren.
… Im Grunde ist der hier formulierte Vorschlag ein ganz einfacher: Vorgeschlagen ist, sich mit den Dietrich-Texten an eine tabula rasa zu setzen, oder eigentlich: nicht an einen ›abgeschabten‹, sondern an einen ›leeren‹ Tisch: leer von althergebrachten generischen Prämissen zur Helden- (denn daher rührt doch das enge Gattungskonzept: von ›Hildebrandslied‹, ›Nibelungenlied‹, nicht von ›Sigenot‹ oder ›Alpharts Tod‹) und speziell zur Dietrichepik. Damit ist nicht Rücksichtslosigkeit, aber doch einem guten Mass Skepsis gegenüber ästhetischer Normierung, sozialgeschichtlicher Fixierung und interpretatorischer Ignoranz der Texte das Wort geredet. Die lose Arbeitsdefinition der Textbasis wäre dann nicht als Resignation angesichts der evidenten Buntheit der Dietrichepik zu begreifen, nicht als Endpunkt einer Dekonstruktionsbewegung gegen ›alte‹ Gattungsbegriffe, sondern als Möglichkeit, die Textgruppe um den Berner, in all ihrer Vielfalt, neu in den Blick zu nehmen. …
Stärken der Studie
1) Textnähe und „Re-Literarisierung“
Kragl gelingt es, einen Korpus, der Leser:innen zunächst sperrig erscheinen kann, über präzise Lektüren so zu erschließen, dass das Eigentümliche nicht weginterpretiert, sondern sichtbar gemacht wird. Besonders überzeugend ist die Leitidee der „hermeneutischen Resistenz“: Die Dietrichepik entzieht sich oft den Deutungserwartungen, die man aus höfischem Roman oder Historiographie mitbringt – und genau daraus entsteht eine spezifische Poetik.
2) Differenzierter Blick auf „Wahrheit“ und „Geschichte“
Instruktiv sind die Passagen, in denen Kragl mittelalterliche Stimmen heranzieht, um zu zeigen, wie Heldenstoffe im 13. Jahrhundert wahrgenommen, zitiert und hierarchisiert werden. Das Buch macht plausibel, dass „Heroisches“ als Reservoir präsent ist (Namen, Szenen, Kampfexempel), aber nicht zwingend als historiographisch gesichertes Wissen gilt.
3) Methodische Transparenz
Statt eines starren methodischen Großrahmens arbeitet Kragl variabel mit Intertextualität, Medialität, Zeitmodellen, Gattungsfragen und Poetik. Die Studie wirkt dadurch offen, bleibt aber durch klare Begründungen und sichtbare Argumentationsschritte nachvollziehbar.
4) Das Konzept „Heldenzeit“ als Deutungsgewinn
Der Begriff „Heldenzeit“ bündelt in der Lektüre viele Einzelbeobachtungen zu Erzählweise, Figurenkonstellationen und Zeitentwürfen. Gerade für Leser:innen, die sich für „Genrelogiken“ interessieren, hat das einen Mehrwert: Die Studie macht deutlich, dass die Dietrichepik nicht nur „Stoffgeschichte“, sondern auch Poetikgeschichte ist.
Bezug zur Fantastik: Warum ein mediävistisches Fachbuch hier anschlussfähig ist
Auch wenn Kragls Gegenstand keine moderne Genre-Fantastik ist, ergeben sich übergreifende Anschlussstellen, die für „Helden in der Fantastik“ (im Sinne moderner Fantasy, aber auch allgemeiner: heroische Erzählmuster im Wunderbaren) produktiv sind.
1) „Heldenzeit“ als Welt- und Zeitregime (Nähe zu Worldbuilding)
Die „Heldenzeit“ funktioniert als Regel- und Erwartungsraum: Bestimmte Konflikte, Figurenrollen und Handlungslogiken wirken in ihr „angemessen“, andere nicht. Diese Idee lässt sich gut neben modernes Worldbuilding stellen: Auch dort ist oft nicht eine durchgängig historistische Plausibilität zentral, sondern die Stabilität eines erzählerischen Möglichkeitsraums.
2) Heldenstatus als erzählerische Funktion (nicht nur als Moralfigur)
Viele Fantastik-Erzählungen – gerade epische Fantasy – arbeiten mit Heldenfiguren, die weniger psychologisch-modern als rollenhaft, exemplarisch oder typologisch angelegt sind. Kragls „Re-Literarisierung“ der Dietrichepik sensibilisiert dafür, solche Figuren nicht vorschnell als „flach“ zu bewerten, sondern als Teil einer Poetik, in der Konfliktlogik, Exempelhaftigkeit und Wiedererkennbarkeit zentrale Funktionen übernehmen.
Kragls Betonung des status von Heldenerzählungen als kommunes Erzählgut ist für Fantastik besonders anschlussfähig: Viele moderne Fantastikwelten erzeugen Tiefe nicht nur über „Chronik“, sondern über Legendenwissen, Gerüchte, Traditionszitate. Das Ergebnis ist ein narrativer Kosmos, der nicht vollständig „beweisbar“ sein muss, um wirksam zu sein.
4) Das Wunderbare: Resistenz gegen eindeutige Lesarten
Das Nebeneinander von heroischer Kampfhandlung und wunderhaften Elementen (etwa im Umfeld von Stoffen wie Laurin) lässt sich – in moderner Perspektive – als frühe Variante eines Erzählmodus verstehen, der das Nicht-Alltägliche nicht notwendig allegorisch „auflöst“. Für Fantastik-Lektüren ist das ein hilfreicher Impuls: Das Wunderbare muss nicht als Mangel an Realismus gelten, sondern kann als eigenes Wahrheitsregime funktionieren.
Mögliche Grenzen (für interessierte Laien)
Heldenzeit ist eine wissenschaftliche Monographie aus der germanistischen Mediävistik. Das bringt Dichte (und gelegentlich Terminologie) mit sich. Wer jedoch bereit ist, sich auf argumentatives Lesen einzulassen, erhält eine Studie, die nicht nur Detailinterpretationen liefert, sondern auch zeigt, wie sich ein scheinbar randständiger Korpus literarisch produktiv machen lässt.
Der Autor im Kontext
Aus dem Vorwort wird deutlich, dass das Buch aus einem größeren wissenschaftlichen Projekt heraus entstanden ist (Habilitationskontext) und Teil eines zweiteiligen Vorhabens ist. Kragl positioniert sich als Forscher, der philologische Detailarbeit mit großen literaturhistorischen Fragen verbindet: Was macht Heldendichtung aus? Wie entsteht in diesen Texten eine eigene „Zeit“ des Heroischen? Welche Rolle spielen Medialität und Überlieferungsbedingungen?
Fazit
Florian Kragls Heldenzeit ist eine fundierte, textnahe und zugleich theoretisch ambitionierte Studie, die die Dietrichepik als literarisch eigenständige Erzählwelt ernst nimmt. Für einen allgemeinen Literaturblog ist das Buch besonders dann interessant, wenn man Leser:innen zeigen möchte, dass mittelalterliche Heldenstoffe nicht nur „alte Sagen“ sind, sondern komplexe Formen literarischer Zeit- und Weltentwürfe – und dass sich genau daraus eine fruchtbare Verbindung zu Fragen nach „Helden in der Fantastik“ ergibt: über Zeitregime, Rollenpoetik, Traditionswissen und den Status des Wunderbaren. …
Florian Kragls Monographie widmet sich der deutschen Dietrichepik des hohen, späten und „spätesten“ Mittelalters – und damit einem zentralen Segment der deutschsprachigen Heldenepik jenseits des Nibelungenlieds. Der Autor setzt bewusst dort an, wo die ältere Forschung lange Zeit entweder stoff- und sagengeschichtlich rekonstruieren wollte oder die Texte als „spröde“ Randzone der mittelalterlichen Erzählliteratur behandelte. Kragl nimmt demgegenüber eine programmatische Position ein: Die Dietrichdichtung soll als literarisches Phänomen gelesen werden – mit eigener Poetik, eigenen Erzählverfahren und eigener ästhetischer Logik.
