Corian – „Werkführer durch die utopische Literatur“ ist eingestellt


Corian - Werkführer, 67. und letzte Ergänzung

Corian – Werkführer, 67. und letzte Ergänzung

Heute habe ich die neuerste Ausgabe des „Werkführer durch die utopische Literatur“ von Corian erhalten. Entsetzt musste ich lesen, dass dies die 67. und letzte Ausgabe ist.

Franz Rottensteiner schreibt in seinem Abschied (siehe Anhang), dass das Internet und die weit verbreitete Aufassung der „kostenlosen Information“ nicht unbeteiligt am Ende dieses Loseblattwerks ist.

Darüber hinaus führt er einige Fehler in der Konzeption an, die ich aber nicht als solche erkennen kann. Mag sein, dass dies eine persönliche Sache ist, aber ich weine diesem Werk nach.

Es mag zwar recht und billig sein, speziell zu neueren Werken das Internet aufzurufen, aber man muss auch sagen, das die Qualität von vielen Internet-Rezensionen mangelhaft ist. Im Werkführer wußte man wer da schrieb und was man davon zuhalten halte.

Ich denke, dass auch Rottensteiner alleine (und das war er auch zum Schuss) aber auf verlorenen Posten stand. Ob neue Rezensenten das Steuer herumgerissen hätten – zweifelhaft – die Zeit spricht vermutlich gegen solche Veröffentlichungen. Dabei hatte man auf engstem Raum adäquate Information (Ich bin halt Papier-affin).

Ich bin den Rezensenten und im speziellen Franz Rottensteiner dankbar, dass sie so lange durchgehalten haben. Leider ist das jetzt nach der Verlagsreihenausgabe bereits die zweite Loseblattsammlung, die verloren geht und für welche, auch im Internet, kein wirklicher Ersatz vorhanden ist. Meiner Meinung nach … Ad astra

PS: Ich fürchte dem „Phantastischen Lexikon“ wird auch das selbe Schicksal bereitet werden – und das wäre noch trauriger …

Auszug aus der 67. Ergänzungslieferung der „Werkführer durch die utopische Literatur“ von Corian, Nov. 2017:

