Nachtrag: Star Trek und politsche Utopie …


Kai-Uwe Hellmann/Arne Klein, Unendliche Weiten... - Star Trek zwischen Unterhaltung und Utopie

Kai-Uwe Hellmann/Arne Klein, Unendliche Weiten… – Star Trek zwischen Unterhaltung und Utopie

Das Thema „Star Trek und politische Utopie“ geistert immer noch in meinem Kopf herum. Dazu habe ich „Unendliche Weiten … – Star Trek zwischen Unterhaltung und Utopie“ nochmals hervorgekramt.

Hängen geblieben bin ich dann unter den 14 Essays des Buches, dass von Kai-Uwe Hellmann und Arne Klein 1997 im Fischer Taschenbuchverlag herausgegeben wurde, bei einem Beitrag von Richard Saage. „Utopie und Science-fiction – Versuch einer Begriffbestimmung“.

Richard Saage, Jahrgang 1941, ist ein deutscher Politologe und emeritierter Professor für Politische Theorie und Ideengeschichte. Einen Überblick über seine Forschungen und Veröffentlichungen bietet die WIKIPEDIA. Es sei daher nicht weiter auf die Person eingegangen, aber vermutet, dass er zum Verhältnis von politischen Utopie und Science Fiction doch fundierte Aussagen machen kann. Er wird zwar für seine besonders enge Fassung des Utopiebegriffes kritisiert, jedochfinde ich diese begründet und richtig.

In Ergänzung des Artikels „Star Trek … politische Utopie … nee, immernicht …“ versuche ich nochmals die Trennung von (politischer) Utopie und Science Fiction nachzuvollziehen. Richard Saage kommt mir da genau zu recht. Noch dazu ist der Essay in einem Band erschienen, der Star Trek und die Utopie zum Thema hat. Also, perfekt.

Hans Jonas, Das Prinzip Verantwortung

Zum Einstieg verweist Saage auf Hans Jonas und dessen „Das Prinzip Verantwortung„, worin Jonas die beiden Genre nicht nur in unterschiedlicher Weise bewertet, sondern auch auf terminologischer Weise differenziert.

MAtrin Schwonke, Vom Staatsroman zur Science Fiction

Andererseits weißt er darauf hin, dass in den Sozialwissenschaften Science Fiction mit Utopie indentifiziert worden ist. Martin Schwonke hat in „Vom Staatsroman zur Science Fiction“ zu beweisen versucht, dass klassische Utopie zur Science Fiction mutierte. Dieses Werk, muss man hinzufügen, war lange Zeit ein Standardwerk im Genrediskurs und wird auch heute noch gerne in der Diskussion herangezogen.

Richar Saage, Politische Utopien der Neuzeit

Es bleibt dann festzustellen, dass Utopie und Science Fiction im angelsächsischen Sprachraum gleichgesetzt werden. Im deutschen Sprachraum fand diese Gleichsetzung weder in der Utopieforschung, noch im allgemeinen Sprachgebrauch statt.

Burmeister/STeinmüller, Streifzüge ins Übermorgen. Science Fiction und Zukunftsforschung

Die Gleichstellung der beiden Genre wird aber, zB. von den meisten Autoren von „Streifzüge in Übermorgen-Science Fiction und Zukunftsforschung“ nicht mitgetragen. Einige Beiträge des, von Klaus Burmeister und Karlheinz Steinmüller, 1992 zusammengestellten Bandes legen nahe, dass die historische Genese der klassischen positiven Sozialutopie anders war als die der Science Fiction.

Andreas Voigt, Die sozialen Utopien

Die Utopie ist eine antike Errungenschaft und wurde mit Thomas Morus in dessen „Utopia“ modernisiert. Ihre Antworten sucht sie in einer feudalen Welt und in der vorindustriellen Phase der Menschheit. Science Fiction dagegen ist inspiriert von Entdeckern, Ingenieuren und Wissenschaftlern und  nicht von gesellschaftlichen Krisenherden.

