Universitas Phantastica – Reflektion #26 – Das Reich des Denkbaren: Das Metagenre „Fantastik“ als Spiegel der Wirklichkeit …

Learn More-internWer an phantastische Geschichten denkt, hat meist sofort epische Schlachten mit Drachen, intergalaktische Raumschiffe oder schaurige Spukhäuser vor Augen. Doch diese Phänomene sind keineswegs isolierte Inseln der Popkultur. In der modernen Literatur-, Medien- und Filmwissenschaft werden sie unter einem gemeinsamen, mächtigen Dach zusammengefasst: dem Metagenre der Fantastik (in der akademischen Tradition oft auch Phantastik geschrieben).

Ein Metagenre – auch als Makrogattung bezeichnet – beschreibt eine übergeordnete Strukturebene. Sie vereint verschiedene Einzelgenres, weil diese eine fundamentale, erzählerische Gemeinsamkeit teilen. Im Fall der Fantastik ist dies der bewusste, strukturelle Bruch mit den Gesetzen unserer empirischen, alltäglichen Wirklichkeit. …

Was ist Fantastik? Vom „Zögern“ zum weiten Schirm

Um zu verstehen, wie die Fantastik als Metagenre funktioniert, hilft ein Blick auf den Wandel ihrer Definition. Lange Zeit war der Begriff in der Literaturtheorie extrem eng und streng gefasst.

Die klassische Definition nach Tzvetan Todorov (1970): Das Phantastische existiert ausschließlich in dem Moment, in dem eine Figur oder die Leserschaft vor einem scheinbar übernatürlichen Ereignis zögert. Erklärt sich das Geschehen am Ende rational (etwa als Traum, Droge oder optische Täuschung), spricht man vom Unheimlichen. Erweist sich das Übernatürliche hingegen als real, betritt man das Feld des Wunderbaren.

Diese strukturalistische Definition greift in der heutigen Medienlandschaft jedoch zu kurz. Wenn wir heute von der Fantastik als Metagenre sprechen, nutzen wir einen breiten, inklusiven Begriff, wie ihn auch moderne Fachgesellschaften vertreten. Es geht hierbei um die bewusste Abkehr vom rein mimetischen – also die Realität nachahmenden – Erzählen. Das Metagenre akzeptiert das Übernatürliche, das Spekulative oder das naturwissenschaftlich (noch) Unmögliche als integralen Bestandteil der erzählten Welt, ohne dass zwingend ein logisches Zögern stattfinden muss.

Die Säulen des Metagenres: Die großen Strömungen

Unter dem Dach des Metagenres Fantastik versammeln sich Gattungen, die auf den ersten Blick grundverschieden wirken, strukturell jedoch eng miteinander verwandt sind:

  • Fantasy: Hier ist das Wunderbare und Magische die absolute Norm. Es werden oft völlig neue, sekundäre Welten erschaffen (wie Tolkiens Mittelerde), in denen eigene Naturgesetze und Mythen gelten.
  • Science Fiction: Sie bricht ebenfalls mit unserer bekannten Gegenwart, begründet ihre Abweichungen jedoch nicht mit Magie, sondern mit rationaler, technologischer oder wissenschaftlicher Extrapolierung (z. B. durch Zeitreisen, Raumfahrt oder künstliche Intelligenz).
  • Horror und Gothic Fiction (Schauerliteratur): Hier dringt das Unmögliche meist als bedrohliches, angstauslösendes Element in eine ansonsten vollkommen normale, realistische Welt ein (z. B. Monster, Geister oder kosmischer Schrecken).
  • Magischer Realismus: Vor allem in der lateinamerikanischen Literatur verankert, betten Autoren magische Elemente völlig selbstverständlich in einen realistischen, oft politischen Alltag ein, ohne sie als Fremdkörper zu inszenieren.

Die zeitliche Entwicklung: Vom kollektiven Mythos zum globalen Kulturphänomen

Die Geschichte der Fantastik verläuft nicht linear, sondern in evolutionären Wellen der Abgrenzung, Ausdifferenzierung und schließlichen Wiedervereinigung.

1. Die präliterarischen Wurzeln: Mythos und Märchen

Bevor sich Realismus und Fantastik als literarische Gegenpole trennten, war das Übernatürliche fester Bestandteil des menschlichen Weltbildes. Antike Epen wie Homers Odyssee oder mittelalterliche Heldensagen sind die Ur-Keimzellen der Fantastik. Sie waren keine bewusste Realitätsflucht, sondern boten gemeinschaftliche Erklärungsmodelle für das Unerklärliche.

2. Die Aufklärung und die Geburt der Schauerromantik (18. & 19. Jahrhundert)

Mit dem Einzug der Rationalität im Zuge der Aufklärung entstand das phantastische Erzählen im modernen Sinne überhaupt erst. Da die Welt nun zunehmend wissenschaftlich entzaubert wurde, wanderte das Übernatürliche in die Kunst. Die Gothic Novel (wie Mary Shelleys Frankenstein) sowie die unheimlichen Erzählungen von E.T.A. Hoffmann oder Edgar Allan Poe begründeten die klassische Phantastik. Sie thematisierten die dunklen Risse in der menschlichen Vernunft.