Abschied vom
Werkführer durch die utopisch phantastische Literatur

Das Internet hat schon größere Nachschlagewerke umgebracht, so den „Brockhaus“, jetzt auch das Loseblattwerk Werkführer durch die utopisch-phantastische Literatur. Abgesehen davon, dass viele Informationen im Internet abrufbar sind, dürfte durch das Internet auch die Auffassung bestärkt worden sein, dass Information nichts kosten darf. Und man muss gestehen, dass der Werkführer doch einiges kostete, ganz abgesehen von der Mühsal des Einordnens, die bei so kurzen Beiträgen wie Einzelkritiken besonders viel Zeit in Anspruch nimmt. Es ist auch anzunehmen, dass die Zahl jener Leser, die an Zusatzinformationen über ihre Lektüre interessiert sind, im Abnehmen begriffen ist. Auch brachte der Werkführer im Wesentlichen Beiträge, die an sich nur für wenige, vor allem Sammler älterer Literatur, die ebenfalls immer weniger werden, von Interesse sind. Eine Konzentration auf Neuerscheinungen hätte jedoch vermutlich sein Ableben nur beschleunigt, denn über sie gibt es sehr viele Informationen, die im Internet abrufbar sind, und es ist nicht anzunehmen, dass sehr viele Leser ein solches Werk als Anleitung für ihre eigene Lektüre benutzt hätten. Ein Standardwerk, das ziemlich repräsentativ über Neuerscheinungen auf eine nicht unkritische Weise so berichtet, dass man sich auf ihre Urteile verlassen könnte, gibt es nicht und hat es in diesem Genre auch nie gegeben.
Als Fehler in der Anlage des Werkführers mag man es ansehen, dass er nicht mit den besonders wichtigen Werken der phantastischen Literatur begonnen hat und zu den weniger wichtigen fortgeschritten ist. Ja, es wurden auch keineswegs alle wichtigen Werke lückenlos behandelt. Das geschah wiederum aus der Erwägung heraus, dass es über die wirklich wichtigen Werke Unmengen von vor allem englischsprachiger Literatur gibt, die zudem ohne große Schwierigkeiten zugänglich ist. Tatsächlich muss ich im Rückblick feststellen, dass eine gewisse Vorauswahl der besprochenen Werke angebracht gewesen wäre, denn in der Praxis konnte sich jeder Rezensent die Bücher aussuchen, die er besprechen wollte, und so wurden auch etliche neuere Bücher besprochen, die so marginal sind, dass sie keinerlei Aufmerksamkeit verdient hätten.
Ich muss gestehen, dass ich im Werkführer persönlich eine Möglichkeit sah, viele alte Bücher zu besprechen, die ich sonst vielleicht nie gelesen hätte. Darunter waren gewiss nicht wenige, die vorher selbst in Sammlerkreisen so gut wie unbekannt waren oder bloß ein Eintrag in Bibliographien, die aber kaum je einer gesehen hatte und von denen oft auch sehr zweifelhaft war, ob sie überhaupt zur phantastischen Literatur zu rechnen seien. Ich glaube, ich so habe so einiges dazu beigetragen, dunkle Stellen im Gestrüpp der deutschen phantastischen und utopischen Literatur etwas zu lichten. Zumindest der Inhalt dieser Bücher wurde so zugänglich. Und von Gestrüpp muss man wohl sprechen, denn zu Unrecht vergessene, übergangene Meisterwerke der Phantastik waren kaum darunter; die meisten waren, objektiv gesehen, keiner näheren Aufmerksamkeit wert. Gerade die deutsche Science Fiction und Phantastik ist ein Sammelsurium übelster rassischer und politischer Klischees, nationalistischer Selbstüberschätzung und der Unbildung auf dem Gebiet, von dem die Autoren zu sprechen vorgeben: technischen und wissenschaftlichen Entwicklungen. Technische Wunder gibt es gewiss viele, aber sie sind meist dem Absurden zuzuzählen, und systematisches wissenschaftliches Denken ist in ihnen noch seltener anzutreffen. Am ehesten kann man die Zukunftsromane der Vergangenheit als Barometer für damalige Stimmungen und Haltungen ansehen, durchaus nicht in den Eliten, sondern in den Schichten, welche diese Art von Massenliteratur schrieben und konsumierten. Darüber ist schon viel geschrieben worden, aber selten wurden die Inhalte in solcher Ausführlichkeit dargestellt wie im Werkführer. So bietet der Werkführer für Forscher, Leser und Sammler im Genre eine Vielzahl von Hinweisen auf rare Bücher, von denen in manchen Fällen nur mehr einige Exemplare existieren mögen, und eine Darlegung des Spektrums des Phantastischen: von okkulten Bekehrungsschriften über Visionen künftiger paradiesischer oder höllischer Utopien, Abenteuergeschichten mit einigen wenigen okkulten oder technischen Einsprengseln, Kriegsantizipationen, die zu vorsorglichen Rüstungen aufriefen, um für militärische Auseinandersetzungen gewappnet zu sein, bis zu revanchistischen Phantasien, wie sie nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg häufig waren, Geschichten von epochalen Erfindungen, die nicht selten der Weltbeherrschung dienen, und anderes. Ein Blick auf eine kunterbunte Literatur, in der so ziemlich alles möglich ist, manchmal sogar rationales kritisches Denken Immerhin hat der Werkführer lange genug Bestand gehabt, dass ein guter Teil der vergessenen Werke behandelt werden konnte — und auch viele Klassiker der phantastischen Weltliteratur. Darin liegt ein hoffentlich bleibendes Verdienst, ungeachtet aller Druckfehler und sonstigen Schwächen.

Franz Rottensteiner

, , , , ,

  1. Universita Phantastica – Reflektion #1 – Wie alles begann … | Treffpunkt Phantastik

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: