Schlagwort: utopische Literatur

Utopie #52 – der NICHT-Ort in der Sekundärliteratur: Im Bann der Utopie – Kirchner, Verena – Winter, Heidelberg (2002)

Kirchner, Verena
Im Bann der Utopie
Ernst Blochs Hoffungsphilosophie in der DDR-Literatur
Beiträge zur neueren Literaturgeschichte, Band 187
Winter, Heidelberg (2002)
ISBN 3825313050

Hoffnung als Motor – Hoffnung als Fessel:
Was Verena Kirchners „Im Bann der Utopie“ über DDR‑Literatur verrät
H
Verena Kirchners Studie Im Bann der Utopie setzt bei einer ebenso einfachen wie produktiven Ausgangsfrage an: Wo existiert Ernst Bloch „tatsächlich“ – und wo sind seine Spuren in der Literatur der DDR sichtbar? Damit verschiebt Kirchner die Perspektive weg von bloßen Einflusserzählungen hin zu einer literatur- und ideengeschichtlichen Spurensuche: Bloch erscheint nicht als Zitatlieferant, sondern als Denkform, die poetische Verfahren, Figurenmodelle und Deutungsmuster prägt.
Der Untertitel – Ernst Blochs Hoffnungsphilosophie in der DDR-Literatur – ist dabei programmatisch. Kirchner interessiert sich für Blochs „konkrete Hoffnung“ nicht als abstraktes Konzept, sondern als kulturelle Kraft, die im Sozialismus der DDR eine besondere Spannung erzeugt: zwischen utopischem Anspruch und erlebter Wirklichkeit.
 

Worum es geht – in einem Satz

Kirchner verfolgt die „Spuren“ Ernst Blochs in der DDR‑Literatur – und erklärt, wie Hoffnung als Denkform zugleich Kritik befeuern und Bindung erzeugen kann. …

Warum DDR‑Literatur dafür ein besonders scharfes Testfeld ist

Literatur in der DDR stand in einem spezifischen Erwartungsraum: Sie sollte gesellschaftlich wirksam sein (mit Anschluss an große Sinn- und Fortschrittsnarrative) und sich zugleich innerhalb politischer Grenzen bewegen. Utopie ist in diesem Kontext nicht nur ein Motiv, sondern eine Art kultureller Betriebsmodus.
Kirchner beschreibt diese Wirkung als „fatale Ambivalenz“:
  • Hoffnung als Kritikressource: Gegenwart wird am Ideal gemessen; Missstände werden benennbar.
  • Hoffnung als Bindekraft: Die Gegenwart kann als „noch nicht eingelöstes“ Versprechen gelesen werden – der Bruch wird vertagt.

Warum das heute noch relevant ist (und warum Literatur das besonders gut zeigt)

Utopische Dynamiken sind nicht nur politisch, sie sind erzählerisch: Sie leben von Figuren, Bildern, Versprechen, Aufschub – und von der Spannung zwischen Ideal und Wirklichkeit. Literatur kann diese Spannung präziser zeigen als programmatische Texte, weil sie Ambivalenzen nicht „auflösen“ muss: Sie kann Hoffnung zugleich ernst nehmen und unterlaufen, sie kann Scheitern darstellen, ohne den Impuls zur Veränderung zu diskreditieren. Genau darin liegt die Aktualität von Kirchners Befund: Wer in literarischen Texten beobachtet, wie das „Noch‑Nicht“ Kritik antreibt und zugleich als Bindekraft wirkt, lernt etwas über die Form, in der große Erzählungen funktionieren – gestern in der DDR, heute in vielen Debatten über Zukunft, Fortschritt und gesellschaftliche Alternativen. …
 
…Selbst nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Staatsgefüges stehen die Autoren im Bann der Utopie. Die Hoffnungsperspektive bildet weiterhin den universalistischen Bezugspunkt, von dem aus geschichtliche Verhältnisse und Ereignisse gegliedert, akzentuiert und gewichtet werden. Der gegenwärtige Hauptfeind der Emanzipation ist in Gestalt des Kapitalismus wieder klar konturiert. Ihm gilt ungebrochen die – z.T. auch nach Jahren noch erstaunlich undifferenzierte – Kritik. Aus dem Gegenentwurf spricht erneut die Sehnsucht nach Geschichtssinn. Fundamentalkritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen im aufklärerischen Gestus geht mit anderen Worten mit einem Mangel an Distanz zum Geltungsan-spruch der eigenen Überzeugung einher.24 Dass die Schriftsteller dabei weiter „diesen Bloch […] im Nacken“ haben, erweisen die Texte von Morgner, Fries, Wolf und Braun. … Auszug Einleitung, Seite 20