Saage ortet danach vier wichtige Differenzern in den beiden Genren:

  1. die Prognostik
    Die klassische Utopie kommt ohne Prognosen aus. Es wird sogar festgestellt, dass die Prognostik das Gegenteil von Utopie darstellt. Diese arbeitet mit offenen Hypothesen.
    Die Science Fiction hingegen lebt von Prognostik. Sie unterscheidet sich von der Zukunftsforschung durch den Verzicht auf jeglichen Wahrscheinlichkeitsbeweis. Science Fiction mißachtet dabei weder Naturgesetzlichkeiten noch beschreitet sie „historisch nicht rekonstruierbare Abwege„.
  2. das spezifische Erkenntnis- und Handlungsinteresse
    Die politische Utopie ist ein Konstrukt von Menschen mit einem spezifischen Erkenntnis- und Handlungsinteresse.“ Die Gesellschaftsmodelle sollen zu einer Verbesserung der menschlichen Verhältnisse beitragen. Sie sind auf die Entwicklung der „Menschheit“ bezogen.
    Die Science Fiction folgt der Logik des kopernikanischen Weltbildes. Die Erde steht nicht mehr im Mittelpunkt und daher „kann nicht ausgeschlossen werden, dass es Planeten mit Lebewesen gibt, die dem Menschen ebenbürtig oder überlegen sind„. Diese Möglichkeit, diese „Erschütterung des anthropozentrischen Weltbildes„, führt zu den zentralen Themen der Science Fiction.
  3. das Rationalitätskriterium
    In der politischen Utopie ist die „weltimmanente Vernünftigkeit einer gelungenen sozialen Organisation“ das Rationalitätskriterium. Sei es staatlich oder nicht-staatlich, Wissenschaft und Technik stehen dabei in einem „dienenden“ Verhältnis.
    In der Science Fiction bilden Technik und Wissenschaft aber autonome Größen. Das Rationalitätskriterium ist der Stand des wissenschaftlich-technischen Fortschritts selbst.
  4. die literarische Beschreibung
    In der klassischen Utopie führt der Gesellschaftsentwurf explizit vor, wie das ideale Gemeinwesen funktioniert. Dieser Gesellschaftsentwurf ist immanent.
    Die Science Fiction lässt den Boden der fiktiven Welt austauschbar. Nicht das Szenario einer Gesamtgesellschaft bestimmt die Handlung, sondern die Handlung selbst bzw. der Protagonist ist entscheidend.

Soweit die zusammengefassten Ausführungen Richard Saages zu den Unterschieden von Utopie und Science Fiction. Man darf aber auch nicht verschweigen, dass Saage sehr wohl auch Gemeinsamkeiten ortet.

Vor allem in der „Frontstellung gegenüber dem eschatologisch-chilistischen Denken„. Utopie und Science Fiction haben sich „nicht aus der Eschatologie, sondern an ihr und gegen sie entwickelt„. Beider Grenzüberschreitungen beziehen sich „nicht auf die Transzendenz, sondern auf den Möglichkeitscharakter der irdischen Realität, und ihr Subjekt ist nicht Gott, sondern der Mensch selbst„.

Seit Anfang der 60er Jahre ist aber eine Konvergenz von klassischer Utopie und Science Fiction erkennbar. Die Brüder Strugatzki, mit „Rückkehr„, und auch Star Trek – The Next Genaration werden hier als Beispiele angeführt.

Es sei in Hinblick auf den auslösenden Artikel festgestellt, dass Saage zwar eine, auch nicht bestrittene, Konvergenz feststellt, aber Star Trek nicht explizit der (politischen) Utopie zuordnet.

Im Gegensatz zur Science Fiction hat sich die Utopie schon viel früher dem Gegenpart geöffnet. Von Bogdanov, vor dem ersten Weltkrieg, bis zu Le Guin in den 70er Jahren läßt sich die Übernahme von Science Fiction-Ansätzen in Utopische Werke nachweisen.

