
Die Selbstrefelektionen #11-Kann Fiktion unbeabsichtigt durch den Autor entstehen?, #12-Das Übernatürliche im Spiegel der Gattungspoetik: Religiöse Texte im Kontext der Phantastik und #13-Warum die Autorintention in der modernen Erzähltheorie kein „mächtiger Faktor“ ist haben eigentlich Themen vorweggenommen. Es hat sich aber gerade so ergeben und man soll drängende Fragen nicht aufhalten an die Öffentlichkeit zu kommen. Ursprünglich wollte ich von ganz Vorne beginnen und das hole ich jetzt nach. Aus den gegebenen Fragestellung werde ich dann versuchen neue Fragen herauszufiltern. Aber zunächst: Was ist Phantastik? …
Wenn wir den Begriff „phantastische Literatur“ hören, denken viele instinktiv an Drachen, die über mittelalterliche Burgen fliegen, an Raumschiffe auf dem Weg zu fernen Galaxien oder an düstere Vampire in verfallenen Schlössern. Doch aus literaturwissenschaftlicher Sicht verbirgt sich hinter diesem Begriff weit mehr als nur ein Katalog von Fabelwesen. Die Phantastik ist eine der faszinierendsten literarischen Gattungen, denn sie fordert unser tiefstes Verständnis dessen heraus, was wir als „Realität“ betrachten. Um zu verstehen, was diese Literatur im Kern ausmacht, müssen wir nicht nur betrachten, wie sie mit unseren Erwartungen an die Naturgesetze spielt, sondern auch, welche scheinbar ähnlichen Texte nicht zu ihr gehören.
Das Moment des Zögerns: Die klassische Definition
Der bulgarisch-französische Literaturtheoretiker Tzvetan Todorov hat in den 1970er Jahren die bis heute einflussreichste Definition der Phantastik geprägt. Für ihn ist die Phantastik keine feststehende, magische Welt, sondern ein Zustand der kognitiven Unsicherheit – er nennt es das „Zögern“.
Stellen wir uns eine Geschichte vor, in der eine Hauptfigur nachts Schritte hört und einer schwebenden, transparenten Gestalt gegenübersteht. Laut Todorov gibt es nun zwei Deutungsmöglichkeiten:
- Das Unheimliche: Die Gestalt lässt sich rational erklären (Traum, Halluzination, Betrug). Die Naturgesetze bleiben intakt.
- Das Wunderbare: Die Gestalt ist tatsächlich ein Geist. Wir müssen akzeptieren, dass in dieser Welt übernatürliche Gesetze herrschen.
Die echte Phantastik befindet sich genau auf der Messerschneide dazwischen. Solange die Hauptfigur und die Leserschaft zögern und nicht wissen, ob das Geschehen rational oder übernatürlich zu deuten ist, bewegen wir uns im Raum der Phantastik.
Der moderne Schirmbegriff: Fantasy, Science Fiction und Horror
Im heutigen allgemeinen Sprachgebrauch hat sich ein breiteres Verständnis durchgesetzt. Die „Phantastik“ wird meist als Makro-Genre verstanden, das alle Erzählungen umfasst, die empirisch nicht mögliche Elemente enthalten. Dieses stützt sich auf drei große Säulen:
- Fantasy: Das Übernatürliche (Magie, Fabelwesen) wird als fester Bestandteil der erzählten Sekundärwelt akzeptiert.
- Science Fiction: Das Unmögliche wird nicht durch Magie, sondern durch fiktive wissenschaftliche oder technische Entwicklungen erklärt.
- Horror: Das Übernatürliche oder Unbekannte bricht aggressiv in unsere normale Alltagswelt ein, um eine starke emotionale Wirkung (Angst) zu erzeugen.
Der Wahrheitsanspruch: Warum Religion, Mythos und Sage keine Phantastik sind
Betrachtet man diese Definitionen, stellt sich unweigerlich die Frage: Warum zählen dann einige der ältesten Erzählformen der Menschheit – Mythen, Sagen, Legenden und religiöse Texte – nicht zur phantastischen Literatur? Schließlich wimmelt es auch dort von Wundern und Göttern.
Der entscheidende Unterschied ist der historische Wahrheitsanspruch. Mythen (wie das Nibelungenlied) oder Legenden wurden ursprünglich mit dem Anspruch auf reale Gültigkeit erzählt. Die damaligen Zuhörer glaubten an ein wörtlich zu nehmendes Eingreifen übernatürlicher Mächte. Die literarische „Fiktion“ als bewusst unzweifelhafte Erfindung ist eine vergleichsweise späte kulturelle Errungenschaft. Phantastik erfordert zwingend eine etabliert-aufgeklärte Realität, gegen deren physikalische Gesetze sie als literarisches Spiel bewusst verstoßen kann. Ein Text, der von seinen Urhebern als historische oder göttliche Wahrheit verstanden wurde, ist daher keine Phantastik.
Die absolute Selbstverständlichkeit: Das Märchen
Auch das Märchen wird von der eigentlichen Phantastik getrennt, obwohl es rein fiktional ist. Der Grund hierfür liegt in den inneren Gesetzen der Textwelt. In einem Märchen existiert kein Todorov’sches „Zögern“. Wenn der Wolf spricht oder eine Hexe zaubert, wundert sich die Hauptfigur nicht über die Verletzung von Naturgesetzen. Magie wird als völlig normaler Bestandteil der Welt akzeptiert (die Literaturwissenschaft nennt dies „Eindimensionalität“).
Zudem geht es im Volksmärchen nicht um den Aufbau einer plausiblen Gegenwelt, sondern um symbolisch aufgeladene Handlungsräume. Wie Strukturanalysen – beispielsweise in Siegfried Fritschs Untersuchung Märchen und Sagen, die in zehn systematischen Kapiteln von der „Einleitung“ bis hin zu spezifischen Prüfungsorten wie dem „Labyrinth des Todes“ solche Erzählwelten aufschlüsselt – zeigen, stehen diese Orte für psychologische Reifeprozesse oder moralische Prüfungen. Dem Märchen fehlt der Konflikt zwischen Realität und Übernatürlichem; die Magie hat hier von vornherein ihren festen Platz.
Das politische Gedankenexperiment: Die Utopie
Einen weiteren Grenzfall bildet die Utopie. Obwohl sie oft erzählerische Mittel nutzt, die wir der Science Fiction zuordnen (wie Reisen in die Zukunft oder auf fremde Planeten), ist ihr literarischer Zweck grundlegend anders.
Die klassische Utopie ist in erster Linie ein politisches, soziales oder philosophisches Gedankenexperiment. Ihr Ziel ist nicht die Verfremdung von Naturgesetzen oder das Spiel mit dem Unmöglichen, sondern die Durchdeklinierung einer alternativen, oft idealisierten Gesellschaftsordnung. Sie fungiert als Modellbaukasten für soziopolitische Ideen.
Fazit: Die Funktion des Unmöglichen
Die klare Abgrenzung der phantastischen Literatur von Mythos, Märchen und Utopie schärft unseren Blick dafür, was diese Texte eigentlich leisten. Phantastik ist kein reiner Eskapismus. Sie nutzt den Verfremdungseffekt, um reale menschliche Konflikte in ein fremdes Gewand zu kleiden und uns so einen unvoreingenommenen Blick auf unsere eigene Welt zu ermöglichen. Sie ist ein literarischer Spiegel, der unsere Realität verzerrt, um ihre Konturen umso schärfer hervortreten zu lassen.
Eine kleine Anmerkung am Rande noch:
Definitionen der Phantastik und ihrer Untergenres gibt es wie Sand am Meer und dies ist auch nicht verwerflich. Definitionen dienen dazu ein Gerüst zu schaffen, das den Halt liefert, um Arbeitshypothesen abzuarbeiten und eine (u.U. selbstgewähle) Ordnung zu schaffen. Im nach obigen Artikel wird man daher feststellen, dass mein Phantastikbegriff und damit jener der Bibliothek weitaus großzügiger ausgelegt ist, als hier beschrieben. Ich habe aber vor die Thematik nach den derzeit gültigen „Regeln“ zu betrachten. Wo es Abweichungen zu meinen eigenen Vorstellungen geben sollte, werde ich gesondert darauf hinweisen und dies sollte dann auch nicht die allgemeine Deutung in Zweifel ziehen …
Quellen, Vorgänger und Hilfreiches:
Die folgenden Quellen sind nach ihrer literaturwissenschaftlichen Bedeutung für die Argumentation des Essays sortiert.
- Todorov, Tzvetan (1972): Einführung in die fantastische Literatur. München: Carl Hanser Verlag.
(Die literaturwissenschaftliche Basis-Theorie zum Konzept des „Zögerns“ und des „Wunderbaren“.) - Franzen, Johannes (2018): Geschichte der Fiktionalität. Transformationen eines literaturwissenschaftlichen Konzepts.
(Zentrale Quelle für die Entstehung der bewussten literarischen Erfindung im Gegensatz zum Wahrheitsanspruch älterer Texte.) - Lüthi, Max (2004): Das europäische Volksmärchen. Form und Wesen. Tübingen: A. Francke Verlag.
(Akademisches Standardwerk, das den Begriff der „Eindimensionalität“ und die Selbstverständlichkeit der Magie im Märchen prägte.) - Suvin, Darko (1979): Poetik der Science-fiction: Zur Theorie und Geschichte einer literarischen Gattung
(Grundlegende Theorie zur Science Fiction als „kognitive Verfremdung“.) - Zondergeld, Rein A. (1983): Lexikon der phantastischen Literatur. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
(Standard-Nachschlagewerk zur Kategorisierung phantastischer Werke des modernen Makro-Genres.) - Fritsch, Siegfried: Märchen und Sagen: Versuch einer Deutung, One Way Verlag.
(Strukturelle Aufarbeitung und Analyse der Symbolik sowie der spezifischen Handlungsräume von Märchen.)
