Universitas Phantastica – Reflektion #13 – Warum die Autorintention in der modernen Erzähltheorie kein „mächtiger Faktor“ ist …

Selbstreflektion - Intern

In Universitas Phantastica – Reflektion #11 – Kann Fiktion unbeabsichtigt durch den Autor entstehen? … ist mir ein Fehler passiert. Ich schrieb:„In der modernen Fiktionalitäts- und Erzähltheorie ist die ‚Intention des Autors‘ zwar ein mächtiger Faktor …“ – das ist natürlich nicht richtig und ich wurde von Simon Spiegel zu Recht korrigiert (im Artikel ist diese Aussage jetzt berichtigt). Warum aber ist diese Aussage nicht richtig? Hier ein Versuch der Erklärung …

Warum die Autorintention in der modernen Erzähltheorie kein „mächtiger Faktor“ ist

Ein naheliegender Gedanke beim Lesen lautet: Ein Autor schreibt ein Buch, also bestimmt er auch seine Bedeutung. Dieser Alltagslogik widerspricht die moderne Literaturwissenschaft entschieden. Die Aussage, die „Intention des Autors“ sei ein mächtiger Faktor in der modernen Fiktionalitäts- und Erzähltheorie, ist aus mehreren zentralen Gründen nicht haltbar. Im Gegenteil gilt sie in diesen Theorien als methodisch unsicher und wird häufig bewusst aus der Interpretation ausgeklammert.

Der Hauptgrund dafür ist die grundlegende Unsichtbarkeit der Intention. Wir können nie direkt in den Kopf einer Autorperson schauen, um zu erfahren, was sie „wirklich wollte“. Was bleibt, sind allein der Text und möglicherweise weitere Texte wie Briefe oder Interviews, die ihrerseits vermittelte Aussagen und keine reine Absicht darstellen. Der Versuch, die Bedeutung eines Werks auf diese unsichere Grundlage zu stellen, wird in der Literaturtheorie als „intentional fallacy“ (intentionaler Fehlschluss) bezeichnet.

Vier theoretische Eckpfeiler gegen die Autorintention

  1. Der intentionale Fehlschluss (Intentional Fallacy)
    William K. Wimsatt und Monroe C. Beardsley prägten diesen Begriff in den 1940er Jahren. Ihr Argument: Die Absicht eines Autors ist weder verfügbar noch wünschenswert für die Beurteilung eines literarischen Werks. Sobald ein Text veröffentlicht ist, wird er zu öffentlichem Eigentum und gewinnt eine eigenständige Bedeutung, die im Text selbst zu suchen ist – nicht in den privaten Gedanken seines Verfassers.
  2. Der „Tod des Autors“
    Roland Barthes zog diese Trennung 1967 radikal. Für ihn ist ein Text kein Behälter einer geheimen Autor-Botschaft, sondern ein offenes Geflecht aus kulturellen Codes und Zitaten. Die Bedeutung entsteht nicht am Ursprung (beim Autor), sondern am Ziel (beim Leser). Barthes‘ berühmtes Fazit: „Die Geburt des Lesers ist zu bezahlen mit dem Tod des Autors.“ In diesem Rahmen ist die reale Autorenabsicht höchstens ein Randaspekt.
  3. Die strikte Trennung von Autor und Erzähler
    Die moderne Narratologie unterscheidet analytisch scharf zwischen drei Instanzen: der realen historischen Person (Autor), dem im Text entworfenen Wertesystem (impliziter Autor) und der erfundenen Erzählstimme (Erzähler). Ein zentraler methodischer Grundsatz ist es, den Erzähler oder Figurenaussagen nicht mit der Meinung der realen Person dahinter gleichzusetzen.
  4. Fiktionalität entsteht im Text, nicht im Kopf
    Ob ein Werk als Fiktion verstanden wird, bestimmen nicht die geheimen Absichten des Autors, sondern textinterne Signale (z.B. die Darstellung innerer Gedanken) und kulturelle Konventionen (wie die Gattungsbezeichnung „Roman“). Selbst Theorien, die von einer „fiktionalen Sprechhandlung“ des Autors sprechen, behandeln diese als rekonstruiertes Modell, nicht als psychologischen Schlüssel zur Bedeutung.