Im Zentrum steht dabei eine breite Textpalette, die von den bekannten Erzählkomplexen um Dietrichs Flucht und die Rabenschlacht bis zu aventiurehaften Einzeltexten wie Goldemar, Laurin, Sigenot, Eckenlied, Virginal, Rosengarten und Wunderer reicht. Kragl verortet diese Texte zudem mediengeschichtlich im Spannungsfeld von mündlicher Überlieferung und schriftlicher Fixierung – eine Perspektive, die sowohl die Überlieferungsform als auch die literarische Gestalt der Texte ernst nimmt. …
Die Faszination für das Unsichtbare ist so alt wie die Menschheit selbst. Mit dem großformatigen Bildband Geisterwelten, herausgegeben von Jessica Hundley und erschienen im Taschen Verlag (Köln, 2026), wird dieser universellen Sehnsucht ein monumentales Denkmal gesetzt. Das Werk reiht sich in die ambitionierte und visuell bestrickende Reihe der Library of Esoterica ein. Für interessierte Laien bietet dieser Band einen eleganten, sachlichen und kunsthistorisch fundierten Einstieg in ein Thema, das allzu oft zwischen Jahrmarkts-Spuk und dogmatischer Skepsis zerrieben wird. …
„Die Geschichte der Prophezeiungen: Orakel, Utopien, Prognosen“ (französischer Originaltitel: Histoire de l’avenir: Des prophètes à la prospective, 1996) ist ein umfassendes kulturhistorisches Werk. Georges Minois untersucht darin ein urmenschliches Bedürfnis: das Verlangen, einen Blick in das Kommende zu werfen, und die Methoden, die Gesellschaften dafür im Laufe der Jahrtausende entwickelt haben.Hier ist eine detaillierte Übersicht zum Autor, dem Inhalt des Buches und einer kritischen Bewertung: …
Bölsches Büchlein ist eine populärwissenschaftliche „Brückenarbeit“ zwischen Drachensage und Naturgeschichte. Die Leitfrage lautet sinngemäß: Warum ist das Drachenbild so weltweit stabil – und welche realen Naturerfahrungen (Fossilien, große Reptilien, „ungeheure“ Tiere) könnten die Imagination immer wieder gespeist haben? Esist eines dieser kleinen Bücher, die sich nicht recht entscheiden wollen, ob sie wissenschaftlich informieren oder literarisch verführen sollen – und gerade deshalb zu den interessanteren Exemplaren ihrer Gattung gehören. Es ist ein Text aus einer Zwischenzone: populärwissenschaftlich, ja, aber mit einem spürbaren Sinn für den Sog alter Bilder. Bölsche schreibt nicht über Drachen, um sie endgültig „wegzuerklären“. Er schreibt über sie, weil er merkt, dass man sie nicht loswird. …
Friedrich Wilds Studie Drachen im Beowulf und andere Drachen ist keine populärwissenschaftliche „Drachenkunde“ im heutigen Fantasy-Sinn, sondern ein philologisch und kulturhistorisch argumentierender Beitrag zur Frage, wie mittelalterliche Texte – vor allem das altenglische Epos Beowulf – ihr Drachenmotiv formen und welche Traditionslinien dabei wirksam werden. Der Text erschien als Abhandlung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (philosophisch-historische Klasse) und ist entsprechend als gelehrte, quellengesättigte Untersuchung angelegt. …
Dieses Mal war es nicht wirklich viel, aber dafür sehr interessant für mich. Erstens habe ich noch einen Beitrag zu Ernst Bloch und die DDR aufgefunden und eingetragen. Und Zweitens – die Drachen lassen mich derzeit nicht los. Drei Veröffentlichungen habe sich aus dem Fundus erhoben und lassen mich überlegen, ob ich ein vor einiger Zeit angefangenes Essay zu Thema „Drachen in der Fantastik“ nicht doch endlich einmal zu Ende bringen sollte. Mal sehen …
Zur antiquarischen Sichtung wurde eurobuch.com und diebuchsuche.at benutzt und soll euch zeigen, dass es preisgünstige Möglichkeiten gibt ältere Titel zu erstehen. Reguläre Preise beziehen sich in der Regel auf Amazon.de-Angaben. Die Links wurden bei Aufnahme einmal überprüft auf unerwünschte Inhalte. Auf Änderungen der Link-Inhalte nach Aufnahme in den veröffentlichten Korpus habe ich keinen Einfluss. Sollten unerwünschte Inhalte also trotz Prüfung vorkommen, so verständigen Sie mich bitte, damit ich den Link entfernen kann. Die vorhandenen Bild- und Textzitate dienen lediglich zur Information über den verlinkten Inhalt und sollen keinesfalls Rechte der tatsächlichen Verfasser schmälern.
