Universitas Phantastica – Reflektion #6 – Definitionen – Fantasy, eine Verwirrung …


Selbstreflektion - Intern

Hier gibt es etwas Verwirrung um die Bezeichnung „Fantasy“. Scheinbar wird in dem angesprochenen Buch der Begriff „Fantasy“ gleichbedeutend mit dem Begriff „Phantastik“ gebraucht. Da es eine Übersetzung ist, schließe ich daraus, dass im anglo-amerikanischen Raum ein anderer Sprachgebrauch als im deutschen Sprachbereich vorhanden ist. Zumindest läst die Einleitung dies vermuten …

Es gibt leider einige Dinge, die verhindern, dass ich dort weitermache, wo ich dachte weitermachen zu können.

  1. Die Fantasy-Film-Serie „Beowulf“ – das ist aber einganz anderes Thema dazu vielleicht später
  2. Die, allerdings geliebten, Verpflichtungen, die ein Geburtstag, Weihnnachten und Jahreswechsel halt so mit sich bringen – das ist nicht zu verhindern und
  3. Das lange erwartete Erscheinen von „Eine kurze Geschichte der Fantasy“ – und dies ist unerwartet.
Farah Mendelson & Edward James - Eine kurze Geschichte der Fantasy

Farah Mendelson & Edward James – Eine kurze Geschichte der Fantasy

„Eine kurze Geschichte der Fantasy“ von Farah Mendelsohn und Edward James, erschienen im Dezember 2017 im Golkonda Verlag. Seit August 2016 angekündigt und nun endlich, eigentlich unerwartet, erschienen.

Zuerst als Kindle-Version erstanden – die gedruckte Version kommt hintendrein – habe ich mich sofort über die Einleitung hergemacht und – hab‘ das Buch etwas verstört wieder aus der Hand gelegt.

Dritte Seite:
„…Fantasy handelt doch gewiss von Drachen, Elfen, Besenstielen, Feen, Geistern, Vampiren und allem, was die Nacht unsicher macht? …“

Nacht unsicher macht? Geistern, Vampiren? Reden wir von Fantasy?

„… Dieses Buch wird viele verschiedene Spielarten der Phantastik abdecken, darunter Horror und Geistergeschichten sowie Fantasy, die für Kinder und Jugendliche geschrieben wurde …“

Na geht doch, da gibt’s ja Unterschiede. Aber:

„… Am klarsten kann man Fantasy anhand der Präsenz es Unmöglichen und Unerklärlichen in Literatur und Kunst definieren. Damit lässt sich auch ein Großteil der Science Fiction (SF) ausklammern […] während bei dieser Deutung das Genre Horror zum Großteil erhalten bleibt, da es beide Kriterien erfüllt. …“

Wovon reden wir hier eigentlich? Von Fantasy, Horror, Science Fiction oder von Phantastik?

Jedenfalls befürchte ich nach der Lesung der Einleitung, dass hier entweder ein sehr lockerer Umgang mit der Definition von Phantastik und Fantasy gepflegt wird oder dass hier die Übersetzerin, Simone Heller, schlichtweg Mist gebaut hätte?

Wenn man in die dem Buch angeschlossene „Chronologie bedeutender Werke und Personen“ sieht, findet man zwar alles was Rang und Namen hat, aber nicht von Fantasy, sondern auch von Science Fiction, Horror, Grusel- u. Schauerliteratur und magischem Realismus.

Scheinbar verwenden die Autoren den Begriff „Fantasy“ in zweierlei Bedeutung. Erstens in der Bedeutung von „Phantastik“ allgemein und zweitens in der (für mich üblichen) Bedeutung von Fantasy als Genre und Unterbegriff der Phantastik. Wobei ich noch nicht schlüssig herausgefunden habe, ob dem von ihnen verwendetem Begriff „Phantastik“ nicht auch noch eine andere Bedeutung zukommt. Wenn nicht, werden die Begriffe hier ziemlich wahllos verwendet, ohne ersichtlichen Grund für die Unterscheidung.