Blochs „Wille zur Utopie“: Drei Zitate, die das Spannungsfeld öffnen

Der Teilauszug „Blochs Wille zur Utopie“ ist ideal, um Kirchners Zugriff in der Rezension konkret zu machen: Bloch wird nicht nur paraphrasiert, sondern in seinen Mechanismen sichtbar.
 

PRO: Hoffnung als Weltbezug (nicht bloß Gefühl)

„Erwartung, Hoffnung, Intention auf noch ungewordene Möglichkeit: das ist nicht nur ein Grundzug des menschlichen Bewußtseins, sondern […] eine Grundbestimmung innerhalb der objektiven Wirklichkeit insgesamt.“ (Teilauszug, S. 16)
Was daran überzeugt: Hoffnung wird bei Bloch zu einem kognitiven Richtungsakt. Möglichkeit ist nicht Eskapismus, sondern ein ernstzunehmender Wirklichkeitsmodus – literarisch anschlussfähig, weil Texte das „Noch‑Nicht“ erfahrbar machen können.
 

KONTRA: Evidenzgestus statt Nachweis

„Ihr Gefühlswert macht Vollkommenheitsvorstellungen unmittelbar einleuchtend, was Nachweise erübrigt, daß ihre mögliche Realisierbarkeit zu Recht behauptet wird.“ (Teilauszug, S. 22)
Wo es kritisch wird: Wenn „Einleuchten“ Nachweise ersetzt, gewinnt Utopie rhetorische Stärke – und verliert Prüfbarkeit. Scheitern lässt sich leichter als „noch nicht“ umdeuten.
 

AMBIVALENT: Faszination als Vereinfachung

„Die Faszination, die von der Blochschen Philosophie ausgeht, ist die Faszination einer grandiosen Vereinfachung komplexer Zusammenhänge.“ (Teilauszug, S. 26)
Warum das der Kern ist: Vereinfachung ist Orientierung und Risiko. Sie erklärt Blochs Wirkmacht – und das Potenzial, Bindungen zu erzeugen, wo eigentlich Kritik erwartet wird.

Kirchners Werkzeugkasten: So findet sie Bloch im Text

Kirchner sucht Bloch‑Spuren nicht (nur) über Namensnennungen, sondern über Strukturen.
Ihre Analyseebenen:
  • Denkfiguren: „Zwar–Aber“, „Sowohl‑als‑auch“, „Noch‑Nicht“
  • Bilder/Symbole: ästhetischer „Vor‑Schein“ (Möglichkeitsräume, die Kunst sichtbar macht)
  • Figurenmodelle: Grenzüberschreiter, die an einem Ideal festhalten
Ein Leitmotiv sind Grenzüberschreiterfiguren, die sich (blochtypisch) über Vorbilder wie Don Quichotte, Don Juan, Faust beschreiben lassen: Figuren, die gegen Widerstände „trotzdem“ handeln – und dabei sowohl utopische Energie als auch Blindstellen mitführen.
Dass das Buch als Covermotiv Giorgio de Chiricos Die Heimkehr des Odysseus (1968) nutzt, ist dabei mehr als Dekor: Odysseus als Figur des Unterwegsseins und der Hoffnung auf Heimkehr passt zum „Noch‑Nicht“ als dauerhafter Denkbewegung.
 

