Ach, du liebe Internet-Blase …

Heute kam mir in einem Forum folgende Meldung unter:,

„Wo denn? Bis auf diesen Thread hab ich nichts davon mitbekommen. Nornennetz war und ist mir ebenfalls gänzlich unbekannt. Wird hier vielleicht etwas künstlich aufgebauscht?“

Nun, das zeigt mir, dass das Problem der Internet-Blase doch vielleicht einiges zur Verschärfung der Situation beiträgt.

Jeder, wirklich jeder, und das ist erwiesen, lebt in seiner (Seifen-)Blase. Soweit sollten wir sein, das uns das bewusst ist. Und so wie diese Meldung impliziert, dass der User in seiner Blase nichts vom Nornennetz mitbekommen hat, obwohl es sie doch gibt und sie rege versuchen ihrer selbstgewählten Bestimmung gerecht zu werden. So gewiss ist es auch, dass die Administratoren und Verantwortlichen der WIKIPEDIA in ihrer Blase leben und arbeiten. …

Dem Schreiber obiger Meldung ist es nicht wirklich vorzuwerfen. Auch ich lebe in meiner Blase und meine Handlungen und Meinungsbildung sind auf diese Blase abgestimmt. Jedoch behaupte ich mal, dass meine Blase durch meine täglichen Internet-Recherchen halt etwas größer ist und mehr Schnittmengen zu den Blasen anderer hat. Aber auch bei mir gibt es Dinge, die (für mich) nicht vorkommen, trotzdem aber passieren. Da muss man sehr aufpassen …

Es ist auch sein gutes Recht, es als aufgebauscht zu empfinden. Nicht jeder hat die gleichen Maßstäbe und für den Einen ist es zu wenig und für den Anderen zu viel. Selten passts.

Was hat das jetzt mit WIKIPEDIA zu tun?

Ich habe das Gefühl, dass manche, die für die Kontrolle und Verbesserung von Artikel in der Wikipedia zuständig sind, ganz einfach in einer Blase gefangen sind, die ihnen keine Schnittmengen zu anderen Blasen (mehr?) bieten.

WIKIPEDIA ist eine globale Enzyklopädie und die deutsche Ausgabe davon ist davon nicht ausgenommen. Eine solche Enzyklopädie sollte m.E. aber die Schnittmenge von allen Blasen ihres selbstbestimmten Wirkungskreises bilden. Darum wäre es sehr nützlich, wenn die darin Arbeitenden sich nicht zu sehr auf ihre eigene Blase verlassen würden. Also quasi blind für die Welt außerhalb ihrer Blase sind.

Ich kann mir das schon sehr gut vorstellen: Man hat sich einer Aufgabe verschrieben und versucht nun, quasi „hauptberuflich“ oder im „Nebenjob“ dieser Aufgabe gerecht zu werden. Man tigert sich in die Aufgabe und verabsäumt es aber sich aufgrund der eigentlich unlösbaren Aufgabe (schon infolge der Menge der Arbeit) aus seiner Blase einige Gucklöcher zu erhalten, die es ermöglichen auch das außerhalb seiner eigenen Blase Geschehene zu beobachten. Das Arbeitsgebiet ist unendlich, die Selbstüberschätzung groß und das Sendungsbewusstsein unendlich.

Anders kann ich es mir nicht erklären, dass manche WIKIPEDIA-Mitarbeiter die Entwicklungen in der Phantastikszene der letzten Jahre scheinbar einfach verschlafen haben. Der Corpsgeist macht dann noch einiges dazu, wenn dann von außen Kritik hereingetragen wird.

Ich habe von WIKIPEDIAnern gehört, die ganze Arbeitstage und Wochen damit verbringen die WIKIPEDIA in Schuss zuhalten. Freiwillig und unbezahlt. Ich habe aber noch nie gehört, dass es auch sowas wie eine psychologische Begleitung oder fachliche Betreuung gibt. Möglich, dass dies noch nicht in meine Blase eingedrungen ist, aber soweit ich sehen kann deuten einige Zeichen der gegenwärtigen Diskussion darauf hin, dass dies nicht passiert oder nicht wirklich greift.

Die Frage wäre: Muss ein solches Projekt nicht auch für die Betreuung seiner Mitglieder einen Weg finden. Von Projekten in dieser Größenordnung kann man ja nicht mehr von privaten Selbstfindungsaufgaben sprechen?

Warum müssen meist die strengsten Maßregelungen ausgepackt werden? Ist ein Löschantrag wirklich das Maß aller Dinge? Wäre es nicht besser den Autor einmal zu kontaktieren, mit ihm eine Verbesserung des Ergebnisses zu versuchen, die Beweggründe zu erfassen? Oft sehe ich Löschanträge mit „fehlender Relevanz“ begründet. Das mündet dann oft in die Meinung, dass der Artikel eigentlich nur richtig überarbeitet gehören würde – dann wäre er schon OK. Und ganz ehrlich – in einer Enzyklopädie stehen m.E. auch Dinge die nur ganz wenige Nutzer interessieren. Ich sehe hier mehr Verhinderungspotential, als Willen etwas in die Enzyklopädie aufzunehmen. Jeder Artikel, der auch nur einmal aufgerufen wird, ist relevant.

Bei allem Verständnis, auch für die personellen, Schwierigkeiten der WIKIPEDIA – manche Administratoren und Bearbeiter sind dafür einfach nicht die Richtigen. Auch, wenn diese einen riesigen Berg von Bearbeitungen hinter sich gebracht haben. Sie mögen zwar vielleicht Arbeitstiere sein, aber im menschlichen Miteinander eher nicht die erforderlichen Kenntnisse und das nötige Fingerspitzengefühl mitbringen. Bei Manchen frage ich mich auch, ob die fachliche Kompetenz nicht auf autodidaktischem Wege erworben wurde der ein bisschen abgebogen ist.

