Universitas Phantastica – Reflektion #30 – Horror vs. phantastischer Horror …

Learn More-internRisse im Fundament der Wirklichkeit – Was genau macht eigentlich Angst?

Die Faszination des Grauens begleitet die Menschheit seit jeher: Literatur (und natürlich auch Film und Serien) inszeniert Angst als kalkulierte Grenzerfahrung – und bietet zugleich Distanz, Erregung und manchmal sogar so etwas wie Katharsis. Doch „Horror“ ist nicht gleich „Horror“.
Eine hilfreiche Unterscheidung – gerade für literarische Analysen – verläuft zwischen Horror innerhalb einer stabilen, realistischen Weltordnung und Horror, der diese Ordnung selbst ins Wanken bringt. Im Folgenden geht es deshalb um die Frage:
Wie unterscheiden sich klassischer/realistischer Horror und phantastischer Horror hinsichtlich Weltmodell, Auslösern des Schreckens und dem Rezeptionsmodus? …

Als theoretischer Bezugspunkt eignet sich besonders Tzvetan Todorov, der das Fantastische weniger über einzelne Motive (Geister, Dämonen etc.) definiert als über einen Modus der Unschlüssigkeit: Ist das Geschehen rational erklärbar – oder bricht hier wirklich das Übernatürliche in die Welt ein?
Begrifflicher Hinweis: Wenn hier von „phantastischem Horror“ die Rede ist, ist damit ein Sammelbegriff für Horrorformen gemeint, die mit Regelbruch, Übernatürlichem oder epistemischer Unsicherheit arbeiten. Todorovs „das Fantastische“ ist dabei nicht identisch mit „Fantastik“ als Genreetikett, sondern meint den Schwellenzustand des Zweifelns.
 

Klassischer/realistischer Horror: Schrecken innerhalb bekannter Regeln

Unter klassischem bzw. realistischem Horror lassen sich Erzählformen fassen, deren Schrecken aus Ereignissen entsteht, die innerhalb der bekannten Natur- und Sozialordnung plausibel bleiben. Die erzählte Welt funktioniert (grundsätzlich) wie unsere Alltagswelt. Der Horror entsteht aus der Zuspitzung realer Risiken.
 

Woran erkennt man das?

  • Keine ontologische Regelverletzung: Es gibt keine tatsächlich wirksamen übernatürlichen Entitäten oder Mechanismen.
  • Kausale Erklärbarkeit: Medizin, Psychologie, Soziologie oder Kriminalistik liefern prinzipiell erklärende Modelle.
  • Angstmodus: Identifikation/Empathie dominiert – das unangenehme Gefühl lautet: „Das könnte mir passieren.“

Beispiele (kurz verortet)

  • Alfred Hitchcock: Psycho (1960) – Schrecken aus menschlicher Gewalt und psychologischer Manipulation.
  • Thomas Harris: The Silence of the Lambs / Das Schweigen der Lämmer (1988/1991) – kriminalistisch-psychologischer Horror, vollständig sozial/psychologisch verankert.
  • David Fincher: Se7en (1995) – Grenzfall (Thriller/Horror), aber in seiner Bedrohungslogik realistisch: Serienmord, moralische Grausamkeit, institutionelle Ohnmacht – ohne Übernatürliches.
Nebenbemerkung: Ob ein Text/Film „Horror“ oder „Thriller“ ist, bleibt eine Genrefrage. Für die Analyse ist oft entscheidender, welcher Angstmodus und welches Weltmodell vorliegt.
 

Phantastischer Horror: Regelbruch, Unsicherheit – und der Verlust von Gewissheit

Im phantastischen Horror wird die erzählte Welt durch ein Element irritiert, das dem empirischen Weltwissen widerspricht – oder es zumindest nachhaltig destabilisiert: Geister, Flüche, Dämonen, kosmische Entitäten, „unmögliche“ Ereignisse.
 

Woran erkennt man das?

  • Ontologische Irritation: Das Geschehen steht im Konflikt mit dem, was in einer realistischen Welt „möglich“ wäre.
  • Deutungsinstabilität: Der Text hält (zumindest zeitweise) eine Ambivalenz offen: rational erklärbar oder übernatürlich?
  • Angstmodus: Nicht nur Körper und Leben sind bedroht, sondern Gewissheit, Kausalität und Weltordnung.

Todorov als Heuristik: Unheimlich – Fantastisch – Wunderbar

Vereinfacht lässt sich Todorovs Modell so lesen:
  • Das Unheimliche (uncanny): Das scheinbar Übernatürliche wird am Ende rational erklärt (Traum, Wahn, Betrug).
  • Das Wunderbare (marvelous): Das Übernatürliche wird als real akzeptiert – die Ontologie der Welt ist erweitert.
  • Das Fantastische (fantastic): Der entscheidende Schwellenmodus der Unschlüssigkeit.