Aufbau & Korpus: Erst Bloch‑Fundament, dann DDR‑Fallstudien

Die Studie ist klar gebaut:
  1. Fundamentkapitel zu Bloch (Philosophie, Ästhetik, Leitfiguren, DDR‑Kontext)
  2. Autor:innen-/Werkkapitel zu Irmtraud Morgner, Uwe Johnson, Christa Wolf, Fritz Rudolf Fries und Volker Braun
  3. Schluss + Apparat (Siglen, Literaturverzeichnis, Register)
Auffällig ist die Schwerpunktsetzung auf Fries und Braun (mehrere Kapitel, detaillierte Figurenanalysen) – unter anderem entlang zweier Zeitfenster:
  • 1970er: Don‑Quichotte‑Folien (Braun: Guevara oder Der Sonnenstaat; Fries: Das Luft‑Schiff)
  • frühe 1980er: Don‑Juan/Don‑Giovanni‑Folien (Braun: Hinze‑Kunze‑Roman; Fries: Alexanders neue Welten)
Damit wird sichtbar, wie sich utopische Leitbilder historisch verschieben – und wie Kritik, Ernüchterung und erneute Legitimation ineinander greifen können.

Kurzfazit

Kirchners Kernleistung ist, Utopie nicht als bloßes Thema zu behandeln, sondern als Funktionsweise: Hoffnung strukturiert Wahrnehmung, Moral, Ästhetik und politische Deutung. Der Teilauszug macht das greifbar: Blochs Denken gewinnt Kraft aus einem radikalen Möglichkeitsbezug – und trägt zugleich das Risiko in sich, über Evidenz, Vereinfachung und Zukunftsaufschub Bindung zu erzeugen.

Leseempfehlung (geeignet / eher nicht)

Geeignet für:
  • Leser:innen mit Interesse an DDR‑Literatur und Ideengeschichte
  • Studierende, die Utopie/Anti‑Utopie über Denkfiguren und Figurenmodelle analysieren möchten
  • Alle, die Bloch als Ambivalenzfigur lesen wollen: Hoffnung als Kritikressource und Bindekraft
Eher nicht geeignet für:
  • Leser:innen, die eine reine Einführung in Bloch ohne literaturwissenschaftliche Schwerpunktsetzung erwarten
  • Alle, die primär Plot‑Zusammenfassungen suchen (Kirchner argumentiert strukturell, nicht nacherzählerisch)
Bibliographisch: Antiquarisch:Anmerkung(en):weiterführende Links:
  • Kirchner, Verena
  • Im Bann der Utopie
  • Ernst Blochs Hoffnungsphilosophie in der DDR- Literatur
  • Winter, Heidelberg (2002)
  • Paperback
  • 272 Seiten
  • ISBN 3825313050
Preisangaben Eurobuch

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  • keine
  • Verena Kirchner: Im Bann der Utopie. Ernst Blochs Hoffnungsphilosophie in der DDR-Literatur. Universitätsverlag C. Winter, Heidelberg 2002.

Sekundärliteratur…
Ausgewertet im Besonderen: Cover/Vorspann, Inhaltsverzeichnis, Einleitung und „Ernst Blochs Hoffnungsphilosophie: Der Wille zur Utopie als weltverändernde Kraft“Quelle: Amazon

  • Fritzsche, Sonja (2017): Review zu Kirchner, Im Bann der Utopie, in Utopian Studies 28(2), S. 374–379.

Sekundärliteratur…

  • Amberger, Alexander: Ernst Bloch in der DDR: Hoffnung – Utopie – Marxismus

Ergänzung …
Bedeutung: Ergänzender ArtikelQuelle: alexander-amberger.de


siehe auch (Auszug):


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Utopie #51 – der NICHT-Ort in der Sekundärliteratur: Das Schicksal aller Utopien – Döll, Dr. Emil

Döll, Dr. Emil
Das Schicksal aller Utopien
oder socialen Charlatanerien
und das verstandesgemäss Reformatorische
C. G. Naumann, Leipzig (1897)

Emil Dölls Anti-Utopie (1897): Warum „soziale Charlatanerien“ Konjunktur hatten

E
Utopien sind für Emil Döll keine harmlosen Gedankenspiele, sondern gefährliche Heilsversprechen. In seiner Schrift von 1897 attackiert der Wirtschaftswissenschaftler „Zukunftsmalereien“ als realitätsfern – und fordert stattdessen „verstandesgemäße“ Reformen. Eine textnahe Lektüre zeigt, wie sehr Döll seine Zeit als Übergangsepoche begreift: wissenschaftlicher Fortschrittsglaube, soziale Spannungen und massenwirksame Ideologien bilden den Resonanzraum seiner Polemik. …

Worum es geht – in einem Satz

Döll argumentiert, dass absolute Gesellschaftsentwürfe (Utopien) an Realität und Menschenbild scheitern und oft als verführerische „Charlatanerien“ wirken; sinnvoll seien nur schrittweise, logisch begründete Reformen.
 

