Science Fiction #21 – realistische Spekulation über Möglichkeiten: Neue deutsche Literatur, Nr. 1/1970

Die „Neue Deutsche Literatur“ war eine zwischen 1952 und 2004 erschienene Literaturzeitschrift, die zusammen mit Sinn und Form eine der wichtigsten Zeitschriften dieser Art in der DDR war. Sie enthielt auch sekundärliterarisches Material zur Phantastik …


Neue Deutsche Literatur 1970/1Neue Deutsche Literatur 1970/1
Neue Deutsche Literatur 1970/1

Werner Neubert (Chefredakteur)
Neue Deutsche Literatur, 18. Jhrg., Heft 1, Jänner 1970
Deutscher Schriftstellerverband
ISSN: 0028-3150

Im Besonderen interessiert uns hier der sekundärliterarische Artikel auf Seite 154  –  „Wie utopisch ist der utopische Roman“ von Heinz Entner.

Heinz Entner sinniert über „Wie utopisch ist der utopische Roman“ – natürlich hier  in erster Linie in Bezug auf die Literatur in der DDR .

Nach seinen Ausführungen sind die meisten Urteile über diese Sparte der „Unterhaltungsliteratur“ Vorurteile und die Bücher dieses Genres wurden  in erster Linie von jungen Lesern so nachverlangt, dass  das Angebot und Nachfrage weit auseinanderklafften. Die Verlage baten darauf hinzuweisen, dass Rezensionen keine Werbung für das jeweilige Buch darstellten und darauf, dass das Buch bei Erscheinen der Rezension höchst wahrscheinlich bereits nicht mehr im Buchhandel erhältlich wäre.

Er stellt eine symptomatische Begriffsverwirrung bei der Bezeichnung „utopischer Roman“ fest und fragt sich, warum man soviel Mühe macht, den Begriff „Science Fiction“ zu vermeiden. Er kann an den Worten an sich nichts Schlechtes finden, obwohl es natürlich auch „bösartige, imperialistisch-apologetische“ Literatur gäbe. Im Gegenzug wären aber die Bücher von Ray Bradbury in der Sowjetunion sehr populär.

Der verortete Beginn der Science-fiction-Literatur in der DDR Mitte der fünfziger Jahre stehen im Zeichen der „möglichst naturgetreuen“ Vorwegnahme der technisch und gesellschaftlichen Zukunft. In der Regel wäre diese aber dann „für die Ansprüche der Wissenschaft zu dilettantisch und für die Ansprüche der Literatur zu trocken“. Besonders die Rolle der Menschen war „geradezu kümmerlich“.

Um die Aussagen zur Zukunft der Gesellschaft steht es ähnlich trist. Er konstatiert dazu, dass es „einfach nicht Sache eines Romans sein kann, einen künftig möglichen Gesellschaftszustand als Totalaufnahme zu beschreiben“. Er hält die romanhafte Utopie im Sinne von Morus „Utopia“ für unmöglich.

Er unterscheidet in „romanhafte Utopie“ und „utopischer Roman“. Erstere ist die (unmögliche) Beschreibung eines noch nicht existenten Gesellschaftszustandes und Zweiteres das (reizvolle) Phantasiemodell aus möglichen oder wahrscheinlichen Zustandsgrößen einer epischen Welt.

Der utopische Roman ist für ihn eine Struktur, die gegenwärtige Handlung umsetzt, in der die „Noch-nicht-Seiende-Tendenzen“ betont werden und gleichzeitig auch um eine (meist) vergangene Geschichte, die anhand der alten, seit Urzeiten bestehenden Geschichtskerne ersehen werden kann.

In Betrachtung der Neuerscheinungen in der DDR des Jahres 1968 hebt er die Steigerung der literarischen Qualität hervor und das Hervortreten von Humor und Ironie. Anhand von einigen Beispielen beschreibt Entner dann die seiner Meinung nach stattfindenden Änderungen in der Konzeption des utopischen Romans der DDR, zum Guten und zum Schlechten.

Sein Schlussresümee:

„… Und wenn der utopische Roman der DDR es versteht, Bilder einer solchen Welt zu zeigen, dass sie weder als konfektioniertes Schema erschient noch als bloßes tschnisches Paradies, sondern als in Konflikten, Kämpfen, Abenteuern und viel „sturer“ Arbeit zu realisierendes Ergebnis unserer Gegenwart, in der die Zukunft bekanntlich schon begonnen hat, wenn er glaubwürdige Geschichten von Menschen zu bieten hat, die Arbeit und Abenteuer bestehen, die gelernz haben, sich selbst zu regieren und die aufhören konnten, ihresgleichen zu regieren, denen aber auch noch genügend Konflikte geblieben sind – dann leistet er eine Menge von dem, was er zu leisten vermag. Mir scheint, die utopischen Romane der letzten Zeit haben uns auf dem Weg dahin ein gutes Stück weitergebracht.“

auch enthalten:

  • Computer contra Verantwortung? – Rezension zu Klaus Beuchler, Sylvanus contra Sylvanus, Das neue Berlin utopischer Roman – siehe Neumann, Shayol , Seite 34

Weiterführend:

 

Antiquarisch gesichtet: Kleinster Preis: 3.50 EUR, größter Preis: 1200.00 EUR, Mittelwert: 5.00 EUR


siehe auch (Auszug):


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