3. Die Ausdifferenzierung der Genres (20. Jahrhundert)

Im 20. Jahrhundert spaltete sich das Metagenre in kommerziell erfolgreiche, streng abgegrenzte Einzelgattungen auf. J.R.R. Tolkien codierte mit Der Herr der Ringe die moderne High Fantasy, während Autoren wie H.G. Wells und Isaac Asimov die Science Fiction als eigenständiges Genre etablierten. Jahrzehntelang achteten Verlage und Fankulturen penibel auf die Trennung dieser Sparten.

4. Die Gegenwart: Hybridisierung und akademische Anerkennung (21. Jahrhundert)

Heute, im 21. Jahrhundert, schmelzen diese Grenzen im Zuge der Postmoderne wieder zusammen. Subgenres wie Science Fantasy (z. B. Frank Herberts Dune-Kosmos) oder das New Weird mischen die Versatzstücke der Traditionen wild durcheinander. Zudem hat die Fantastik ihren alten Ruf als reine „Trivial- oder Jugendliteratur“ endgültig abgelegt. Sie ist im kulturellen Mainstream angekommen und wird heute als hochkomplexer Forschungsgegenstand an Universitäten weltweit untersucht.

Fazit: Warum wir das Unmögliche brauchen

Die unumstößliche Kernaussage des Metagenres Fantastik lautet: Um die reale Welt in ihrer Gesamtheit zu verstehen, müssen wir regelmäßig über ihre empirischen Grenzen hinausdenken. Ob als gesellschaftskritische Warnung vor technologischem Übermut (Science Fiction), als psychologisches Ventil für existenzielle Ängste (Horror) oder als Raum für das Wiedererwecken des kindlichen Staunens (Fantasy) – die Fantastik nutzt das Unmögliche als präzises, metaphorisches Skalpell, um menschliche Wahrheiten freizulegen. Sie hält unserer Wirklichkeit einen Zerrspiegel vor, der uns oft klarer sehen lässt als die reine Dokumentation der Fakten.


Quelle(n), Vorgänger und Hilfreiches:

  • Wikipedia – Artikel „Phantastik“

Onlinequelle …

Bedeutung: Liefert die wesentliche medien- und filmwissenschaftliche Definition der Phantastik explizit als „Metagenre“, welches Science Fiction, Fantasy und Horror in einem System zusammenschließt.

Quelle: Wikipedia


  • Georg-August-Universität Göttingen – Fachdienst „Fantasy-Literatur“

Onlinequelle …

Bedeutung: Hervorragende akademische Aufarbeitung der Abgrenzung und Hierarchie zwischen der „phantastischen Literatur“ als umfassendem Oberbegriff (Metagenre) und der „Fantasy“ als spezifischem Subgenre sowie dem historischen Bezug zu Todorov.

Quelle: uni-goettingen.de


  • Wikipedia – Artikel „Gesellschaft für Fantastikforschung“ (GfF)

Onlinequelle …

Bedeutung: Belegt die moderne, institutionelle und wissenschaftliche Etablierung des Begriffs im deutschsprachigen Raum seit 2010 sowie den breiten, inklusiven Ansatz, der spekulatives Erzählen interdisziplinär erforscht.

Quelle: Wikipedia


  • Gesellschaft für Fantastikforschung (GfF)

Onlinequelle …

Bedeutung: Die Gesellschaft für Fantastikforschung e.V. (GFF) ist eine wissenschaftliche Gesellschaft, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Erforschung der Fantastik in Kunst, Literatur und Kultur im deutschsprachigen Raum auf wissenschaftlicher Basis zu fördern und zu einer Vertiefung der wissenschaftlichen und kulturellen Erkenntnis in diesen Bereichen beizutragen. Hierzu gibt die Gesellschaft das Journal »Zeitschrift für Fantastikforschung« heraus und veranstaltet einmal im Jahr eine große Jahrestagung an wechselnden Veranstaltungsorten …

Quelle: Gesellschaft für Fantastikforschung


  • Universität Wien – Vorlesungsverzeichnis „Literaturtheorie: Zur Phantastik des Schreibens“

Onlinequelle …

Bedeutung: Beleuchtet die literaturtheoretische Perspektive der Fantastik als universelle „Grundgeste der Literatur“, die von Homer bis hin zur Postmoderne die Durchlässigkeit der Realität hinterfragt.

Quelle: ufind.univie.ac.at


  • Phantastik-Couch.de – Fach-Essay „Was ist Fantasy-Literatur?“

Onlinequelle …

Bedeutung: Bietet einen detaillierten Überblick über die feinen Verästelungen und Subgenres (wie Urban Fantasy oder Social Fantasy) sowie den historischen Übergang von antiken Mythen zur modernen Populärkultur.

Quelle: phantastik-couch.de


Die Inhalte dieses Artikels sind freigegeben unter der Bedingung, dass an gut sichtbarer Stelle ein Verweis inklusive eines direkten Links auf diese Seite erfolgt.

Kommentar verfassen