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Utopie #50 – der NICHT-Ort in der Sekundärliteratur: Die Geschichte der Zukunft – Minois, Georges

Georges Minois – Die Geschichte der Prophezeiungen, Albatros, Düsseldorf (2002) ISBN 9783491960435
Der Wandel der Zukunftsschau
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„Die Geschichte der Prophezeiungen: Orakel, Utopien, Prognosen“ (französischer Originaltitel: Histoire de l’avenir: Des prophètes à la prospective, 1996) ist ein umfassendes kulturhistorisches Werk. Georges Minois untersucht darin ein urmenschliches Bedürfnis: das Verlangen, einen Blick in das Kommende zu werfen, und die Methoden, die Gesellschaften dafür im Laufe der Jahrtausende entwickelt haben. Hier ist eine detaillierte Übersicht zum Autor, dem Inhalt des Buches und einer kritischen Bewertung: …


Georges Minois (geboren 1946) ist ein renommierter französischer Historiker und Kulturwissenschaftler. Er gehört zur Tradition der französischen Mentalitätsgeschichte, die sich nicht primär mit politischen Ereignissen oder Daten beschäftigt, sondern damit, wie Menschen in früheren Epochen gefühlt, gedacht und geglaubt haben.

Minois ist bekannt dafür, monumentale, makrohistorische Themen anzupacken und sie über enorme Zeiträume hinweg zu analysieren. Zu seinen bekanntesten, auch ins Deutsche übersetzten Werken gehören eine Geschichte des Selbstmords, eine Geschichte des Atheismus sowie kulturgeschichtliche Arbeiten über das Alter, das Altern und die Hölle. Seine Arbeiten zeichnen sich durch immense Materialfülle, einen flüssigen Erzählstil und eine skeptisch-aufklärerische Grundhaltung aus. …

Nur die Zukunft verleiht unseren Handlungen einen Sinn, rechtfertigt sie oder offenbart ihre Vergeblichkeit. Um voll und ganz leistungsfähig zu sein, müssen wir diese Zukunft also kennen. Das galt für den vorgeschichtlichen Menschen … es gilt weiterhin für die politisch und wirtschaftlich Verantwortlichen unserer Tage … Einleitung

Minois‘ Kernthese lautet: Jede Epoche spiegelt ihre eigenen Ängste, Werte und Sehnsüchte in dem Bild wider, das sie sich von der Zukunft macht. Das Buch ist chronologisch aufgebaut und zeigt, wie sich die menschliche Strategie zur Bewältigung der Ungewissheit gewandelt hat – von der Ergebung in den göttlichen Willen bis zum Versuch der technologischen Kontrolle.

Der Wandel der Zukunftsschau lässt sich im Wesentlichen in vier große Epochen und Formen unterteilen:

Die Epochen der Zukunftsschau

Epoche / Phase Dominierende Methode Kernmerkmale
Antike Orakel und Divination Menschen befragen die Götter (z. B. das Orakel von Delphi) oder deuten Zeichen in der Natur (Vogelflug, Leberschau). Die Zukunft gilt als von den Göttern vorherbestimmt; der Mensch versucht lediglich, sich anzupassen.
Mittelalter Prophezeiungen und Apokalyptik Mit dem Monotheismus ändert sich der Fokus. Die Zukunft wird linear verstanden und steuert auf ein definiertes Ende zu (das Jüngste Gericht). Astrologie und biblische Prophezeiungen dominieren, das irdische Schicksal ist zweitrangig gegenüber dem Seelenheil.
Frühe Neuzeit Utopien Ab der Renaissance und Aufklärung verliert die göttliche Vorsehung an Gewicht. Gelehrte beginnen, die ideale Gesellschaft der Zukunft selbst zu entwerfen (z. B. Thomas Morus‘ Utopia). Der Mensch nimmt die Gestaltung seiner Zukunft theoretisch selbst in die Hand.
Moderne & Gegenwart Prognosen und Futurologie An die Stelle von Sehern treten Wissenschaftler, Ökonomen und Computerprogramme. Mittels Statistik, Trendforschung und mathematischen Modellen (Prospective) wird versucht, die Zukunft rational und berechenbar zu machen.

