
Vorweg: Es geht nicht darum, den Wahrheitsgehalt heiliger Schriften zu bewerten, sondern ihre formalen Erzählstrukturen, ihre Wirkungsweisen auf die Leserschaft und ihre geschichtliche Verortung zu untersuchen. In der literaturwissenschaftlichen Forschung existiert auf diese Frage keine einfache, einheitliche Antwort. Vielmehr zeigt sich, dass die Zuordnung religiöser Texte zur Phantastik davon abhängt, welchen theoretischen Begriff der Phantastik man anlegt. Aber …
Das Übernatürliche im Spiegel der Gattungspoetik: Religiöse Texte im Kontext der Phantastik …
Warum heilige Schriften nicht zur Phantastik gehören – und trotzdem mit ihr verwandt sind
1. Maximalismus: Alles, was Naturgesetze bricht, ist phantastisch
Ein erster Ansatz – der sogenannte Gattungstheoretische Maximalismus – definiert Phantastik rein formal: Ein Text gilt als phantastisch, sobald er gegen die bekannten Gesetze der physikalischen, biologischen oder chemischen Wirklichkeit verstößt.
Aus dieser Perspektive wären Wunder wie das Gehen auf dem Wasser, die Erschaffung der Welt aus dem Nichts oder die leibliche Auferstehung eindeutig phantastisch – denn sie widersprechen unserem modernen naturwissenschaftlichen Weltbild. Für einen säkularen, distanzierten Leser funktionieren solche Texte strukturell ähnlich wie moderne Fantasy.
Doch bereits innerhalb dieses Modells wird differenziert:
- Der ahistorische Maximalismus ignoriert den Entstehungskontext und wertet alle Texte nach heutigen Maßstäben. So wird die Bibel zur Fantasy.
- Der historische Maximalismus betont dagegen: Vor der Aufklärung gab es kein scharfes Trennkonzept zwischen „natürlich“ und „übernatürlich“. In antiken oder mittelalterlichen Weltbildern war das Wunderbare integraler Bestandteil der Realität – kein Bruch mit ihr. Religiöse Texte aus diesen Epochen können daher nicht als „phantastisch“ im modernen Sinne gelten.
2. Minimalismus nach Todorov: Der Zweifel macht die Phantastik
Gegenüber dem Maximalismus steht die einflussreiche Theorie des Strukturalisten Tzvetan Todorov. Für ihn ist Phantastik kein Genre der Inhalte, sondern ein Zustand der Rezeption: Sie entsteht, wenn Leser – und oft auch Figuren im Text – nicht wissen, ob ein Ereignis rational erklärbar ist oder nicht. Diese epistemologische Unschlüssigkeit („hesitation“) ist das Kernkriterium.
Sobald der Zweifel aufgelöst ist, wechselt das Werk ins Unheimliche (rationale Erklärung) oder ins Wunderbare (Akzeptanz des Übernatürlichen als Normalität).
Religiöse Texte fallen hier klar in die Kategorie des Wunderbaren: Sie verlangen nicht Zweifel, sondern Glauben. Das Wunder ist kein Rätsel, sondern Ausdruck göttlicher Ordnung. Zudem verfolgen sie eine andere Funktion als klassische Phantastik: Sie stiften kollektive Identität und ethische Normen – statt tabuisierte Triebe verschlüsselt darzustellen, wie es laut Todorov die Phantastik des 19. Jahrhunderts tat.
3. Magie versus Religion: Wer wirkt das Wunder?
Ein weiterer Unterschied liegt in der Quelle des Übernatürlichen. In moderner Fantasy dominiert oft Magie: eine anthropozentrische Kraft, die der Held durch Wissen und Willen kontrolliert. In religiösen Texten dagegen wirkt Gott – der Mensch ist bloß demütiger Bittsteller. Das Wunder ist Gnade, kein Werkzeug. Entsprechend werden magische Praktiken in heiligen Schriften meist als illegitim oder sündhaft dargestellt.