Andererseits nahm ein nicht unbedeutender Teil der Science Fiction dystrophische Züge an. Ob die im dystopischen Gewand auftretende Science Fiction die Funktion der klassischen Dystopien auszuüben vermag ist laut Saage fraglich.

Soweit die Ergänzung. Mir hat sie eindeutig geholfen die Unterschiede nochmals zu sichten und das Ergebnis zu festigen. Das Buch als Ganzes ist jedenfalls eindeutig zu empfehlen und zur Entscheidungshilfe seien die weiteren enthaltenen Essays angeführt:

  • Vorwort – Arne Klein/Kai-Uwe Hellmann
  • Star Trek – Was ist das? – Torsten Dewi
  • Topographie der Zukunft – Stefan Berreth/Christopher Witte
  • Die Trekker in Deutschland-Eine kleine Geschichte – Torsten Dewi
  • „Also das ist wie ein kleines Völkchen“-Ein Gespräch mit Star Trek-Fans – Oliver Thomas Domzalski/Kai-Uwe Hellmann/Arne Klein
  • Moral und Maschine-Star Trek im Spannungsfeld von Sozialutopie und technologischem Fortschritt – Herfried Münkler
  • Kollektiv der Feindbilder-Die Borg als ultimative Herausforderung – Stefan Berreth/Christopher Witte
  • Beinahe eine sozialistische Utopie-USS Enterprise: Heimathafen DDR? – Karlheinz Steinmüller
  • „Sie müssen lernen, das Unerwartete zu erwarten.“-Star Trek als Utopie der Menschwerdung? – Kai-Uwe Hellmann
  • Der intergalaktische Quotenbarde-Shakespeare und die Frage nach dem Wert des Menschen – Jacqueline de Goacomo
  • Die Utopie der Serie-Mythen und Weltsicht im Star-Trek-Universum – Knut Hickethier
  • Die Reise ins Paradies-Säkularisierte Religiosität am Beispiel Star Trek – Reiner Matzker
  • Der Mensch in der Maschine-Data als Clown und Kreatur – Martin Kasprzak
  • Faszinierend!-Star Trek zwischen Unterhaltung und Utopie? – Arne Klein

Bibliographische Angaben:
„Unendliche Weiten…“ Star Trek zwischen Unterhaltung und Utopie
Kai-Uwe Hellmann/ Arne Klein
Kultur & Medien 13579, Fischer Taschenbuch, Frankfurt/Main (1997)
ISBN 9783596135790

Antiquarische Sichtung:
Kleinster Preis: 5.93 EUR, größter Preis: 106.00 EUR, Mittelwert: 10.00 EUR

verwendete Literatur:

  • Vom Staatsroman zur Science Fiction: Eine Untersuchung über Geschichte und Funktion der naturwissenschaftlich-technischen Utopie, Schwonke Martin, Enk, Stuttgart (1957),
  • Das Prinzip Verwantwortung, Versuch einer Ethik für technologische Zivilisation, Hans Jonas, Suhrkamp (1984), ISBN 9783518375853
  • Politische Utopien der Neuzeit, Richard Saage, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt (1991), ISBN 9783930083442
  • Streifzüge ins Übermorgen: Science Fiction und Zukunftsforschung, Burmeister Klaus/Steinmüller Karlheinz, Beltz, Weinheim/Basel (1992), ISBN 3407853068
  • Die sozialen Utopien: Fünf Vorträge, Voigt Andreas, Göschen, Leipzig (1906)

zusätzlich empfohlene Literatur:

  • Vermessung des Nirgendwo. Begriffe, Wirkungsgeschichte und Lernprozesse der neuzeitlichen Utopie, Saage Richard, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt (1995), ISBN 9783534127528
  • Utopien – Die Möglichkeit des Unmöglichen, Braun (Hrsg.), Verlag der Fachvereine (1987), ISBN 9783728115881

Weiterführende oder ergänzende Artikel:

 

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