Minois zeigt eindrucksvoll, dass trotz des wissenschaftlichen Fortschritts auch die moderne Futurologie oft auf wackeligen Beinen steht. Er argumentiert, dass moderne ökonomische oder klimatische Prognosen in ihrer gesellschaftlichen Funktion den antiken Orakeln erstaunlich ähnlich sind: Sie dienen der Beruhigung oder der Verhaltenssteuerung in der Gegenwart.

Bewertung des Werkes

Positive Aspekte (Stärken)

  • Enorme historische Bandbreite: Minois schafft es, einen Bogen von der Prähistorie über Mesopotamien und die Antike bis hin zur modernen Systemanalyse des späten 20. Jahrhunderts zu spannen, ohne den roten Faden zu verlieren.
  • Erhellende Perspektivumkehr: Das Buch lehrt den Leser, dass „Zukunft“ kein feststehender Fakt ist, sondern ein kulturelles Konstrukt. Wer wissen will, wie eine Epoche tickte, muss sich ansehen, wovor sie Angst hatte und worauf sie hoffte.
  • Unterhaltsam und entlarvend: Minois schreibt mit einer gesunden Portion Ironie. Er deckt schonungslos auf, wie oft Propheten, Astrologen und auch moderne Experten mit ihren Vorhersagen grandios danebenlagen. Er entlarvt beispielsweise die Fixierung auf die Jahrtausendwende (das Jahr 2000) als irrationalen Fetischismus.

Kritische Einwände (Schwächen)

  • Eurozentrismus: Wie viele Werke der französischen Mentalitätsgeschichte konzentriert sich auch dieses Buch sehr stark auf die westliche, europäische Denktradition. Asiatische, afrikanische oder indigene Vorstellungen von Zeit und Zukunft (wie zyklische Zeitkonzepte) kommen zu kurz.
  • Wissenschaftliche Detailtiefe: Gelegentlich neigt Minois zu sehr breiten Verallgemeinerungen. Fachhistoriker haben ihm bei einigen seiner Bücher (unter anderem auch bei der Geschichte des Atheismus) vorgeworfen, den aktuellen Forschungsstand von Spezialdisziplinen zu Gunsten eines flüssigen, populärwissenschaftlichen Erzähltons manchmal zu vernachlässigen.
  • Fehlende Aktualität zur jüngsten Gegenwart: Da das Buch im Original 1996 erschienen ist, fehlen die rasanten Entwicklungen des 21. Jahrhunderts – insbesondere die digitalisierte Algorithmen-Zukunft, Big Data und die Vorhersagemodelle durch Künstliche Intelligenz. Die philosophische Grundlage, die Minois liefert, lässt sich jedoch nahtlos auf diese neuen Phänomene anwenden.

Fazit

„Die Geschichte der Prophezeiungen“ ist ein faszinierendes und zeitloses Handbuch der menschlichen Hoffnung und Skepsis. Es nimmt dem Leser den blinden Glauben an „Expertenprognosen“ und zeigt, dass der Blick in die Zukunft letztlich immer nur ein Spiegel der Gegenwart ist. Wer sich für Geistesgeschichte, Philosophie und die Psychologie der Menschheit interessiert, findet hier ein extrem reiches und anregendes Werk. …

Anmerkung:

Insbesondere sind folgende Abschnitte empfohlen:

  • Seite 111: Die Utopie, Ersatz der Prophetie
  • Seite 247: Merlins Prophezeiungen, divinatorische Träume und Unruhe der Kirche
  • Seite 538: Die Utopie: vom Chiliasmus zum Szientismus
  • Seite 546: Die Utopie als soziopolitisches Projekt
  • Seite 550: Utopie und Zukunft
  • Seite 555: „Das Jahr 2440“: Traum oder Alptraum
  • Seite 626: Die Propheten der wissenschaftlichen Utopie: auf dem Weg zur kommunitären Menschheit
  • Seite 632: Die wissenschaftlich-religiösen Propheten oder die Utopie auf dem Vormarsch
  • Seite 658: Zögern und Zweifeln der Science-fiction
  • Seite 671: Vom Pessimismus der Science-fiction und der Gegenutopie zur Vorsicht der Wahrscheinlichkeitsrechnug und der Prospektive (20. Jahrhundert)
  • Seite 685: Vom utopischen Optimismus zum Pessimismus der Science-fiction
  • Seite 689: Samjatin und Huxley: Die Konditionierung zum Glück
  • Seite 693: George Orwell: „Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft“