Natürlich ist es ein glänzender Gedanke, dass ALLE in einem riesigen Projekt für die Erhaltung des Wissens der Menschheit ihren Teil dazu beitragen können. Aber schlussendlich führt auch dies dazu, dass solche haarsträubenden Ding passieren wie gerade die deutsche WIKIPEDIA rütteln. Und nicht erst seit kurzem.

Aber eines gibt mir die Hoffnung, dass es durchaus in der WIKPEDIA auch Beteiligte gibt, die das so sehen:

  • Erkennen was notwenig wäre

Es ist schwer, auf der einen Seite auf die externe Kritik, wir würden Neuautoren und insbesondere Frauen “Verjagen“, so zu reagieren, dass wir das erkannt haben und das auch optimieren wollen – und dann solche LA zu erklären. Es handelt sich um eine Neuautorin, die offenbar sogar vom Fach etwas Ahnung hat, also gesucht. Lutheraner hätte erkennen müssen, dass es auch daran liegen kann, dass der Artikel nicht im ersten Ritt auf dem Stand des englischen Artikels ist. Keiner hat die Neuautorin angesprochen. Ja, ich würde aufgrund der „Gerüchte“ über uns auch erst mal einen Testballon starten und noch nicht so viel investieren. Vermutlich sind wir dabei, die Autorin zu verlieren. Allein der Ton einiger Beiträge hier ist unterirdisch. Ich ärgere mich über Euch. Und nein, ich muss nichts – sehe die primäre Verantwortung bei dem, der einen LA stellt. DER muss vorher andere Mittel prüfen. — Brainswiffer (Disk) 07:28, 22.Jul.2019 (GEST)

(Quelle: WIKIPEDIA)

oder begleitend erklären:

@Steffi0711: Ohne den Löschantrag inhaltlich zu bewerten, hier etwas Aufklärung:

• DNS und Worldcat sind BibliotheKsKataloge, diese implizieren Keine Relevanz. Auch eine Aufnahme in die Gemeinsame Normdatei impliziert Keine Relevanz. Soweit ich sehe, hat sie zwei im Sinne der RelevanzKriterien zählende Sachbücher veröffentlicht (bei Boorberg und Ulm er; das Buch für die Bundeszentrale für politische Bildung dürfte ein Reprint sein). Das Kriterium für automatische Relevanz sind aber vier Sachbücher (man sollte sich besser nicht fragen, wie man auf die Zahl geKommen ist – macht nur Kopfzerbrechen).

• Die Ausschüsse machen auch nicht relevant.

• Das Kriterium für die automatische Relevanz Datenschutzbeauftragter oder ÄquiVa/ent ist ebenfalls nicht anwendbar, eine Analogie ist ebenfalls nur schwer argumentierbar (wenn auch aus meiner Sicht nicht unbedingt wegen der fehlenden Entscheidungsbefugnis). Auch hier Kann man sich natürlich fragen, wie man zu den Kriterien geKommen ist …

• Bleiben die allgemeinen RelevanzKriterien für lebende Personen. Bei nicht ganz so eindeutigen Fällen wie dem vorliegenden ist es letztlich eine Kasuistische, administrative Entscheidung.

Falls dir das alles KafkaesK vorkommt: Das ist es auch. Nicht entmutigen lassen. Der erste Löschantrag gegen einen ArtiKel ist immer der schlimmste, ich Kann mich heute noch an meinen ersten Löschantrag im April 2006 erinnern, die Argumente überzeugen mich bis heute nicht. Es bringt nur nichts.

–emu (DisKussion) 17:18, 22.Jul.2019 (CEST)

(Quelle: WIKIPEDIA)

So klingt das ja schon ganz anders – auch sowas gibt’s in der deutschen WIKIPEDIA.

Also bleiben wir dahinter, lassen wir uns nicht alles gefallen, aber geben wir auch jenen Kräften in der WIKIPEDIA die Luft, die sie benötigen, um es wieder geradezubiegen.

Und – stecht eure Blasen an – ich werde es bei meiner auch vermehrt versuchen 🙂 – sie platzt schon nicht gleich …


siehe auch:

  1. Wikifueralle – ein Fazit – Theresa Hannig (Samstag, 31 August 2019) - "Diese Vorschläge garantieren noch keinen Erfolg, aber sie würden die Funktionalität der Community enorm steigern und damit auch die Mitarbeit an der Wikipedia wieder attraktiver machen. Ich hoffe, dass es die Wikipedia (auf welche Weise auch immer) schafft, die Organisationsstrukturen und das Community-Management zu verbessern, damit auch zukünftige Generationen in den Genuss des Freien Wissens kommen können."
  2. Zur Löschung vorgeschlagen – journalist-magazin.de (Montag, 26 August 2019) - Hier haben wir wieder einen Bericht, der anschaulich zeigt, mit welchen Schwierigkeiten sich Neulinge in der WIKIPEDIA herumschlagen müssen. Nicht, dass es nicht auch kleine Lichtblicke gibt, aber die negativen Erlebnisse überwiegen. Und das muss geändert werden …
  3. #wikifüralle 2.0: Frauenfeindlichkeit auf Wikipedia – http://innenansicht-magazin.de (Mittwoch, 21 August 2019) - "Zur Zeit gibt es bei Wikipedia eine regelrechte Lösch-Welle von Beiträgen von und über Frauen in der Literatur. Insbesondere die Fantastik-Szene ist betroffen. In den Diskussionen wird deutlich, dass es sich um eine Racheaktion handelt – gegen Theresa Hannig und ihre Liste von Science-Fiction-Autorinnen. …"
  4. Wiki(pedia) und die sturen Männer – von Elea Brandt (Montag, 5 August 2019) - "Wikipedia – die Enzyklopädie des freien Wissens. In Informationsfülle und -qualität hat das Online-Nachschlagewerk selbst den traditionellen Brockhaus bereits abgelöst und gehört zu den zehn am häufigsten frequentierten Internetseiten der Welt. Doch wie frei ist das Wissen in der Wikipedia wirklich? Die Diskussionen um die Löschung der deutschen Liste von Science-Fiction-Autorinnen (1), des Nornennetzes (2) oder der Seite von Wissenschaftlerin Katie Bouman (3) lassen vermuten, dass die enzyklopädische Neutralität der Wikipedia bisweilen nichts weiter ist als ein Mythos. Denn: Frauen und marginalisierte Gruppen werden in der „freien Enzyklopädie“ immer noch nicht ausreichend repräsentiert. …"
  5. Ach, du liebe Internet-Blase … (Mittwoch, 24 Juli 2019) - Heute kam mir in einem Forum folgende Meldung unter:, "Wo denn? Bis auf diesen Thread hab ich nichts davon mitbekommen. Nornennetz war und ist mir ebenfalls gänzlich unbekannt. Wird hier vielleicht etwas künstlich aufgebauscht?" Nun, das zeigt mir, dass das Problem der Internet-Blase doch vielleicht einiges zur Verschärfung der Situation beiträgt. …