4. Struktur: Immobil statt irritierend
Die moderne Phantastikforschung unterscheidet zudem zwischen mobilen und immobilen Welten. Phantastische Texte sind „mobil“: Sie brechen aus der realistischen Norm heraus und lassen den Leser im Ungewissen. Religiöse Texte sind hingegen „immobil“: Ihre Welt ist von Anfang an als von Gott durchwaltet gedacht. Das Wunder ist kein Systembruch, sondern Bestätigung der höchsten Ordnung.
Sequenzielle Lücken – jene Stellen, an denen die Realität zu bröckeln scheint – werden in der Phantastik genutzt, um Irritation zu erzeugen. In religiösen Texten füllt man sie mit theologischem Sinn.
5. Gemeinsamkeiten auf narrativer Ebene
Trotz dieser formalen Trennung gibt es auffällige Parallelen auf der Ebene der Erzählstruktur:
- Die Lebensgeschichte Jesu folgt klassischen Mustern der Heldenreise: Berufung, Prüfung, Opfertod, Auferstehung.
- Die Apokalyptik (etwa in der Offenbarung des Johannes) bedient sich einer bilderreichen, dramatischen Symbolsprache – ähnlich der modernen Fantasy. Doch ihre Funktion ist nicht Unterhaltung, sondern Trost in Zeiten der Verfolgung.
- Der Fantasy-Autor J.R.R. Tolkien prägte den Begriff der Eukatastrophe: jener plötzliche, freudige Wendepunkt in tiefer Not. Er sah darin einen literarischen Widerhall des Evangeliums – und nannte das Christentum den „wahren Mythos“, in dem der Mythos zur historischen Wirklichkeit geworden sei.
Fazit: Keine Phantastik – aber eine gemeinsame Wurzel
Formal gehören religiöse Texte nicht zur modernen Phantastik, denn ihnen fehlt deren zentrales Merkmal: der unauflösbare Zweifel. Stattdessen bieten sie Gewissheit, Offenbarung und Sinn.
Gleichzeitig teilen sie mit Fantasy und Mythos eine tiefere Sehnsucht: die Sehnsucht nach dem Transzendenten, nach Gerechtigkeit jenseits des Todes, nach einer Welt, in der das Gute siegt. In einer rational entzaubten Gegenwart übernimmt die literarische Phantastik oft jene Funktion, die einst der Religion zukam: Sie holt das Wunder zurück – nicht als Glaubensgebot, sondern als ästhetische Erfahrung.
So gesehen sind heilige Schriften keine Fantasy. Aber sie sind Vorläufer einer menschlichen Erzählkraft, die bis heute in fiktionalen Welten weiterlebt.
Vorgänger und Hilfreiches:
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- Todorov, Tzvetan: Einführung in die phantastische Literatur. München: Carl Hanser Verlag, 1975.
- Durst, Uwe: Phantastik: Eine Einführung in Literatur und Theorie. Berlin: Erich Schmidt Verlag, 2011.
- Franzen, Johannes: Geschichte der Fiktionalität. Berlin: De Gruyter, 2017.
- Tolkien, J.R.R.: On Fairy-Stories. In: Tree and Leaf. London: George Allen & Unwin, 1964.
- Lewis, C.S.: An Experiment in Criticism. Cambridge: Cambridge University Press, 1961.
- Fricke, Harald: Fiktionalität und Phantastik. In: REAL: Yearbook of Research in English and American Literature, Bd. 22, 2006, S. 23–46.
- Hurst, Matthias: Mythos und Erzählung: Strukturen religiöser und fantastischer Literatur. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2015.
- Caillois, Roger: Das Mythische und das Imaginäre. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1982.
- Scholes, Robert / Rabkin, Eric S.: Science Fiction: History, Science, Vision. Oxford: Oxford University Press, 1977.
- Zijderveld, Anton C.: The Waning of the Left: The Decline of a Political Ideology. London: Macmillan, 1970. (enthält wichtige Überlegungen zur „Entzauberung“ im Kontext moderner Literatur)
und andere …