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Bibliographisch: Antiquarisch:Anmerkung(en):weiterführende Links:
  • Georges Minois
  • Die Geschichte der Prophezeiungen
  • Orakel-Utopien-Prognosen
  • Albatros, Düsseldorf (2002)
  • gebundene Ausgabe
  •  830 Seiten
  • lizenzierte Buchclubausgaben vorhanden
  • ISBN 9783491960435
Preisangaben Eurobuch

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  • Original: Histoire de l’avenir
  • (1996) Librairie Artheme Fayard, Paris
  • [Wikipedia] Georges Minos

In seinem Werk Geschichte der Zukunft. Orakel, Prophezeiungen, Utopien, Prognosen (1996) erzählt er die Geschichte der Zukunft als eine Geschichte der Praxen, mit denen versucht wurde die Zukunft zu deuten. …

Auszug Artikel


  • [Rezension] G. Minois: Geschichte der Zukunft

Letztlich schreibt Minois also eine Geschichte der Vorhersagen und ihrer Techniken. Sein Quellenfundus sind alle in diese Richtung zielende Praktiken, von vorchristlichen Orakeln und Prophezeiungen bis zu Utopien und wissenschaftlichen Vorhersagen unserer Tage. …

Auszug Artikel


 


siehe auch (Auszug):


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Utopie #49 – der NICHT-Ort in der Sekundärliteratur: Der doppelte Spiegel – Edith J. Baumann

Edith J. Baumann
Der doppelte Spiegel
Edition Atelier, Wien (1995)
ISBN 385308009X

Jörg Mauthes „Die große Hitze“ und die „Vielgeliebte“. Zwei literarische Utopien.

Edith J. Baumann hat in ihrem Buch den Journalisten, Schriftsteller und Kulturpolitiker Jörg Mauthe, und seine beiden Utopien „Die große Hitze“ und die „Vielgeliebte“, kurz vor dem Ableben des Autors in beeindruckender Manier besprochen. Als Grundlage dienten ihr zwei Interviews mit Mauthe und ein darauffolgender Schriftverkehr …


Da Baumann keinerlei Sekundärliteratur zu Mauthes Werk vorfinden konnte, sah sie sich veranlasst, diesem Umstand eine eigene Arbeit entgegenzusetzen. Sie verwendete dazu neben den angesprochenen Interviews und der Korrespondenz mit dem Autor unveröffentlichte Schriften aus seinem Nachlass über österreichische und allgemeine Krisenzustände seines Empfindens und Zeitungsartikel aus seiner Feder. Außerdem ein Fernsehinterview mit Ernst Wolfram Marboe und die Lektüre des von Mauthe gegründeten „Wiener Journals“ und anderer Wiener Zeitschriften …

Diese Zielsetzung erforderte die Erschließung eines gemeinsamen Nenners, nämlich der grundsätzlichen Lebenshaltung des Autors, der Art und Weise, wie er die Welt wahrnahm. Deshalb musste vor allem seine persönliche geistige Welt aufgespürt werden. Dieser Hintergrund ermöglichte es, verborgene Zusammenhänge herauszukristallisieren und sie unter einem vereinigendem Thema einzugliedern. Dabei stellte sich heraus, dass der utopische Gehalt der Werke letzten Endes weniger auf konkreten Hinweisen beruht als auf einem Leitgedanken, der spezifischen Wirklichkeitswahrnehmung des Autors. Mauthe hatte eine ganzheitliche Weltanschauung. Er sah die Welt – metaphysisch, kulturell, sozial, politisch und literarisch – als eine Vielfalt in der Einheit. Die folgende Arbeit soll deshalb nicht nur seine einzelnen Theorien aufdecken, sondern deutlich machen, wie diese auf seine ganzheitliche Sicht der Dinge zurückgeführt werden können …