Beispiele (kurz verortet)

  • Bram Stoker: Dracula (1897) – eher wunderbar: Vampirismus wird als wirksame übernatürliche Realität gesetzt.
  • Stephen King: The Shining (1977) – phantastische Spannung aus Ambivalenz: Spuk im Hotel vs. psychischer Zerfall.
  • H. P. Lovecraft: „The Call of Cthulhu“ (1928) – kosmischer Horror: Bedrohlich ist nicht nur ein „Monster“, sondern die Relativierung der gesamten Weltordnung.

Mini-Abriss: Warum diese Unterscheidung historisch Sinn ergibt

Eine lineare „Fortschrittserzählung“ wäre zu simpel, aber exemplarisch lassen sich Verschiebungen beobachten:
  • 18. Jahrhundert (Gothic Fiction): Übernatürliches oft atmosphärisch – und nicht selten am Ende rationalisiert (Nähe zum Unheimlichen).
  • 19. Jahrhundert: Übernatürliche Figuren und Kräfte werden stärker als nicht weg-erklärbare Realität etabliert.
  • Frühes 20. Jahrhundert: Lovecraft verschiebt den Fokus: Angst entsteht aus epistemischer Ohnmacht und kosmischer Bedeutungslosigkeit.
  • Spätes 20. Jahrhundert bis heute: Subgenres und Hybridformen: Übernatürliches wird in realistische Milieus eingebettet, der Kontrast zwischen Alltag und Regelbruch maximiert.

Die Kernunterschiede auf einen Blick

Kriterium
Klassischer/realistischer Horror
Phantastischer Horror
Weltmodell
Naturgesetze stabil
Naturgesetze gebrochen/erweitert oder als unsicher erlebt
Primäre Angstdynamik
Vulnerabilität (Körper/Soziales)
Gewissheits- und Kontrollverlust (Ontologie/Epistemologie)
Deutungsmodus
überwiegend eindeutig
häufig ambivalent; Unschlüssigkeit zentral (Todorov)
Typische Auslöser
Mensch, Körper, Natur, Institutionen
Übernatürliches, Fluch, kosmische Ordnung, „Unmögliches“
Rezeptionsangebot
„Das könnte mir passieren“
„Die Weltregeln gelten nicht (mehr)“
 

Fazit

Klassischer/realistischer Horror und phantastischer Horror unterscheiden sich weniger durch „Gruselintensität“ als durch die Logik der erzählten Welt und den Modus der Angstproduktion. Realistischer Horror radikalisiert reale Bedrohungen innerhalb stabiler Regeln; phantastischer Horror destabilisiert Regeln selbst – und erzeugt Angst aus Ungewissheit, Kontrollverlust und ontologischer Erschütterung.
Wenn man Horror also wirklich präzise analysieren will, lohnt sich fast immer ein Doppelblick:
  1. Welches Weltmodell wird vorausgesetzt?
  2. Wie stabil ist die Deutung (Eindeutigkeit vs. Unschlüssigkeit)?

Quelle(n), Vorgänger und Hilfreiches:

  • Todorov, Tzvetan (1970/2013): Einführung in die fantastische Literatur. Wagenbach Verlag.
    Sekundärliteratur …
    Bedeutung: Wissenschaftliches Fundament zur Definition des Phantastischen, des Unheimlichen und des Wunderbaren.Quelle: Verlag Klaus Wagenbach

  • Durst, Uwe (2001/2007): Theorie der phantastischen Literatur.
    Sekundärliteratur…
    Bedeutung: Systematische Weiterentwicklung der Gattungstheorien und Abgrenzung  innerfiktionaler Konventionen.Quelle: fis.uni-bamberg.de

  • MasterClass Creative Writing Guides (2026): Guide to Supernatural vs. Paranormal Fiction With Examples.
    Onlienquelle…
    Bedeutung: Praxisnahe Genretrennung und Strukturierung von übernatürlichen Elementen im modernen Storytelling.Quelle: masterclass.com

  • Hammond, Mark E. (Lit-Aufsatz): Psychological Horror vs Supernatural Horror
    Onlinequelle…
    Bedeutung: Analyse der psychologischen Wirkungsweisen und der Verortung der Angst (intern vs. extern).Quelle: markehammond.com

  • Edmonton Public Library Genre Studies: Exploring the Diverse Subgenres of Horror Literature.
    Onlinequelle…
    Bedeutung: Historischer Abriss von der Gothic Fiction bis zum modernen paranormalen Horror für die bibliothekarische Klassifikation.Quelle: EPL-Blog

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