Utopie #52 – der NICHT-Ort in der Sekundärliteratur: Im Bann der Utopie – Kirchner, Verena – Winter, Heidelberg (2002)

Kirchner, Verena
Im Bann der Utopie
Ernst Blochs Hoffungsphilosophie in der DDR-Literatur
Beiträge zur neueren Literaturgeschichte, Band 187
Winter, Heidelberg (2002)
ISBN 3825313050

Hoffnung als Motor – Hoffnung als Fessel:
Was Verena Kirchners „Im Bann der Utopie“ über DDR‑Literatur verrät
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Verena Kirchners Studie Im Bann der Utopie setzt bei einer ebenso einfachen wie produktiven Ausgangsfrage an: Wo existiert Ernst Bloch „tatsächlich“ – und wo sind seine Spuren in der Literatur der DDR sichtbar? Damit verschiebt Kirchner die Perspektive weg von bloßen Einflusserzählungen hin zu einer literatur- und ideengeschichtlichen Spurensuche: Bloch erscheint nicht als Zitatlieferant, sondern als Denkform, die poetische Verfahren, Figurenmodelle und Deutungsmuster prägt.
Der Untertitel – Ernst Blochs Hoffnungsphilosophie in der DDR-Literatur – ist dabei programmatisch. Kirchner interessiert sich für Blochs „konkrete Hoffnung“ nicht als abstraktes Konzept, sondern als kulturelle Kraft, die im Sozialismus der DDR eine besondere Spannung erzeugt: zwischen utopischem Anspruch und erlebter Wirklichkeit.
 

Worum es geht – in einem Satz

Kirchner verfolgt die „Spuren“ Ernst Blochs in der DDR‑Literatur – und erklärt, wie Hoffnung als Denkform zugleich Kritik befeuern und Bindung erzeugen kann. …

Warum DDR‑Literatur dafür ein besonders scharfes Testfeld ist

Literatur in der DDR stand in einem spezifischen Erwartungsraum: Sie sollte gesellschaftlich wirksam sein (mit Anschluss an große Sinn- und Fortschrittsnarrative) und sich zugleich innerhalb politischer Grenzen bewegen. Utopie ist in diesem Kontext nicht nur ein Motiv, sondern eine Art kultureller Betriebsmodus.
Kirchner beschreibt diese Wirkung als „fatale Ambivalenz“:
  • Hoffnung als Kritikressource: Gegenwart wird am Ideal gemessen; Missstände werden benennbar.
  • Hoffnung als Bindekraft: Die Gegenwart kann als „noch nicht eingelöstes“ Versprechen gelesen werden – der Bruch wird vertagt.

Warum das heute noch relevant ist (und warum Literatur das besonders gut zeigt)

Utopische Dynamiken sind nicht nur politisch, sie sind erzählerisch: Sie leben von Figuren, Bildern, Versprechen, Aufschub – und von der Spannung zwischen Ideal und Wirklichkeit. Literatur kann diese Spannung präziser zeigen als programmatische Texte, weil sie Ambivalenzen nicht „auflösen“ muss: Sie kann Hoffnung zugleich ernst nehmen und unterlaufen, sie kann Scheitern darstellen, ohne den Impuls zur Veränderung zu diskreditieren. Genau darin liegt die Aktualität von Kirchners Befund: Wer in literarischen Texten beobachtet, wie das „Noch‑Nicht“ Kritik antreibt und zugleich als Bindekraft wirkt, lernt etwas über die Form, in der große Erzählungen funktionieren – gestern in der DDR, heute in vielen Debatten über Zukunft, Fortschritt und gesellschaftliche Alternativen. …
 