Aber lassen wir uns nochmals ein paar Einzelheiten durch den Kopf gehen um diese schwierige (sprachliche) Situation zu klären.

Die Autoren sehen drei Möglichkeiten, die Fantasy zu definieren – sich ihr anzunähern:

  1. durch die Präsenz des Unmöglichen und Unerklärlichen in Literatur und Kunst. Dabei wird die Science Fiction ausgeklammert, da die Pämissen zwar unmöglich, aber erklärt sind. Der Horror hingegen erfüllt in der Regel beide Erfordernisse und bleibt daher erhalten.
    Diese Deutung ist kulturspezifisch, da  sich viele Texte als Fantasy lesen lassen, wenn der Leser „Unwirkliches“ erwartet.
    John Clute hat für Texte, die als Bezugspunkte der Fantasy dienen, den Begriff „Pfahlwurzel“ geprägt. Damit kann man Texte als Fantasy verstehen, obwohl sie für den Verfasser nicht im geringten phantastisch waren.
  2. der historische Ansatz der besagt, dass das Phantastische ab Mitte des 18. Jahrhunderts bewußt als Stoff verwendet wurde.

    „… Der Aufstieg der phantastischen Literatur und Kunst seit dem späten 18. Jahrhundert ist demnach eine Reaktion auf die Aufklärung und den gleichzeitigen Aufstieg der literarischen und künstlerischen Mimesis. …
    Es kann kein künstlerischer Ausdruck für das Unmögliche gefunden werden, solange keine klare Vorstellung von den Grenzen des wissenschaftlich Möglichen besteht. Möglicherweise muss dies aber auch zwei Jahrhunderte weiter in die Vergangenheit geschoben werden.

  3. der Ansatz über die Gelehrten, wie zum Beispiel
    Kathryn Hume – sie begreift Fantasy als psychologische und ästhetische Erwiderung auf die Mimesis.
    Tzvetan Todorovs – dessen Theorie sich nur auf ein sehr kleines Segment der Phantastik anwenden läßt, da bei ihm nur jene Texte phantastisch sind, in denen eine »Unschlüssigkeit« aufrechterhalten wird.
    Rosemary Jackson – begreift die Fantasy als eine »Literatur des Begehrens« und
    Colin Manlove – betrachtet die Fantasy als eine Form der Allegorie,
    Michael Moorcock – der die Fantasy in der Sprache verortet, durch die sie ausgestaltet wird
    Brian Attebery – der das Genre als eine »unscharfe Einheit« betrachtet,
    John Clute – dessen Grammatik der Fantasy vier Stufen aufweist: Falschheit, Schwinden, Erkenntnis und Heilung (dies wird noch gesondert zu besprechen sein) und
    Farah Mendlesohn – welche die Fantasy als eine Reihe von unscharfen Einheiten betrachtet, die sich anhand der Art und Weise voneinander unterscheiden lassen, in der das Phantastische in den Text eintritt.

„Die vier letzteren Theoretiker haben gemeinsam, dass sie die Fantasy als einen Austausch zwischen Autoren und Lesern verstehen, der beim Schreiben selbst stattfindet. Die beste kritische Auseinandersetzung mit Fantasy-Literatur findet durch Fantasy-Autoren selbst statt, sowohl in einem auch formal als theoretisch erkennbaren Kontext […] als auch in ihren Geschichten.…“

Also, ich gehe nun davon aus, dass hier die Bezeichnung Fantasy gleichbedeutendend mit Phantastik gebraucht wird. Ich werde ja sehen, ob meine Vermutung im Buch bestätigt wird. …

Hier noch die biliographischen Daten:

Farah Mendlesohn / Edward James
Eine kurze Geschichte der Fantasy
Golkonda, München (2017), Flügelbroschur, 323 Seiten
ISBN 9783944720258


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