Auszug 'Einleitung', Seite 12-21

In zehn Kapitel beleuchtet sie den Autor und seine Werke. Nach einer ausführlichen Einleitung wird Mauthes Gestaltung der Erkenntnis diskutiert, nach der wir die Hauptursache der drohenden Katastrophe nur durch eine ganzheitliche Weltsicht begegnen können. Danach folgen Mauthes utopische Vorstellungen im Kontext der geschichtlichen Entwicklung Österreichs. Die Definition des „Österreichischen“ wird dann reichlich Platz eingeräumt. Eine Betrachtung der Heldin des Romans „Die Vielgeliebte“ als Verkörperung der Stadt Wien wird in Kapitel 5 angefügt, dem die Behandlung der Krisenerscheinungen, wie Mauthe sie sah, folgen. In Kapitel 7 wird die Utopie des Werks besprochen und in Kapitel 8 die literarischen Anspielungen aufgezeigt, in denen die Gedankenwelt von Mircea Eliade und Jorge Luis Borges großen Anteil haben. Bevor dann eine Zusammenfassung der analytischen Untersuchung stattfindet, werden noch die Utopien im Lichte der Freimaurerei betrachtet. Als sehr interessant empfand ich das abschließende Literaturverzeichnis.

Ein sehr empfehlenswertes Buch, wenn man sich mit dem „österreichischen“ auseinandersetzen will …

Bibliographisch: Antiquarisch:Anmerkung(en):weiterführende Links:
  • Edith J. Baumann
  • Der doppelte Spiegel
  • Jörg Mauthes „Die grosse Hitze“ und „Die Vielgeliebte“. Zwei literarische Utopien.
  • Edition Atelier, Wien (1995)
  • Taschenbuch
  • 448 Seiten
  • ISBN 385308009X
Kleinster Preis: € 5,30, größter Preis: € 42,00, Mittelwert: € 35,00

(mit einem Klick kannst du dir das aktuelle Ergebnis auf eurobuch.com ansehen)

  • keine
  •  
  • [Artikel] Jörg Mauthe in der WIKIPEDIA

Jörg Mauthe (* 11. Mai 1924 in Wien; † 29. Jänner 1986 ebenda) war ein österreichischer Journalist, Schriftsteller und Kulturpolitiker. …

Auszug Artikel


  • [Download] Dissertation: „Aber es handelt sich eben um ein phantastisches Land“ Das  Österreichbild in den literarischen Werken Jörg Mauthes – ein Beitrag zur Identitätsgeschichte

    der Zweiten Republik – von Mag. Markus Koth – auf murrayhall.com

Wer war nun Jörg Mauthe? Neben seiner Tätigkeit als Politiker und Journalist war Mauthe auch als Autor tätig, was weniger bekannt ist. Seine beiden Romane wurden zwar vor etwa zehn Jahren wieder neu aufgelegt, einer breiten Masse sowie der Literaturwissenschaft ist der Autor allerdings so gut wie unbekannt. Mauthe gilt als Geheimtipp, der als humoristische Einführung in das Wesen des Österreichischen angesehen werden kann, da sich Mauthes literarisches Schaffen nur um einen Punkt dreht: Österreich

Auszug Artikel


  • [Download] Schreiben gegen den Tod – Krebs in der deutschsprachigen Literatur nach 1945 anhand von Gerold Foidls „Scheinbare Nähe“, Fritz Zorns „Mars“ und Jörg Mauthes „Demnächst“ – von Mag. Clemens Ottawa – auf core.ac.uk

„Schreiben gegen den Tod“ nenne ich die vorliegende Arbeit: Als ich vor einigen Jahren „Mars“ las, das Buch von Fritz Zorn, war ich beeindruckt, jedoch auch irritiert von so viel Weltschmerz und Kollektivanklage. Damals meinte ich, dass ein derartiges Buch wohl ein interessanter Einzelfall in der deutschen Literatur sei. Erst durch die Lektüre von Jörg Mauthes „Demnächst“ und die Entdeckung des kleinen Gesamtwerks von Gerold Foidl und dessen Vermächtnisses „Scheinbare Nähe“ konnte ich eine literaturwissenschaftliche Nische entdecken. Ausgehend von der Fragestellung, inwieweit sich die geschriebene Sprache von einer Krankheitsdiagnose beeinflussen lässt, und auch, wie sie sich dadurch vielleicht verändert, werden die drei primär behandelten Bücher untersucht.