…Selbst nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Staatsgefüges stehen die Autoren im Bann der Utopie. Die Hoffnungsperspektive bildet weiterhin den universalistischen Bezugspunkt, von dem aus geschichtliche Verhältnisse und Ereignisse gegliedert, akzentuiert und gewichtet werden. Der gegenwärtige Hauptfeind der Emanzipation ist in Gestalt des Kapitalismus wieder klar konturiert. Ihm gilt ungebrochen die – z.T. auch nach Jahren noch erstaunlich undifferenzierte – Kritik. Aus dem Gegenentwurf spricht erneut die Sehnsucht nach Geschichtssinn. Fundamentalkritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen im aufklärerischen Gestus geht mit anderen Worten mit einem Mangel an Distanz zum Geltungsan-spruch der eigenen Überzeugung einher.24 Dass die Schriftsteller dabei weiter „diesen Bloch […] im Nacken“ haben, erweisen die Texte von Morgner, Fries, Wolf und Braun. … Auszug Einleitung, Seite 20

Blochs „Wille zur Utopie“: Drei Zitate, die das Spannungsfeld öffnen

Der Teilauszug „Blochs Wille zur Utopie“ ist ideal, um Kirchners Zugriff in der Rezension konkret zu machen: Bloch wird nicht nur paraphrasiert, sondern in seinen Mechanismen sichtbar.
 

PRO: Hoffnung als Weltbezug (nicht bloß Gefühl)

„Erwartung, Hoffnung, Intention auf noch ungewordene Möglichkeit: das ist nicht nur ein Grundzug des menschlichen Bewußtseins, sondern […] eine Grundbestimmung innerhalb der objektiven Wirklichkeit insgesamt.“ (Teilauszug, S. 16)
Was daran überzeugt: Hoffnung wird bei Bloch zu einem kognitiven Richtungsakt. Möglichkeit ist nicht Eskapismus, sondern ein ernstzunehmender Wirklichkeitsmodus – literarisch anschlussfähig, weil Texte das „Noch‑Nicht“ erfahrbar machen können.
 

KONTRA: Evidenzgestus statt Nachweis

„Ihr Gefühlswert macht Vollkommenheitsvorstellungen unmittelbar einleuchtend, was Nachweise erübrigt, daß ihre mögliche Realisierbarkeit zu Recht behauptet wird.“ (Teilauszug, S. 22)
Wo es kritisch wird: Wenn „Einleuchten“ Nachweise ersetzt, gewinnt Utopie rhetorische Stärke – und verliert Prüfbarkeit. Scheitern lässt sich leichter als „noch nicht“ umdeuten.
 

AMBIVALENT: Faszination als Vereinfachung

„Die Faszination, die von der Blochschen Philosophie ausgeht, ist die Faszination einer grandiosen Vereinfachung komplexer Zusammenhänge.“ (Teilauszug, S. 26)
Warum das der Kern ist: Vereinfachung ist Orientierung und Risiko. Sie erklärt Blochs Wirkmacht – und das Potenzial, Bindungen zu erzeugen, wo eigentlich Kritik erwartet wird.

Kirchners Werkzeugkasten: So findet sie Bloch im Text

Kirchner sucht Bloch‑Spuren nicht (nur) über Namensnennungen, sondern über Strukturen.
Ihre Analyseebenen:
  • Denkfiguren: „Zwar–Aber“, „Sowohl‑als‑auch“, „Noch‑Nicht“
  • Bilder/Symbole: ästhetischer „Vor‑Schein“ (Möglichkeitsräume, die Kunst sichtbar macht)
  • Figurenmodelle: Grenzüberschreiter, die an einem Ideal festhalten
Ein Leitmotiv sind Grenzüberschreiterfiguren, die sich (blochtypisch) über Vorbilder wie Don Quichotte, Don Juan, Faust beschreiben lassen: Figuren, die gegen Widerstände „trotzdem“ handeln – und dabei sowohl utopische Energie als auch Blindstellen mitführen.
Dass das Buch als Covermotiv Giorgio de Chiricos Die Heimkehr des Odysseus (1968) nutzt, ist dabei mehr als Dekor: Odysseus als Figur des Unterwegsseins und der Hoffnung auf Heimkehr passt zum „Noch‑Nicht“ als dauerhafter Denkbewegung.
 

Aufbau & Korpus: Erst Bloch‑Fundament, dann DDR‑Fallstudien

Die Studie ist klar gebaut:
  1. Fundamentkapitel zu Bloch (Philosophie, Ästhetik, Leitfiguren, DDR‑Kontext)
  2. Autor:innen-/Werkkapitel zu Irmtraud Morgner, Uwe Johnson, Christa Wolf, Fritz Rudolf Fries und Volker Braun
  3. Schluss + Apparat (Siglen, Literaturverzeichnis, Register)
Auffällig ist die Schwerpunktsetzung auf Fries und Braun (mehrere Kapitel, detaillierte Figurenanalysen) – unter anderem entlang zweier Zeitfenster:
  • 1970er: Don‑Quichotte‑Folien (Braun: Guevara oder Der Sonnenstaat; Fries: Das Luft‑Schiff)
  • frühe 1980er: Don‑Juan/Don‑Giovanni‑Folien (Braun: Hinze‑Kunze‑Roman; Fries: Alexanders neue Welten)
Damit wird sichtbar, wie sich utopische Leitbilder historisch verschieben – und wie Kritik, Ernüchterung und erneute Legitimation ineinander greifen können.

Kurzfazit

Kirchners Kernleistung ist, Utopie nicht als bloßes Thema zu behandeln, sondern als Funktionsweise: Hoffnung strukturiert Wahrnehmung, Moral, Ästhetik und politische Deutung. Der Teilauszug macht das greifbar: Blochs Denken gewinnt Kraft aus einem radikalen Möglichkeitsbezug – und trägt zugleich das Risiko in sich, über Evidenz, Vereinfachung und Zukunftsaufschub Bindung zu erzeugen.

Leseempfehlung (geeignet / eher nicht)

Geeignet für:
  • Leser:innen mit Interesse an DDR‑Literatur und Ideengeschichte
  • Studierende, die Utopie/Anti‑Utopie über Denkfiguren und Figurenmodelle analysieren möchten
  • Alle, die Bloch als Ambivalenzfigur lesen wollen: Hoffnung als Kritikressource und Bindekraft
Eher nicht geeignet für:
  • Leser:innen, die eine reine Einführung in Bloch ohne literaturwissenschaftliche Schwerpunktsetzung erwarten
  • Alle, die primär Plot‑Zusammenfassungen suchen (Kirchner argumentiert strukturell, nicht nacherzählerisch)
Bibliographisch: Antiquarisch:Anmerkung(en):weiterführende Links:
  • Kirchner, Verena
  • Im Bann der Utopie
  • Ernst Blochs Hoffnungsphilosophie in der DDR- Literatur
  • Winter, Heidelberg (2002)
  • Paperback
  • 272 Seiten
  • ISBN 3825313050
Preisangaben Eurobuch

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  • keine
  • Verena Kirchner: Im Bann der Utopie. Ernst Blochs Hoffnungsphilosophie in der DDR-Literatur. Universitätsverlag C. Winter, Heidelberg 2002.

Sekundärliteratur…
Ausgewertet im Besonderen: Cover/Vorspann, Inhaltsverzeichnis, Einleitung und „Ernst Blochs Hoffnungsphilosophie: Der Wille zur Utopie als weltverändernde Kraft“Quelle: Amazon

  • Fritzsche, Sonja (2017): Review zu Kirchner, Im Bann der Utopie, in Utopian Studies 28(2), S. 374–379.

Sekundärliteratur…

  • Amberger, Alexander: Ernst Bloch in der DDR: Hoffnung – Utopie – Marxismus

Ergänzung …
Bedeutung: Ergänzender ArtikelQuelle: alexander-amberger.de


siehe auch (Auszug):


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