Universitas Phantastica – Reflektion #5 – Antike – SF, Gespenster/Grusel, Sword-and-Sorcery …


Selbstreflektion - Intern

Proto-Science Fiction, Gespenster- und Gruselgeschichten und Sword-and-Sorcery-Phantastik gab es auch schon in der Antike. Was hat Erich Ackermann dazu zu sagen …?

Im Zuge der Antikenrezeption in der Science Fiction anlässlich einer Uni-Tagung definierte Frank Weinreich Science Fiction wie folgt:
Science Fiction sind phantastische Geschichten, deren irrealen Anteile dem Wissenschaftlichen Erkenntinsstand der Autorinnen und Autoren nicht widersprechen„.

Ich selbst halte es zwar für ein bisschen problematisch die Definition vom „wissenschaftichen Kenntinsstand“ der Autoren abhängig zu machen, aber im Großen und Ganzen gebe ich ihm schon recht, dass Erzählungen vor etwa 1800 als Proto-Science Fiction zu bezeichnen wäre.

Aber, er setzt nach:
Antworten und Ansichten, die auch die Science Fiction gestern, heute und morgen wiedergab, wiedergibt und wiedergeben wird, sind untrennbar mit antikem Denken verbunden.

Dies sehen wir um so mehr, als wir uns derzeit mit Geschichten aus der Antike beschäftigen. Wir stossen schon in der Alexander-Rezeption auf Erzählungen, die sehr an Science Fiction erinnern.

Da wäre zunächst einmal eine Tauchfahrt bei der das benutzte Gefährt schon sehr an ein, wenn auch primitives, U-Boot erinnert. Das ist für die Zeit in der die Geschichte spielt schon sehr bemerkenswert. Auch die Luftfahrt Alexanders mittels zweier großer Vögel ist zwar sehr abenteuerlich, aber doch inovativ. Unser berühmter Lukian kommt mit Vogelschwingen sogar bis zum Mond.

Dazu Ackemann:
…Viel weiter entwickelt sind die Methoden, mit denen sich Leonardo da Vinci im 16. Jahrhundert Tauch- und Luftfahrt vorgestellt hatte, auch nicht. Noch Otto Lilienthal tat 1891 im Grunde nichts anderes, Dädalus und Ikarus nachzuahmen. …

Schließlich ist auch ein künstlicher Mensch, eine Art Roboter, dem griechischen Mythos nicht unbekannt. Hephaistos läßt einen geschmiedeten Riesen die Insel Kreta bewachen.

Der Einfluss der Antike auf die Phantastik und im Besonderen auf die Science Fiction sollte nicht unterschätzt werde. So hat sie z.B. auch H. P. Lovecraft wesentlich beeinfusst. David Engels, belgischer Althistoriker, bemerkt unter anderem hier:
…Selten allerdings wurde gezeigt, dass sich der Einfluss der Antike auf Lovecraft nicht nur darauf beschränkte, dem Autor einen schier unerschöpflichen Fundus mythologischer Stichworte zu liefern. Sie konfrontierte ihn auch mit dem historischen Vorbild eines in sich abgeschlossenen Kulturzyklus, dessen verschiedene Entwickkungsstufen nicht nur Paradigma für seine eigene, pesssimistische EInschätzung der Gegenwart lieferten, sondern auch auf die innere Evolution der verschiedneen von Livecraft beschriebenen außerirdischen „Kulturen“ anwendbar sind. …

[Anmerkung:]
Hier sei mir nochmals der Hinweis auf die Tagung zur Antikenrezeption in der Science Fiction-Literatur, der Uni Köln und die bevorstehende Veröffentlichung der Tagungsbeiträge, gestattet.

Aber nicht nur die Science Fiction ist von dieser Beeinflussung betroffen, sondern auch das Gespenster- und Gruselgenre. Plinus der Jüngere hat eine der ältesten Spukhaus-Geschichten geschrieben die uns bekannt ist.

Seit jeher bereichern die Geschichten um Spukhäuser die Vorstellungen der Menschen. Michael Perkampus schreibt in seinem Artikel „Das Spukhaus“ auf Phantastikon:

…Wenn sich ein eindringliches Ereignis in diesem Haus manifestiert, ist unsere Kernidentität bedroht – zusammen mit unserem Verstand. Es ist allzu leicht, die Angst zu spüren, denn das Haus steht für unser Selbstgefühl. Wenn es heimgesucht wird, werden wir es auch. …“ und

… Obwohl Häuser, die vor einem Jahrhundert oder mehr gebaut wurden, bevorzugte Plätze für paranormale Aktivitäten sind, kann das neueste Stadthaus aus Stahl und Backstein durchaus ebenfalls einen Spuk in seinen Mauern offenbaren – die Erde hat eine lange, lange Erinnerungskapazität. …

Auch unser immer wieder erscheinende Lukian  weiß einem Gespensterhaus beizukommen. Wen überrascht es also, wenn diese klassischen Gespenstergeschichten uns seit alten Zeiten begleiten.

Damit aber nicht genug. Für den antiken Menschen sind die unzähligen Naturerscheinungen unerklärlich. Sie werden daher dämonisiert und erscheinen als Geister.  Eng mit der Unterwelt und dem Totenreich verbunden plagen sie die Menschen mit nächtlichem Unwesen und Zauberei.

Lamien, sozusagen Prävampire, und Empusen, Schreckgespenster, treiben ihr Unwesen und Vampirvögel rauben Kleinkinder. Ephialtes und Incubus bringen Alpträume und der Meermann, ein Klabautermann, und Werwolf  verbreiten Angst und Schrecken. Speziell das Vampirthema in Verbindung mit dem Wiedergänger nimmt einen breiteren Raum ein.

Zu guter Letzt spielt auch die Sword-and-Sorcery-Phantastik noch eine gewisse Rolle. In der Gestalt von Perseus überkommt viel Märchenhaftes aus der Antike auf uns. Drachenkampf, Zaubertasche, Flügelschuhe und Tarnkappe sind alles Zutaten der Phantastik, ohne die heutzutage kaum eine Fantasy-Geschichte auskommt.

Und blicken wir auf in den Sternenhimmel. All diese Sterbilder die heute noch griechische Heroen und Gestalten abbilden sind doch auch Ausdruck einer „phantastischen“ Intelligenz.

Soviel zu Ackermanns Beitrag meiner Betrachtungen zum Beitrag der Antike zur Phantastik. Kehren wir also zurück zur Hauptquelle der Betrachtungen.

[Anmerkung:]
Zu unserem berühmten Lukian von Samosata muss es doch Forschung geben (sicher zu Hauf), aber auch zu seiner Rolle in der Proto-Phantastik der Antike? Der Bursche dürfte doch ein ausgeprägtes Phantastik-Verständnis gehabt haben. Da sollte ich noch nachhaken …

Übrigens, sollte jemand Gusto auf weitere Lektüre zu antiken Vorbildern bekommen haben – im Anschluss an den Beitrag von Ackermann gibt es ein ziemlich umfangreiches Anmerkungenverzeichnis in dem viele Quellen angeführt sind. Sie alle hier aufzuführen würde den Artikel sprengen, aber wenn jemand den Auszug haben will – bitte melden.

Also, weiter geht’s das nächste Mal an: Pos. 239, 1%


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