Auszug Artikel


siehe auch (Auszug):


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Utopie #48 – der NICHT-Ort in der Sekundärliteratur: Fortschrittsutopien – Birgit Affeldt-Schmidt

Birgit Affeldt-Schmidt
Fortschrittsutopien
Metzler, Stuttgart (1991)
ISBN 3476007871

Vom Wandel der utopischen Literatur im 19. Jahrhundert

Birgit Affeldt-Schmidt erkennt die Fortschrittsutopie als entscheidende Zäsur in der Gattungsgeschichte der literarischen Utopie. Sie unterzieht bisheriges vernachlässigtes Quellenmaterial einer detaillierten Textanalyse und leistet damit einen kritischen Abriss der Forschungsgeschichte. …


Affeldt-Schmidt reduziert die Quellenkenntnis nicht im Wesentlichen auf Bellamy und Cabet so wie es bis dahin vorwiegend geübte Forschungspraxis war, sondern stellte die Quellenbasis auf eine vergleichsweise sehr breite Textbasis, welche für die Analyse nutzbar gemacht wurde …

In beiderlei Hinsicht berühren die Fortschrittsutopien des späten 19. Jahrhunderts Gattungsgrenzen, was als Hinweis auf eine gattungsgeschichtliche Krisis und einen Umbruch zu deuten ist, denen ein besonderes Interesse der literaturwissenschaftlichen Utopieforschung gebührt. Dieser Aspekt wird abschließend in erläuternden Thesen zum Gattungswechsel der literarischen Utopie dieses Zeitraumes zur Diskussion gestellt. …

Auszug 'Einleitung', Seite 1-6

Die Arbeit ist geteilt in drei Kapitel, die zum einen die terminologischen Grundlagen der Untersuchung klären, zweitens die Textanalyse deutschsprachiger Fortschrittsutopien umfasst, in der Ferdinand Amersin der früheste Vertreter ist, und drittens die literarischen Funktionen und Standort der Fortschrittsutopie in der Gattungstradition verortet. Das Buch schließt mit einer umfangreichen Bibiographie, die, bei Interesse, einiges an Quellenmaterial zur Verfügung stellt. …

Bibliographisch: Antiquarisch:Anmerkung(en):weiterführende Links:
  • Birgit Affeldt-Schmidt
  • Fortschrittsutopien
  • Vom Wandel der utopischen Literatur im 19. Jahrhundert
  • Metzler, Stuttgart (1991)
  • Broschüre, Klebebindung
  • 362 Seiten
  • ISBN 3476007871
Kleinster Preis: € 3,00, größter Preis: € 149,21, Mittelwert: € 9,42

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  • Als Dissertation angenommen von der Philosophischen Fakultät der Universität Kiel im Jahre 1989
  • [Download] Fortschrittsutopien: Vom Wandel Der Utopischen Literatur Im 19. Jahrhundert [PDF] – von vdoc.pub

Auszug Artikel


  • [Artikel] Ferdinand Amersin in der WIKIPEDIA

Ferdinand Amersin (geboren 12. April 1838 in Großlobming in der Steiermark; gestorben nach 1894) war ein österreichischer Schriftsteller und Arzt. Er verfasste politisch-philosophische Schriften sowie den Zukunftsroman Das Land der Freiheit (1874).…

Auszug Artikel


  • [Download] DIPLOMARBEIT Der Mensch als Ressource. Über das Arbeitsverständnis in der utopischen Literatur der Jahrhundertwende.“ – von Marion Messiner – auf univie.ac.at

Émile Durkheim schreibt in seiner StudieÜber soziale Arbeitsteilung, dass der Mensch produktiv, nicht vollkommen sein soll. Damit wäre die Quintessenz dieser Arbeit auf den Punkt gebracht. Aber ebenso wie das Experiment „Utopie“ immer schon von seinem Ausgang weiß, lohnt es sich, trotz alledem einen längeren Blick auf das Postulat des französischen Soziologen zu werfen.

Auszug Artikel


siehe auch (Auszug):


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