Im Zentrum der Analyse: Text, Struktur und Leser

In der Konsequenz steht in der modernen Fiktionalitäts- und Erzähltheorie nicht die Frage „Was wollte der Autor?“, sondern die Untersuchung von Textstrukturen und Leseprozessen im Vordergrund. Die Narratologie analysiert Erzählperspektiven, Zeitstrukturen, Fokalisierung und ähnliche Phänomene – allesamt Eigenschaften des Textes, die ohne Kenntnis der Autorpsychologie untersucht werden können.

Die Intention der Autorperson ist daher kein „mächtiger Faktor“, sondern eine theoretisch umstrittene und epistemisch unsichere Größe. Ihre Rolle ist, wenn überhaupt, eine nachgeordnete. Die moderne Theorie versucht vielmehr, die Eigenständigkeit des Textes und die aktive Rolle des Lesers bei der Konstruktion von Bedeutung zu erklären.

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Quellen, Vorgänger und Hilfreiches:

  • Wimsatt, William K. und Monroe C. Beardsley: „The Intentional Fallacy“
    • Erstveröffentlichung: 1946 (in The Sewanee Review)
    • Beitrag: Liefert das grundlegende theoretische Argument gegen die Nutzung der Autorabsicht als Maßstab für die literarische Bedeutung. Prägte den zentralen Begriff des „intentionalen Fehlschlusses“ und etablierte die Vorstellung der Autonomie des literarischen Textes.

      – für Wimsatt, William K. und Monroe C. Beardsley siehe: Intentional Fallacy/academia.edu

  • Barthes, Roland: „La mort de l’auteur“ (Der Tod des Autors)

    • Erstveröffentlichung: 1967 (engl. 1968)
    • Beitrag: Radikalisiert die Ablösung des Textes vom Autor im poststrukturalistischen Denken. Erklärt den Text zu einem vielstimmigen Gewebe aus Zitaten („Gewebe von Zitaten“) und verlagert die Autorität über die Bedeutung vollständig auf den Leser („Die Geburt des Lesers muss mit dem Tod des Autors bezahlt werden“).

      – für Barthes, Roland siehe: Der Tod des Autors/von Roland Barthes – by Jochen Teuffel

  • Booth, Wayne C.: „The Rhetoric of Fiction“ (Die Rhetorik der Erzählkunst)

    • Erstveröffentlichung: 1961 (2. Auflage 1983)
    • Beitrag: Führt das einflussreiche Konzept des „impliziten Autors“ ein – die vom Text selbst vermittelte Idee eines Urhebers, die sich von der realen Person unterscheidet. Dieses Konzept ist ein wesentliches Instrument der modernen Erzähltheorie, um Werke zu analysieren, ohne auf die Biografie des Autors zurückgreifen zu müssen.

      – für Booth, Wayne C. siehe:  The rhetoric of fiction/by Booth, Wayne C – archive.org

  • Searle, John R.: „The Logical Status of Fictional Discourse“

    • Erstveröffentlichung: 1975 (in New Literary History) Hamburger, Käte: „Die Logik der Dichtung“
    • Erstveröffentlichung: 1957 (2. Auflage 1968)
    • Beitrag (gemeinsam): Beide Werke (auf unterschiedlichen Wegen) argumentieren, dass Fiktionalität eine Eigenschaft der Äußerung bzw. des Sprachgebrauchs ist und nicht von der psychologischen Einstellung („Intention“) des Autors abhängt. Sie stützen thus die These, dass Fiktionalität textintern oder konventionell bestimmt wird.

      – für Searle, John R. siehe: The Logical Status of Fictional Discourse/by jstor.org

  • Genette, Gérard: „Figures III“ (Diskurs der Erzählung) Stanzel, Franz K.: „Theorie des Erzählens“ Fludernik, Monika: „Towards a ‚Natural‘ Narratology“

    • Erstveröffentlichungen: Genette (1972), Stanzel (1979, eng. 1984), Fludernik (1996)
    • Beitrag (gemeinsam): Repräsentieren die Hauptströmungen der strukturalistischen und postklassischen Narratologie. Ihre systematischen Analysen von Erzählzeit, Modus, Stimme, Fokalisierung und Bewusstseinsdarstellung belegen, dass der Schwerpunkt der modernen Erzähltheorie auf der textimmanenten Struktur und nicht auf der Autorintention liegt.

– für Genette, Gerard siehe: Gérard Genette. Eine Bibliographie seiner Bucher und Artikel / by https://mediarep.org
– für Stanzel, Franz K. siehe: Franz Stanzel – Theorie Des Erzählens-1-6 / by scribd.com
– für Fludernik, Monika siehe: [BUCH] Towards a’natural’narratology / by scholar.google.at


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