Heute mal keine Bibliotheksberichte, sondern eine Frage. Ich ging sonntags der Frage nach „Kann Fiktion unbeabsichtigt durch den Autor entstehen?“. Die Antwort – meines Erachtens eindeutig. Damit komme ich in meiner Hauptfrage nach der phantastischen Provenienz religiöser Schriften ein kleines Stück weiter … Also …
In der modernen Fiktionalitäts- und Erzähltheorie spielt die „Intention des Autors“ allenfalls eine begrenzte und umstrittene Rolle. Sie ist auch keineswegs der entscheidende Faktor dafür, ob ein Text als Fiktion wahrgenommen wird oder nicht.
Wenn man Fiktionalität nicht als feste Eigenschaft eines Textes versteht, sondern als ein „kulturelles und pragmatisches Abkommen“ zwischen Autor, Text und Leserschaft, wird schnell klar, dass Fiktion auch völlig ohne (oder sogar gegen) den Willen des Urhebers entstehen kann.
Wie also, kann unbeabsichtigte Fiktion zustande kommen?
1. Der diachrone Wandel (Rezeptionspragmatik)
Ein Text, der zum Zeitpunkt seiner Entstehung als absolut faktualer Bericht, historische Chronik oder heiliger Mythos gemeint war, kann Jahrhunderte später durch einen Wechsel des kulturellen Kontextes als Fiktion gelesen werden.
Das Prinzip: Wenn das zugrunde liegende Weltwissen einer Epoche wegbricht, verändert sich der Status des Textes.
Beispiel: Antike Reiseberichte über ferne Länder voller Fabelwesen (wie bei Plinius dem Älteren) oder mittelalterliche Chroniken, die von Wundern berichten. Die Autoren wollten Fakten liefern; heutige Leser konsumieren die Texte aufgrund des phantastischen Gehalts pragmatisch wie fiktionale Erzählungen.
2. Textinterne Signale schlagen Intention (Strukturelle Fiktionalisierung)
Manchmal möchte ein Autor eine strikt wahre, biografische oder historische Geschichte erzählen, bedient sich dabei aber unbewusst narrativer Techniken, die in unserer Kultur fest mit Fiktion verknüpft sind („Fiktionalitätssignale“).
Das Prinzip: Die Struktur des Textes hebelt die Absicht des Autors aus.
Beispiel: Ein Autor schreibt eine Biografie und schildert die intimsten, unbeobachteten Gedanken oder Träume einer historischen Person in der Er-Form (Allwissende Erzählperspektive) oder erfindet plausible Dialoge, um die Handlung lebendiger zu machen. Sobald ein Text einen ungehinderten Zugang zum Bewusstsein einer anderen, realen Person simuliert, schwenkt er strukturell in die Fiktionalität um – selbst wenn der Autor schwört, sich an die „Wahrheit“ zu halten.
3. Die Eigendynamik des Schreibprozesses (Ästhetisierung)
Im kreativen Prozess von „Creative Non-Fiction“ oder autobiografischen Texten kollidieren oft der Wahrheitsanspruch und das Streben nach einer packenden Dramaturgie.
Das Prinzip: Um eine „gute Geschichte“ zu bauen, glättet der Autor unbewusst Widersprüche, baut Spannungsbögen, die es so in der Realität nicht gab, oder verdichtet mehrere reale Personen zu einer einzigen Figur (Kompositfiguren). Ohne dass der Autor die bewusste Entscheidung trifft, „jetzt erfinde ich etwas“, mutiert der faktuale Bericht durch ästhetische Formgebung zur Fiktion.
4. Der fiktionale Status durch kollektiven Irrtum (Der „Hoax“-Effekt)
Ein Autor erliegt einer kolossalen Fehlinformation oder einer Halluzination und schreibt diese in dem festen Glauben auf, die Realität abzubilden.
Das Prinzip: Der Text behauptet Faktualität, bildet aber eine komplett nicht-existente Entität ab. Fliegt der Irrtum auf, wird der Text in der Kulturgeschichte oft in den Raum des Imaginären oder Legendären verschoben. Er wird als Fiktion par excellence behandelt, obwohl er als (fehlerhafte) Dokumentation startete.
Der literaturwissenschaftliche Blick:
In der Fiktionalitätsdebatte (wie sie unter anderem von Johannes Franzen in der „Geschichte der Fiktionalität“ oder in erzähltheoretischen Ansätzen beleuchtet wird) zeigt sich, dass Fiktionalität kein starrer Schutzschirm ist, den man per Umschlag-Aufdruck („Roman“) erzwingt oder verhindert. Sie ist ein dynamisches Zusammenspiel. Wenn ein Text wie Fiktion „funktioniert“ und sich wie Fiktion „liest“, verliert die ursprüngliche Intention des Autors auf der Ebene der Rezeption schlicht ihr Mandat.
Quelle(n):
- Die Schreibtechnikerin: Fiktion, Fiktivität und Fiktionalität vs. Faktualität
- Wikipedia: Fiktionalität
- Deutschlandfunk: Zwischen Fakt und Fiktion in der Literatur
- 225090 {225090:C3Q2TM3S} 1 technische-universitat-dresden-medienwissenschaft-und-neuere-deutsche-literatur-note 50 default 1 1 12700 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Johannes Franzen u. a. (Hg.): Geschichte der Fiktionalität: Diachrone Perspektiven auf ein kulturelles Konzept. Bd. 4. Originalauflage, Baden-Baden: Ergon 2018 (= Faktuales und fiktionales Erzählen, Schriftenreihe des Graduiertenkollegs 1767, hg. von Monika Fludernik). DOI: https://doi.org/10.5771/9783956504273 (Stand: 08.03.2026).

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