Wenn man den kosmischen Horror (auch bekannt als Lovecraftian Horror) in die Betrachtung einbezieht, verschiebt sich die bisherige zweidimensionale Gegenüberstellung grundlegend. Es entsteht kein einfaches Dualsystem mehr, sondern ein hochkomplexes Genredreieck.
Der kosmische Horror bricht mit einer Prämisse, die sowohl dem klassischen als auch dem traditionellen phantastischen Horror gemein ist: der Annahme, dass der Mensch das wichtigste Zentrum der Erzählung darstellt.
Hier ist das erweiterte Essay, das diese metaphysische Dimension integriert. …
Risse im Fundament der Wirklichkeit – Was genau macht eigentlich Angst?
Die Faszination des Grauens begleitet die Menschheit seit jeher: Literatur (und natürlich auch Film und Serien) inszeniert Angst als kalkulierte Grenzerfahrung – und bietet zugleich Distanz, Erregung und manchmal sogar so etwas wie Katharsis. Doch „Horror“ ist nicht gleich „Horror“.
Eine hilfreiche Unterscheidung – gerade für literarische Analysen – verläuft zwischen Horror innerhalb einer stabilen, realistischen Weltordnung und Horror, der diese Ordnung selbst ins Wanken bringt. Im Folgenden geht es deshalb um die Frage:
Wie unterscheiden sich klassischer/realistischer Horror und phantastischer Horror hinsichtlich Weltmodell, Auslösern des Schreckens und dem Rezeptionsmodus? …
Der Beitrag zeigt, wie das altenglische Epos Beowulf im deutschsprachigen Raum seit dem 19. Jahrhundert rezipiert wurde – und warum es gerade für Fantastik und Phantastik anschlussfähig blieb. Im Zentrum stehen Übersetzung und kulturelles Framing (besonders Karl Simrocks Fassung von 1859), die ideologisch umkämpften Lesarten im frühen 20. Jahrhundert sowie die Entnationalisierung und Genre-Ausdifferenzierung nach 1945. Ein Vergleich deutschsprachiger Fantastik-Traditionen mit internationaler (vor allem anglophoner) Fantasy macht sichtbar, wie unterschiedliche Begriffs- und Marktlogiken den Stoff entweder als „Herkunftserzählung“ oder als frei kombinierbares Motivreservoir behandeln. Am Ende werden drei Motive – Held, Monster, Drache – als Funktionskerne beschrieben, über die ein mittelalterlicher Text in moderne Fantastik übergeht. …
Kirde, Kalju
Führer durch die klassische Weird Fiction
Lindenstruth, Giessen (2008)
ISBN 3934273882
Ein Meilenstein der unheimlichen Phantastik – Kalju Kirdes Wegweiser durch die Weird Fiction …
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Die unheimliche Phantastik ist heute aus der modernen Populärkultur nicht mehr wegzudenken. Doch das Fundament für das Verständnis dieses Genres im deutschsprachigen Raum wurde bereits vor Jahrzehnten gelegt. Mit dem „Führer durch die klassische Weird Fiction“ von Kalju Kirde, veröffentlicht im Lindenstruth Verlag im Jahr 2008, lag die erste umfassende Literaturgeschichte dieser Gattung in deutscher Sprache vor. Der Text bietet einen faszinierenden, historisch wertvollen Einblick in eine literarische Strömung, die lange Zeit im Verborgenen blühte. …