Die 10 letzten Artikel:

Comic(s) #1 – phantastische Zeichnungen: Stan Lee - Nun ist es schon etwas her, seit uns die traurige Nachricht erreicht hat, dass Stan Lee gestorben ist. Wie zu erwarten gab's natürlich einige Publikationen, die sich mit seinem Lebenswerk auseinandersetzten. Comics sind an sich nicht mein Ding, aber an diesem Buch konnte ich nicht und nicht vorbeigehen. Als es mir in Kiel in die Hände fiel, hat es mich nicht mehr verlassen 🙂 …
Utopie #19 – der NICHT-Ort in der Sekundärliteratur: Politische Bedeutung der Utopie im Leben der Völker - Eine schon ältere Ausgabe zum Thema Utopie, die mir bei der Durchsicht von alten Science Fiction Times-Ausgaben auffiel …
Begleitende Literatur zur Phantastik #32: Mehrdeutigkeit übersetzen - Genau genommen dürfte ich es eigentlich nicht als "begleitende Literatur" qualifizieren, da es eigentlich ausschließlich um Phantastik-Klassiker in der Kinderliteratur geht. Aber ich finde, das Thema ist doch ein spezielleres und daher - vielleicht doch …
Science Fiction #33 – realistische Spekulation über Möglichkeiten: Die Zukunft von Gestern - as neuerste Werk im Verlag von Dieter von Reeken bietet wieder feinstes vom Feinen. Heinrich Stöllner stellt in fünf Teilen die in den Utopie- und Terra-Reihen erschienenen Sub- und Miniserien, verfasst von deutsch- und englischsprachigen Autoren, vor …
Begleitende Literatur zur Phantastik #31: Alles über Atlantis - Na ja, so neu sind die Forschungen zwar nicht mehr, aber ein bisschen Nostalgie kann ja nicht schaden. Daher heute ein Buch von Otto Muck, dem angeblich einflussreichsten Atlantis-Forscher des 20. Jahrhunderts …
Ein Toast auf Edgar Poe — Tausend Fiktionen - Nette Geschichte, aber Phantastikon ist ja bekannt dafür, dass lesenswerte Artikel auf der Seite zu Hauf' veröffentlicht werden. Vorsicht - Gefahr sich in de Seite zu verlieren - Notknopf in der Nähe bereit halten …
Lücken geschlossen. Physiker erweitern theoretischen Raum für Zeitreisen - Zwar ist der Artikel nicht direkt der Sekundärliteratur zuzurechnen, aber phantastisch ist er schon :). Also, auf Jungs, jetzt mal schön umsetzten was der Artikel verspricht und schon bald werden Kreuzfahrten nur mehr gähnen hervorrufen … 🙂
Die Nostalgie in der Science-Fiction — Gedankensprünge - Ein zwar schon etwas älterer Artikel von Norbert Fiks, aber trotzdem will ich ihn nicht vorenthalten. Ich wollte ich hätte auch die Möglichkeit gehabt teilzunehmen. Aber die Entfernungen ---***seuftz***--- …
Phantastik #23 – unglaublich, versponnen, wunderbar, großartig: Erfundene Vergangenheit - Wie es manchmal so geht, der Zufall bestimmt so manches Erleben. Heute hab ich zufälligerweise im Fitnessstudio "DOORS ? - Kolonie" von Markus Heitz zu Ende gehört.
Science Fiction #32 – realistische Spekulation über Möglichkeiten: Metro 2033 – Wo die Welt endet (Comic), Band 1 - Metro 2033 - eines meiner Lieblingsbücher. Also bin ich neugierig, was ein Grafiker daraus macht? Sicherlich ein Risiko - wird es gefallen oder zerstört es das Feeling, das ich zum Buch (und zum ganzen Metro-Universum) entwickelt habe?…

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6 thoughts on “Ach, du liebe Internet-Blase …”

  1. Lieber Thomas,
    ich bin froh, dass mein Kommentar so wohlwollend aufgenommen wurde. Wenn man sich mit jemandem schreibt, den man nicht kennt, kann man ja auch ganz leicht im Ton danebenliegen. Aber offensichtlich passt das hier. Und Danke auch für Deine Fragen, die ich als sehr wohltuend empfinde. Denn sie sind erst einmal offen; und es ist klar, was Dich beschäftigt und auch ärgert. Und ja, ich habe die Diskussionen in den letzten Tagen rund um das PAN Netzwerk verfolgt. Umso froher bin ich, wenn ich etwas beitragen kann. Daher hier meine ersten Anmerkungen zu Deinen Fragen. Jeden dieser Aspekte kann man natürlich noch weiter ausbauen – gerne auf Rückfrage!

    „Was bedeutet Relevanz für dich in der WIKIPEDIA?“ Die Wikipedia ist nicht irgendein Wiki. Sie ist auch kein Ort für „alles Wissen“. Sie ist ein Projekt zum Aufbau einer Enzyklopädie. Ganz bewusst ist hier eine recht alte Textform gewählt worden. Hinter dem Begriff der Enzyklopädie steckt eine ganze Denkschule der Aufklärung, sie ist eng mit der bürgerlichen Gesellschaft und der Demokratisierung verbunden.

    (Kleiner Exkurs: Diese Konzentration auf die Form der Enzyklopädie führt übrigens zu großen Problemen. Insbesondere in Kulturkreisen, die nicht Teil der Aufklärung des 18. und 19. Jahrhunderts waren, ist diese Gattung völlig unbekannt. Das ist einer der Gründe, warum es „große“ Wikipedias in europäischen Sprachen gibt, aber die arabische oder die Wikipedias in vielen afrikanischen Sprachen eher klein sind. Daher bin ich gar kein solcher Freund des Enzyklopädie-Ansatzes. Aber das ist eine gänzlich andere Diskussion. Die Wikipedia ist ein Projekt zum Aufbau einer Enzyklopädie, Punktum)

    Wenn man dieses Konzept einer Enzyklopädie akzeptiert (und das muss man, wenn man in der Wikipedia mitmachen möchte. „Wikipedia ist eine Enzyklopädie“ ist eines der fünf unabänderlichen Grundprinzipien der Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Grundprinzipien), dann versteht sicherlich jeder, dass nicht alles in eine solche Enzyklopädie kann. Nur eine kleine Minderheit sagt: Alles muß in die Wikipedia rein. Die meisten Menschen verstehen, dass es irgendeine Form von Filtern / Kriterien / wasauchimmer geben muss. Und bei uns ist das eben die Relevanz – und damit beginnt schon das Problem. Denn was „Relevanz“ ist, das ist keineswegs Konsens innerhalb der Wikipedia.

    Am einfachsten sind tatsächlich immer noch die vielfach genannten Relevanzkriterien (https://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Relevanzkriterien). Diese sind, und das wird innerhalb der Wikipedia mindestens ebenso oft vergessen wie es außerhalb der Wikipedia nicht gesehen wird, Einschlußkriterien. Oder, um von der Seite direkt zu zitieren: „Erfüllt ein Thema eines der hier beschriebenen Kriterien, so ist es für die Wikipedia relevant.“ D.h., wenn eine Autorin z.B. zwei Bücher in einem Publikumsverlag veröffentlich hat, dann wird es über die Frage, ob sie einen Wikipedia-Artikel haben sollte, keine Diskussion geben. Ebenso bei einem Landtagsabgeordneten. Oder einem Musikfestival, „wenn es mindestens einmal 10.000 Besucher verzeichnen konnte oder es über mindestens zehn Jahre von mehr als 5.000 Personen jährlich besucht wurde.“ Und so weiter und so fort.

    Schwieriger wird es, wenn ein Thema, eine Person, oder ein Ereignis nicht eindeutig unter eines der Relevanzkriterien fällt. Dazu heißt es auf der gleichen Seite: „Erfüllt ein Thema die nachfolgenden Kriterien nicht, so muss das nicht zwingend zum Ausschluss dieses Artikelgegenstands führen, es müssen dann aber andere stichhaltige Argumente für dessen Relevanz angeführt werden.“. Leider findet sich oft in den Löschdiskussionen eine Formulierung wie „Erfüllt nicht unsere Relevanzkriterien und sollte deswegen gelöscht werden“. Das ärgert mich tierisch – denn etwas kann sehr wohl relevant für die Wikipedia sein und keines der Relevanzkriterien erfüllen. Ein Beispiel? Emily Brontë hat nur ein Buch geschrieben. Wären die Relevanzkriterien Ausschlußkriterien, dann wäre das Thema damit durch und es gäbe über sie keinen Wikipedia-Artikel. Denn laut den Kriterien muss eine Autorin mindesten zwei Bücher in einem Publikumsverlag veröffentlich haben. Aber natürlich wäre das Quatsch – und das weiß auch Wikipedia und hat natürlich einen Artikel über sie (https://de.wikipedia.org/wiki/Emily_Bront%C3%AB).

    Deshalb spreche ich (und viele andere in der Wikipedia) auch nicht davon, dass ein Thema, eine Person oder ein Ereignis „nicht relevant“ sei. Denn was ist denn das für eine Wertung über z.B. eine Person oder einen Verein: NICHT RELEVANT! Das ist keine wertschätzende Kommunikation, sondern aggressiv und verletzend. Ich (und viele andere in der Wikipedia) sprechen lieber davon, dass die Relevanz eines Artikelgegenstands nicht ausreichend dargestellt sei. Das ist nicht nur eine kleine sprachliche Nuance, sondern ein großer Unterschied: NICHT RELEVANT ist ein Werturteil. „Relevanz nicht ausreichend dargestellt“ ist ein Hinweis auf etwas, was man tatsächlich ändern kann. Indem man halt die Relevanz darlegt.

    Das klingt jetzt alles etwas abstrakt – deshalb auch hier ein Beispiel, dass die Phantastikszene gerade berührt: Das Phantastik-Autoren-Netzwerk, kurz PAN. Der gerade neu eingestellte Artikel kriegte sehr fix einen Löschantrag, und zwar mit der Begründung: „Relevanz gemäß WP:RK#V nicht dargestellt. Verein von 200 Mitgliedern ohne erkennbare Außenwirkung. Relevante Mitglieder eines Vereins vererben normalerweise ihre Relevanz nicht auf den Verein in dem sie Mitglied sind.“ Alleine zu dieser Begründung könnte man viel Kritisches schreiben, aber ich möchte dieses Beispiel eher für ein paar grundsätzliche Hinweise nutzen:

    (1) Jeder und jede kann in der Wikipedia einen Löschantrag stellen. Dass passiert täglich ungefähr 9 bis 20 Mal. Zumeist sind es neue Artikel, aber immer wieder auch bereits Artikel, die schon älter sind. Ein Löschantrag ist an und für sich nichts Schlimmes. Alles, was so ein Löschantrag aussagt ist: Jemand findet, dass der Artikel so nicht in die Wikipedia gehört. Wohlgemerkt: Der Artikel, so wie er zu diesem Zeitpunkt ist, gehört nach der Meinung von einer Person nicht in die Wikipedia. Was ein Löschantrag nicht ist: Eine Aussage darüber, ob der Artikelgegenstand in die Wikipedia gehört oder nicht. Und es ist eben auch erst einmal nur die Meinung einer einzigen Person.

    (2) Schaut man sich den Artikel zum PAN Netzwerk zu dem Zeitpunkt an, an dem er einen Löschantrag bekommen hat, dann würde ich sagen: Doch, das reicht so. Die Relevanz des Vereins ist, aus meiner Sicht, ausreichend dargestellt. Diese Meinung vertreten auch viele Wikipedianer in der entsprechenden Löschdiskussion (die man hier findet: https://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:L%C3%B6schkandidaten/20._Juli_2019#Phantastik-Autoren-Netzwerk). Andere sagen: Nein, das sehen wir nicht. So, wie der Artikel ist, kann ich nicht erkennen, das der Verein da relevant sein soll.

    (3) Und nun passiert das, was man ohne Pathos die „Magie der Wikipedia“ nennen kann. Denn es kommen von überall her Menschen an, die den Artikel ausbauen, verbessern Belege herbeibringen, etc. Hatte der Artikel zu Beginn der Löschdiskussion noch 16 externe Belege, so sind es heute 31. Auch ist der Artikel deutlich ausgebaut worden, mehr Informationen sind drin als vorher (Wer sich das mal angucken mag, der klicke auf diesen Link: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Phantastik-Autoren-Netzwerk&type=revision&diff=190715472&oldid=190595266 – Auf der linken Seite sieht man der Artikel zum Zeitpunkt des Löschantrags, auf der rechten Seite die letzte Version zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Kommentars, also 24. Juli 2019 um 9:53 Uhr). Ob es reichen wird, die Relevanz des Artikelgegenstands ausreichend darzustellen, vermag ich heute nicht zu sagen (ich würde aber fast alles darauf wetten, dass der Artikel nicht gelöscht wird. Ich glaube aber auch nicht, dass er in der ursprünglichen Version gelöscht worden wäre oder gelöscht werden sollte)

    Für mich als altgedienten Hasen sind das alles ganz normale Dinge. Aber ich kann mir in etwa vorstellen, wie das von außen wirkt: „Unser Verein ist nicht relevant, nicht gut genug für Wikipedia? Wer erlaubt sich da eine solche Aussage? Da müssen wir gegen vorgehen – und schwupps ist Twitter angeworfen und die Welle läuft.“

    Vielleicht darf ich kurz darstellen, wie sich das „von innen“, also aus der Sicht eines Wikipedianers anfühlt: Menschen, die sich offensichtlich nie mit uns beschäftigt haben, die uns seit Jahren konsumieren und nutzen aber null Ahnung von den inneren Abläufen haben, kommen bei einem Thema, das ihnen wichtig ist an und stellen Forderungen: „Ey, ihr habt ja keine Ahnung von Phantastik! Was erlaubt ihr euch da? Natürlich ist der PAN relevant, ihr frauenfeindliche Deppen!!!“.

    Natürlich haben wir keine Ahnung von Phantastik – aber wir haben Ahnung von Wikipedia. Mehr noch: Wir sind Wikipedia. Wir haben das hier aufgebaut, mit allen Fehlern, mit allen Unzulänglichkeiten. Und nein, ihr müsst nicht ständig Danke sagen – aber ihr müsst uns auch nicht anschnauzen, wenn so eine Lappalie wie ein Löschantrag ansteht. Das haben wir hier ständig, und keiner meckert rum.

    So in etwa stellt sich das für mich dar – und ich vermute, so geht es vielen, die bei Wikipedia mitarbeiten.

    Deshalb gilt bei Wikipedia ein Grundsatz: „Entscheidungen werden von denen gefällt, die sich beteiligen.“ Man braucht kein Amt, keine Legitimation, keine Macht im herkömmlichen Sinne. Aber man muss eines mitbringen: Den Willen, sich an der Wikipedia zu beteiligen. Und damit meine ich nicht, dass man „mal etwa beiträgt“. Das ist auch toll – aber an der Wikipedia beteiligt man sich nicht dadurch, dass man Inhalte beisteuert – sondern, das man sich als Teil des Projekts zum Aufbau einer Enzyklopädie sieht. Wikipedia lebt von langfristigem Engagement, von Menschen, die dabeibleiben. Von Menschen, die Spaß daran haben, sich mit anderen darüber auszutauschen, was das heißt: Eine Enzyklopädie zu schreiben. Nein, das ist nicht für jedermann und jederfrau. Aber es ist für die Wikipedia überlebenswichtig.

    (Soweit für jetzt – ich habe nur einen Aspekt aus einer Deiner Frage angesprochen und ich habe auch noch keineswegs über die Dinge gesprochen, die sich aus meiner Sicht innerhalb der Wikipedia ändern müssten – doch es ist spät und morgen oder anderentags mehr).

    Gute Nacht,
    Pavel

     
  2. Geschätzter Pavel Richter,
    Wie ich hier lesen kann, scheint es so zu sein, dass du zwar nicht offiziell für die WIKIPEDIA sprichst, aber doch für die WIKIPEDIA sprichst, weil sie dir halt etwas bedeutet. Und das freut mich. Es freut mich, dass jemand es für der Mühen wert hält, auch mit einem relativ Unbedarften wie mir in Kontakt zutreten um für die WIKIPEDIA einzutreten. Außerdem scheint mir sowohl dein Ausdruck als auch den Ton in der Lage zu sein jenes grundlegende Vertrauen zu ermöglichen, das eine gepflegte Unterhaltung voraussetzt.

    Und ich sage dir, auch mir liegt die (deutschsprachige) WIKIPEDIA sehr am Herzen. Zwar finde ich nicht sehr viel Zeit neben meinem Blog in der WIKIPEDIA zu arbeiten, aber unter https://de.wikipedia.org/wiki/Benutzer:T.Sebesta habe auch ich einen ganz winzigen Teil versucht beizutragen und tue es von Fall zu Fall auch immer wieder, obwohl es mir noch immer schwerfällt teilweise die Mechanismen zu durchschauen, nach denen die WIKIPEDIA tickt. Ich halte die Idee, die hinter WIKIPEDIA steht, für epochal.

    Andererseits liegt mir auch an der Phantastik sehr viel und ich denke, dass beides zusammen eine sehr gute Mischung ergeben würde. Allerdings haben sich in letzter Zeit einige Dinge ereignet, die es mir schwer machen Vertrauen in die wohlwollende und gutmeinende Gesinnung einiger Beitragender, der Phantastik gegenüber, zu fassen (wobei ich mir gar nicht sicher bin, dass die Phantastik die einzige Leidtragende ist).

    Ich nehme an, dass du dich über die Anlassfälle der derzeitigen Unmutskampagne in der Phantastik kundig gemacht hast. Es wär schön, deine Ansicht dazu zu hören. Was bedeutet Relevanz für dich in der WIKIPEDIA? Warum kommt es zu solchen Unterschieden zwischen verschiedenen WIKIPEDIA-Teilen? Wie kann es sein, dass Relevanz im anglo-amerikanischen Raum anders bewertet wird als im deutschsprachigen Raum? Wie können Relevanzkriterien so voneinander abweichen?

    Das sind Fragen, die viele von uns derzeit bewegen und die wir gerne von jemandem beantwortet haben würden. Es gibt sehr viel Halbwissen und dadurch wird viel Schaden angerichtet, der nicht notwendig wäre. Viele „Phantasten“ sind nicht mehr bereit mitzuarbeiten, weil sie (über Jahre) ganz schlechte Erfahrungen gemacht haben. Ich würde mich gerne in den Dienst der Aufklärung stellen um viele Missverständnisse, die derzeit ganz wild kursieren, versuchen zu bereinigen. Dazu braucht es aber Partner, denen man Vertrauen entgegenbringen kann. Versuchen wir einen Tanz am Vulkan und diesen zu besänftigen?

     
  3. Hallo Thomas Sebesta,

    im Rahmen der #WikiFuerAlle Diskussion bin ich auf Deinen Blogbeitrag aufmerksam geworden und würde gerne einiges dazu sagen. Zunächst aber möchte ich mich kurz vorstellen: Mein Name ist Pavel Richter (@pavel auf Twitter). Ich bin Wikipedianer seit 2004, also quasi von Anfang an (hier meine Benutzerseite in der Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Benutzer:Schreibvieh). Ich war außerdem 5 Jahre lang Geschäftsführer und später geschäftsführender Vorstand von Wikimedia Deutschland. Seit vier Jahren bin ich dort aber „nur“ noch normales Mitglied. Und ich spreche im Folgenden nur für mich – nicht für „die Wikipedia“ und nicht für Wikimedia Deutschland.

    Ich finde es toll, wenn über die Wikipedia, die ich sehr liebe und schätze, diskutiert wird. Und gerade die Beiträge von Menschen außerhalb der Wikipedia finde ich wichtig und hilfreich – denn dies ist ja Feedback von den Menschen, für die u.a. ich mich in der Wikipedia engagiere: Leserinnen und Lesern. Daher probiere ich auch, auf viele der Beiträge unter dem Hashtag #WikiFuerAlle einzugehen. Und Dein Blogbeitrag fasst viele Aspekte der derzeitigen Diskussion toll zusammen. Daher sei es mir erlaubt, auf einen zentralen Aspekt in Deiner Argumentation einzugehen:

    Du schreibst: „Ich habe das Gefühl, dass manche, die für die Kontrolle und Verbesserung von Artikel in der Wikipedia zuständig sind, ganz einfach in einer Blase gefangen sind, die ihnen keine Schnittmengen zu anderen Blasen (mehr?) bieten.“ Darin ist etwas sehr richtiges und etwas sehr falsches enthalten.

    Richtig ist, dass alle Menschen, die sich in Wikipedia engagieren, ihre eigenen Gebiete (Du würdest sagen: Blasen) haben, die sie bearbeiten. Da gibt es etwa den Wikipedianer, der ausschließlich Rechtschreibfehler korrigiert. Oder den Projektmanager, der seine Leidenschaft, den Öffentlichen Personennahverkehr, in der Wikipedia pflegt. Die Frau, deren Beruf ich nicht kenne und die einen Großteil der Beiträge zu Radfahrerinnen geschrieben hat. Und so weiter, und so fort. In der Wikipedia arbeitet jeder und jede an dem, was ihm oder ihr Spaß macht. Es ist ein Projekt von Ehrenamtlichen. Niemand wird dafür bezahlt, in der Wikipedia mitzuarbeiten (bis auf ein paar bezahlte PR-Profis, aber die lasse ich jetzt einfach mal raus).

