Universitas Phantastica – Reflektion #4 – Antike – Fabelreiche und Utopien …


Selbstreflektion - Intern

Anderwelt und Utopie – zwei schier unerschöpfliche Themen. Seit der Antike beliebte Sujets der Literatur.

Wo liegen die Wurzeln? Spielen diese Themen überhaupt eine Rolle im phantastischen Denken der Antike?

Nur zur Erinnerung – wir befinden uns noch immer in einem Exkurs zu Ackermanns Essay in „Phantastische Welten – Märchen, Mythen, Fantasy“. …

Schon aus dem 9. Jht. v. Chr., seit Homer, ist das Thema der „Anderswelt“ greifbar. Bezeichnend dabei ist, dass diese Anderswelt immer am Rand der bekannten Welt angesiedelt ist (logisch – die bekannte Welt kannte man ja, da war mit Phantasie nicht viel auszurichten 🙂 ). Das beginnt bei Homer in den engen Grenzen von Griechenland und der kleinasiatischen Küste des Mittelmeerraumes und geht in der Folge bis in den Fernen Orient und hoch in den Norden.

[Anmerkung:] Dies wird sich fortsetzen bis die physische Welt keine weißen Flecken mehr vorweisen konnte. Dann wird sich diese „Ausgrenzung“ der Anderswelt in die Zeit verlagern.

Von Atlantis bis Utopia IAiaia, die Insel der Kirke, die Kyklopeninsel, Ogygia, Kalypsos Insel, die Sireneninsel, Scheria, die Insel der Phäaken und das Land der Lotophagen seien hier beispielhaft angeführt.

Hesiod – rund 700 v. Chr., läßt diesen Horizont weiter nach Westen wandern. Die Inseln der Seligen und die Gärten der Hesperiden, weit im Westen, jenseits des  Okeanos, locken mit goldenen Äpfeln. Er ist auch der Erste, welcher das Land er Hyperboreer verortet und, phantastisch unerreichbar, ins Spiel bringt.

Ein Jahrhunder später – so ca. 600 v. Chr. – sind diese Hyperboreer geographisch noch immer nicht erreichbar und die Klagen, das es nicht auffindbar wäre gehen ebenfalls in die Literatur ein. Das bleibt es auch im 1. Jht. n. Chr. in dem Plinus der Ältere, das Reich lobpreist.

Luftig wird es  nochmals zwei Jahrhunderte später (445-385 v. Chr.) bei Aristophanes. Das Wolkenkuckucksheim entsteht über der griechischen Ebene Phlegra. Ebenfalls in diese Zeitraum fällt Platons „Atlantis“ und Theopomps „Meropis“. Atlantis, die große Legende und Utopie, deren Untergang oft beschrieben und besungen wurde, das für Platon als Gegenstück zum unverdorbenen Athen herhalten musste und das jenseits der Mündung des Mittelmeeres, im äußersten Ozean liegen sollte.

UndVon Atlantis bis Utopia II Meropis? Ein utopischer Kontinent um den herum die Inseln Europa, Asien und Afrika angesiedelt sind. Das nennt man Erweiterung des (phantastischen) Weltbildes – 🙂

Unter Alexander dem Großen wurden die Kenntnisse über die bewohnte Welt bis weit nach Indien ausgedehnt und somit schlossen auch die Anderwelten dort an. Gleichzeitig wird von Pytheas die nördliche Hemisphäre phantastisch bis zur Bernsteinküste und in den hohen Norden erschlossen.

Altmann schreibt dazu:

„… Im hellenistischen Reiseroman verbindet sich das Exotisch-Phantastische mit idealisierten sozialutopischen Ideen, wobei viele Komponenten zusammenfließen: Der Mythos des Goldenen Zeitalters und des Schlaraffenlandes, der geographisch-ethnographische Bericht über fremde Völker, Tiere und Pflanzen und die Vorstellung vom Isealstaat, womit gerade der Hellenismus zum Vorbild von Thomas Morus und vieler Utopien wird, vielleicht mehr als Platon. …“

Zurück ins 3. Jht. v. Chr. zu Euhemeros und Iambulos. Hier gehen die Von Atlantis bis Utopia IIIExotik und Phantastik des Fremdländischen eine enge Verbindung mit sozialutopischem Gedankengut ein.

Pinius der Ältere schiebt die Grenzen der Anderswelt bis ins Innere Afrikas und an die östlichste Grenze Indiens. Den Vogel schießt aber unser breits erwähnte Lukian ab. Seine schon parodistische Mondfahrt in seinen „Wahren Geschichten“, wo Krieg zwischen Seleniten und Sonnenbewohnern tobt, bleibt lange unerreicht.

[Reflektion] Schon Menschen vor 2900 Jahren fanden Freude am fabulieren. Ich halte es durchaus für möglich, dass man sich als Mensch des 21. Jahrhunderts sehr schwer  in die Gedankenwelt von vor knapp 3000 Jahren hineinversetzen kann. Wie soll man sich auch vorstellen, die Erkenntnisse  der vergangenen Jahrhunderte, die sozusagen Allgemeingut geworden sind und welche in Jedem präsent sind, seien sie auch noch so rudimentär, nicht denken zu können weil nicht vorhanden? Von den Umgebungsbedingungen des täglichen Lebens mal abgesehen. Wohlgemerkt, nicht die Intelligenz fehlte, das Wissen! Und doch versuchten diese Menschen, unserem Wesenszug entsprechend, Wissen zu erlangen.

Phantastisches Denken war nach meiner Überzeugung ein Weg das Undenkbare zu denken. Es entstand eine Unschlüssigkeit hinsichtlich der Realität des Erwarteten. Man siedelte dieses Unwirkliche, Undenkbare, Ungewisse an die äußersten Grenzen des geografisch Bekannten, denn wenn es wo existieren konnte, dann dort. Vielleicht noch unendeckt, nur erahnt, aber gewiss doch nicht gänzlich unmöglich.

Ich selbst halte auch das religiöse Denken für phantastisches Denken. Was anderes sollte es auch sein, die Unerklärlichkeiten des Lebens übernatürlichen Wesen – Götter, Halbgöttern und Fantasiewesen – zuzuschreiben aber wir werden sicher noch zum Thema Phantastik vs. Reliogion kommen.

Dazu kommt, dass auch der Mensch des ersten vorchristlichen Jahrtausends und später wohl Freude hatte am fabulieren, ausschmücken und extrapolieren. Um diesen Geschichten den Anschein auf Authenzität zu verleihen (schließlich wollte man ja ernst genommen werden) mußte man den Ort der Handlung in Gegenden verlegen, die nicht jederman zugänglich und bestens bekannt waren.

Das sich dies überliefert und weiterentwickelt hat, ist evident. Daher sprechen diese literarischen Versatzstücke aus tiefer Vergangheit noch immer zu uns …

Das nächste Mal werde ich versuchen, den Exkurs Ackermann mit den Themen „Vorformen der Science Fiction“, „Gespenster- und Gruselgeschichten“ und „Der märchenhafte Held“ abzuschießen. Bis dann …


empfohlene Literatur:

  • Rigobert Günther/Raimar Müller: Das goldene Zeitalter. Utopien der hellenistischen-römischen Antike, Kohlhammer, Stuttgart (1988)
  • Alberto Manguel / Gianni Guadalupi: Von Atlantis bis Utopia. Ein Führer zu den imaginären Schauplätzen der Weltliteratur., Ullstein, Frankfurt (1984)
  • Karl Urban: Geographische Forschungen und Märchen aus griechischer Zeit. Bertelsmann, Gütersloh (1892)

Vorgänger und Hilfreiches:


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