Der Autor: Ein Pionier des Unheimlichen
Um das Werk angemessen zu würdigen, ist ein Blick auf den Verfasser unerlässlich. Kalju Kirde erlangte bleibende Bedeutung als Herausgeber der legendären Reihe „Bibliothek des Hauses Usher“ im renommierten Insel Verlag. In dieser Funktion leistete er unschätzbare Pionierarbeit und brachte anspruchsvolle phantastische Literatur einem breiteren Publikum näher. Kirde war kein distanzierter Theoretiker, sondern ein leidenschaftlicher Kenner, dessen profundes Wissen und sicheres Gespür für literarische Qualität das Genre im Nachkriegsdeutschland maßgeblich prägten.
Historischer und gesellschaftlicher Hintergrund
Besonders eindrucksvoll ist der zeitliche Kontext der Entstehung: Kalju Kirde verfasste diesen Leitfaden bereits im Jahr 1966. Die „Bemerkungen über Weird Fiction“ erschienen in den Nummern 8, 9 und 10 des Quarber Merkur von Franz Rottensteiner. Die historische Isolation spiegelt sich auch in der Publikationsform wider: Der Text erschien nicht in einem etablierten Verlag, sondern in einem Amateur-Magazin. Er entsprang somit direkt der damaligen Fanzine-Kultur – einer engagierten Subkultur von Enthusiasten, die sich abseits des literarischen Mainstreams bewegten.
Zu jener Zeit war die literarische Landschaft in Deutschland bezüglich der angelsächsischen unheimlichen Phantastik weitgehend ein unbeschriebenes Blatt. Namen wie H. P. Lovecraft, Clark Ashton Smith oder William Hope Hodgson, die heute Kultstatus genießen, waren damals hierzulande nahezu gänzlich unbekannt.
Die zeitliche Entwicklung von der Veröffentlichung in einem Amateur-Magazin bis hin zur ersten geschlossenen Buchausgabe im Jahr 2008 verdeutlicht eindrucksvoll, wie sich die Weird Fiction von einer belächelten Nische zu einer anerkannten literarischen Strömung gewandelt hat.
Inhaltliche Analyse und literarischer Wert
Kirdes literaturgeschichtlicher Streifzug zeichnet sich vor allem durch seine Zugänglichkeit aus. Er erzählt anschaulich von der Entwicklung des Genres und stellt dabei sowohl die großen Wegweiser als auch weniger bedeutende Autoren und deren Werke detailliert vor. Dies geschieht völlig ohne akademischen Dünkel, ist jedoch höchst unterhaltsam und informativ gestaltet.
Dass diese Arbeit weit mehr als nur ein historisches Kuriosum ist, betont auch der bekannte Experte Franz Rottensteiner im Vorwort der vorliegenden Ausgabe. Er attestiert Kirdes Ausführungen eine bleibende Aktualität:
… Auch vom heutigen Stand der wissenschaftlichen Forschung gesehen findet man in diesen Ausführungen allerlei, das dank seiner klaren und eindeutigen Aussageweise und dem sicheren Urteilsvermögen als Richtschnur zur Lektüre und nützliche Anleitung zur näheren Beschäftigung mit der phantastischen Literatur dienen kann. …Franz Rottensteiner, Vorwort
Damit bietet das Werk gerade interessierten Laien eine verlässliche und klare Orientierungshilfe, um die historischen Verästelungen des Unheimlichen zu durchdringen.