    Das bringt mich aber auch zu dem falschen in Deiner obigen Aussage: Es gibt schlicht niemanden, der „für die Kontrolle und Verbesserung von Artikeln in der Wikipedia zuständig ist“ (Hervorhebung von mir). Niemand hat dort eine Aufgabe, niemand hat dort irgendwelche Rechte oder Pflichten – jede und jeder macht, was er will, wann sie will, und (im Rahmen der Regeln der Wikipedia) wie er will. Auch die Wikimedia Foundation und Wikimedia Deutschland, die beiden Organisationen „hinter“ der deutschsprachigen Wikipedia, haben keinerlei redaktionellen oder administrativen Einfluss auf die Wikipedia. Vielleicht hätte der eine oder die andere dort gerne solche Möglichkeiten – die Community achtet aber mit Argusaugen auf ihre Eigenständigkeit. Und dies gilt übrigens für alle Sprachversionen der Wikipedia.

    Und genau dort liegt aus meiner Sicht auch der zentrale Fehler in Deiner Überlegung. Für mich wurde das deutlich als Du schriebst: „Anders kann ich es mir nicht erklären, dass manche WIKIPEDIA-Mitarbeiter die Entwicklungen in der Phantastikszene der letzten Jahre scheinbar einfach verschlafen haben.“ So kann man nur argumentieren, wenn es die Aufgabe „der WIKIPEDIA-Mitarbeiter“ wäre, solche Entwicklungen zu beobachten und entsprechend in der Wikipedia abzubilden. Aber niemand – auch Du als Leser nicht! – kannst solche Aufgaben verteilen. Und nein, Du kannst auch nicht erwarten, dass jemand sich darum kümmert, dass diese Entwicklungen in der Phantastikszene in der Wikipedia abgebildet werden.

    Weiter schreibst Du: „Von Projekten in dieser Größenordnung kann man ja nicht mehr von privaten Selbstfindungsaufgaben sprechen?“ Das finde ich ist eine sehr spannende Beobachtung: Die Wikipedia hat mittlerweile eine solche Bedeutung für uns alle und für unsere Bildung, unser Wissen gewonnen, dass ich Dir Recht geben möchte: Ein solches Projekt ist zu groß für „private Selbstfindungsaufgaben“! Deshalb kann ich die Empörung, die sich z.B. gerade am Thema „Phantastik“ festmacht, auch so gut verstehen. Die Erwartungshaltungen sind hoch, die Bedeutung der Wikipedia riesig – und entsprechend ist auch die Fallhöhe.

    Aber: Während das für „die Wikipedia“ gilt – so gilt es eben nicht für jeden einzelnen Wikipedianer oder Wikipedianerin. Für diese kann die Mitarbeit an der Wikipedia durchaus eine „private Selbstfindungsaufgabe“ sein. Jede Motivation zur Mitarbeit ist völlig in Ordnung – es gibt Menschen mit Sendungsbewußtsein bei der Wikipedia, Pedanten, Rechthaber, gescheiterte Wissenschaftler, engagierte Hobbyisten – all diese diversen Menschen machen Wikipedia erst zu dem, was es ist: Ein riesengroßes, tolles Projekt. Aber alle müssen sich an die gleichen Regeln halten. Und es gibt keine Hierarchien, keine Chefs oder ähnliches. Vergiss alles, was Du über Sichter, Administratoren, Bürokraten oder Stewarts gelesen hast. Die Wikipedia ist ein völlig selbstorganisiertes System und mit keiner anderen Form der Organisation vergleichbar. Diese extreme Form der Freiheit kann sehr, sehr anstrengend sein, und sie kann auch zu schlechten Ergebnissen führen. Aber sie ist essentiell für dieses Projekt. Nimm der Wikipedia diese Freiheit – und die Wikipedia ist am Ende.

    Ich könnte noch einiges mehr schreiben – will es aber bei Folgendem belassen: Die Phantastikszene wird nie ausreichend in der Wikipedia repräsentiert sein, wenn sich nicht Menschen aus und / oder mit Wissen zu dieser Szene dauerhaft in der Wikipedia engagieren. Mitmachen, mitstreiten, mitverändern. Und zwar auf Basis dessen, was „die Wikipedianer“ in den letzten 18 Jahren aufgebaut haben. Ja, es gibt Regel, die einen zur Weißglut bringen können. Ja, der Ton in der Wikipedia ist gerade gegenüber „Neulingen“ oft verletzend und ausgrenzend. Ja, „die Wikipedia“ muss viel offener und freundlicher sein zu den Neuen. Und ja, es ist die verdammte Pflicht jedes Wikipedianers, diese Probleme immer und überall anzusprechen und zu beheben.

    Aber die Wikipedia ist eben auch vielen Menschen enorm wichtig, die sich dort seit langem einbringen und engagieren. Sie möchten nicht beschimpft werden, sie erwarten eine gewisse Neugier und Aufgeschlossenheit, wenn jemand in „ihr Wohnzimmer“ kommt. Es gibt Menschen, die schreiben etwas in die Wikipedia, weil es dort fehlt, und gehen dann wieder. Das ist völlig in Ordnung. Aber noch besser und nachhaltiger ist es, wenn man nicht einfach etwas in die Wikipedia schreibt – sondern wenn man wirklich zur Wikipedia beitragen möchte. Teil der Wikipedia sein möchte.