Hochwertige Ausstattung der Neuausgabe
Die im Jahr 2008 vom Lindenstruth Verlag vorgelegte Erstausgabe in Buchform wertet Kirdes historischen Text durch eine wissenschaftlich und ästhetisch gelungene Ausstattung auf. Der Neuausgabe wurden Abbildungen seltener Buchumschläge beigegeben, die den Geist der damaligen Epoche visuell einfangen. Darüber hinaus machen eine präzise Bibliographie sowie ein umfassender Personenindex das schmale Werk zu einem vollwertigen, praktischen Nachschlagewerk für die eigene Bibliothek.
Fazit und Kernaussage
Für interessierte Laien bietet dieser Führer den perfekten roten Faden durch die klassische Weird Fiction. Die zentrale Kernaussage ist leicht verständlich: Die unheimliche Phantastik ist kein modernes Phänomen, sondern eine historisch tief verwurzelte Kunstform, deren Entdeckung im deutschsprachigen Raum Männern wie Kalju Kirde zu verdanken ist. Seine Mischung aus profundem Urteilsvermögen und lebendiger Erzählweise macht das Buch zu einer Pflichtlektüre für jeden Phantastik-Liebhaber …
Buchquelle: Lexikon der phantastischen Literatur – Rein A. Zondergeld, Weibrecht, Stuttgart (1998), Eintrag Kalju Kirde, Seite 194 Bedeutung: Lexikoneintrag zu Kalju Kirde …
Rein A. Zondergeld, Holger E. Wiedenstried: Lexikon der phantastischen Literatur. Stuttgart/Wien/Bern: Weitbrecht Verlag in K. Thienemanns Verlag 1998. 1
Die Wiederentdeckung und Bewahrung klassischer phantastischer Literatur stellt eine der faszinierendsten Nischen des modernen Publikationswesens dar. Ein herausragendes Beispiel für dieses editorische Engagement ist die im JMB Verlag erscheinende Reihe Das Kabinett der Phantasten. Geprägt durch das Zusammenspiel von Verleger Jens Bolm und dem Herausgeber, Literaturwissenschaftler sowie Übersetzer Dr. Heiko Postma, widmet sich dieses ambitionierte Projekt der systematischen Aufarbeitung von Meisterwerken der Schauerliteratur, der Phantastik und der unheimlichen Belletristik vom 18. bis zum frühen 20. Jahrhundert.
Der folgende Essay analysiert das literarische und konzeptionelle Profil dieser Reihe, beleuchtet den historischen Hintergrund und untersucht die besondere Rolle der wissenschaftlichen Kommentierung für das Lesepublikum. …
Chajim Bloch (geboren am 27. Juni 1881 in Nagybocskó, Österreich-Ungarn; gestorben am 23. Januar 1973 in New York) war ein bedeutender chassidischer und kabbalistischer Rabbiner, Publizist und Schriftsteller. Er gilt als einer der wichtigsten Vermittler der jüdischen Mystik und Folklore im deutschsprachigen Raum des frühen 20. Jahrhunderts. Besondere Bekanntheit erlangte er durch seine literarischen Bearbeitungen osteuropäischer jüdischer Sagen – allen voran der Legende um den Golem von Prag. Mitten in den gesellschaftlichen Umbrüchen nach dem Ersten Weltkrieg veröffentlichte er sein Werk „Der Prager Golem: Von seiner ‚Geburt‘ bis zu seinem ‚Tod‘“ in Wien. Bloch schuf damit kein rein fiktionales Werk, sondern sammelte, sichtete und systematisierte die verstreuten mündlichen und schriftlichen Sagen des Prager Ghettos. Dieses Essay analysiert die historische Entwicklung des Golem-Mythos, die spezifische Struktur von Blochs Erzählungen und dessen Bedeutung für das Verständnis moderner Schöpfungsmythen. …
A]lfred Noe, widmet diesen Band der stilistischen Untersuchung französischer Prosa. Genauer gesagt französischer Horrorliteratur des 19. Jahrhunderts. …
Bölsches Büchlein ist eine populärwissenschaftliche „Brückenarbeit“ zwischen Drachensage und Naturgeschichte. Die Leitfrage lautet sinngemäß: Warum ist das Drachenbild so weltweit stabil – und welche realen Naturerfahrungen (Fossilien, große Reptilien, „ungeheure“ Tiere) könnten die Imagination immer wieder gespeist haben? Esist eines dieser kleinen Bücher, die sich nicht recht entscheiden wollen, ob sie wissenschaftlich informieren oder literarisch verführen sollen – und gerade deshalb zu den interessanteren Exemplaren ihrer Gattung gehören. Es ist ein Text aus einer Zwischenzone: populärwissenschaftlich, ja, aber mit einem spürbaren Sinn für den Sog alter Bilder. Bölsche schreibt nicht über Drachen, um sie endgültig „wegzuerklären“. Er schreibt über sie, weil er merkt, dass man sie nicht loswird. …
Friedrich Wilds Studie Drachen im Beowulf und andere Drachen ist keine populärwissenschaftliche „Drachenkunde“ im heutigen Fantasy-Sinn, sondern ein philologisch und kulturhistorisch argumentierender Beitrag zur Frage, wie mittelalterliche Texte – vor allem das altenglische Epos Beowulf – ihr Drachenmotiv formen und welche Traditionslinien dabei wirksam werden. Der Text erschien als Abhandlung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (philosophisch-historische Klasse) und ist entsprechend als gelehrte, quellengesättigte Untersuchung angelegt. …
Dieses Mal war es nicht wirklich viel, aber dafür sehr interessant für mich. Erstens habe ich noch einen Beitrag zu Ernst Bloch und die DDR aufgefunden und eingetragen. Und Zweitens – die Drachen lassen mich derzeit nicht los. Drei Veröffentlichungen habe sich aus dem Fundus erhoben und lassen mich überlegen, ob ich ein vor einiger Zeit angefangenes Essay zu Thema „Drachen in der Fantastik“ nicht doch endlich einmal zu Ende bringen sollte. Mal sehen …
Florian Kragls Monographie widmet sich der deutschen Dietrichepik des hohen, späten und „spätesten“ Mittelalters – und damit einem zentralen Segment der deutschsprachigen Heldenepik jenseits des Nibelungenlieds. Der Autor setzt bewusst dort an, wo die ältere Forschung lange Zeit entweder stoff- und sagengeschichtlich rekonstruieren wollte oder die Texte als „spröde“ Randzone der mittelalterlichen Erzählliteratur behandelte. Kragl nimmt demgegenüber eine programmatische Position ein: Die Dietrichdichtung soll als literarisches Phänomen gelesen werden – mit eigener Poetik, eigenen Erzählverfahren und eigener ästhetischer Logik.
Im Zentrum steht dabei eine breite Textpalette, die von den bekannten Erzählkomplexen um Dietrichs Flucht und die Rabenschlacht bis zu aventiurehaften Einzeltexten wie Goldemar, Laurin, Sigenot, Eckenlied, Virginal, Rosengarten und Wunderer reicht. Kragl verortet diese Texte zudem mediengeschichtlich im Spannungsfeld von mündlicher Überlieferung und schriftlicher Fixierung – eine Perspektive, die sowohl die Überlieferungsform als auch die literarische Gestalt der Texte ernst nimmt. …
Zur antiquarischen Sichtung wurde eurobuch.com und diebuchsuche.at benutzt und soll euch zeigen, dass es preisgünstige Möglichkeiten gibt ältere Titel zu erstehen. Reguläre Preise beziehen sich in der Regel auf Amazon.de-Angaben. Alle Preisangaben sind Momentaufnahmen zum Zeitpunkt der Erstellung und selbstverständlich völlig unverbindlich. Inhaltsverzeichnisse der einzelnen Bücher sind in der Regel vorhanden und werden bei Anforderung über die Kommentarfunktion auch gerne zur Verfügung gestellt.