    Ich würde mich freuen, wenn Du und andere Menschen aus der Phantastikszene dies tun möchten und ich verspreche Euch jede Unterstützung von mir und vielen anderen Wikipedianerinnen und Wikipedianer.

     
    1. Hallo Pavel Richter,
      vielen Dank für die erhellenden und interessanten Einblicke hinter die Kulissen aus dem Blickwinkel eines erfahrenen Wikipedianers. Das sind Erkenntnisse, die sich für einen zeitweisen Benutzer, immer wieder Interessierten, aber in der letzten Zeit vor allem abgeschreckten Menschen wie mich ansonsten nicht eröffnet hätten.

      Indes frage ich mich, wie man konkret Ansätze wie ‚die Wikipedia sollte freundlicher und viel offener gegenüber Neuen sein‘ tatsächlich umsetzen lassen. Das Problem ist ja nicht, dass nicht inzwischen auf der Hand liegen würde, dass es offensichtlich unterschiedliche Ansichten gibt und diese in manchen Löschdiskussionen sehr harsch und zumindest für mich als Leser von außen auch bewusst verletztend formuliert wirken. Sondern, dass es offensichtlich keine Mechanismen gibt, tatsächlich eine Änderung herbeizuführen.

      Wenn das höchste Gut der Wikipedia ist, frei zu sein und frei zu bleiben, heißt das auch, dass es immer Leute gibt, die diese Freiheit nutzen werden, um ihre persönlichen Ansichten gestützt durch ihre Erfahrung im System entsprechend einzubringen. Das kann gut ausgehen, muss es aber nicht – siehe die tagelange Relevanzdiskussion um die Liste weiblicher deutscher SciFi-Autorinnen, bei der teils auf sehr persönlichem Niveau die Teilnehmerinnen verunglimpft wurden, die sich für die Liste aussprachen.

      Wäre der allgemeine Diskussionsstil sachlich, würde es bei der Verteidigung von neuen Inhalten um sachliche Argumente gehen, wären sicherlich viel mehr Leute bereit, sich an der Wikipedia zu beteiligen. Aber die Aussicht darauf, sich immer wieder Spott, Häme und persönliche Beleidigungen von Alt-Beteiligten einzuhandeln, wenn man sein Herzensthema oder Bereiche, in denen man durch berufliche Erfahrung und/oder Freizeitinteresse viel Wissen mitbringt, pflegen möchte, ist denke ich verständlicherweise für viele Menschen ganz gleich des Geschlechts, der Herkunft, des Erfahrungshorizontes und so weiter maximal abschreckend.

      Und das ist der Punkt, der mir bei Deinen beiden interessanten Antworten ein bisschen fehlt: Der Schritt von der vielleicht auch ein bisschen nostalgisch verklärten, grundoptimistischen Einstellung Wikipedia betreffend zum Realismus betreffs vorhandenen und sich bei den Diskussionen um weibliche SciFi-Autorinnen, PAN, dem Nornennetz auf sehr hässliche Weise zeigenden vorhandenen Situation. Die versprochene Unterstützung vieler anderer Wikipedianer und Wikipedianerinnen ist bislang weitestgehend nicht zu sehen, was aber ausgesprochen plakativ zu Tage tritt, sind die immer gleichen, auf immer gleiche abschreckende Weise vorgehenden Personen, bei denen wegen ihrer Art zu diskutieren leider der Eindruck zurückbleiben muss, dass sie sehr viel Wert darauf legen, bestimmte Personen und Inhalte aus der Wikipedia fernzuhalten.

      Zuletzt noch ein persönlicher Gedanke: Ich selbst bin freiberufliche Spielejournalistin, und ich könnte unglaublich viel zu verschiedenen Computerspielen schreiben, mit denen ich mich auf beruflicher Basis täglich beschäftige. Sicherlich auch viele bereits vorhandene Artikel ergänzen. Aber: Mir fehlt die Zeit für Grabenkämpfe wie die beschriebenen, und auch die innere Motivation, mir Häme und persönliche Beleidigungen in einem Freizeitprojekt anzutun – dafür ist meine Arbeit schlicht anstrengend genug. Das mag man nun vielleicht als feige oder faul betrachten, aber ich sehe es realistisch: wie viele Menschen mehr in einer vergleichbaren Situation entscheiden aufgrund der auf unterstem Niveau geführten Löschdiskussionen vielleicht ähnlich wie ich es tue und setzen die ihnen zur Verfügung stehenden Ressourcen schlicht für sie nutzbringender ein?
      Da scheint mir der größte Knackpunkt dieser Tage zu liegen, und bisher vermisse ich in Deiner Darstellung einen Hinweis darauf, ob und welche Mechanismen es gibt, die Wikipedia insgesamt menschenfreundlicher zu gestalten.

      Liebe Grüße,
      Gloria

       
      1. Hallo Gloria, uups, ich hatte ganz übersehen, dass doch noch jemand an unserer Diskussion hier teilgenommen hat. Sorry dafür.

        Natürlich habe auch ich keine Lösung für das von Dir völlig richtig dargestellte Problem des schlechten Umgangstons, dem man in der Wikipedia auch begegnet. Aber zwei Gedanken dazu:

        Hier sind tatsächlich die Wikipedianerinnen und Wikipedianer gefragt, die schon lange dabei sind. Viel zu wird weggeguckt, wenn sich jemand im Ton vergreift. Viel zu oft lese ich Sätze wie „Wikipedia ist halt kein Ponyhof“ und viel zu oft heißt es „Naja, er vergreift sich schon mal im Ton – aber er ist ein toller Autor!. Da müssen die Menschen in der Wikipedia deutlich ein Zeichen setzen, dass sie so ein Verhalten nicht mehr akzeptieren. Ich kenne einige (wenige) Menschen in der Wikipedia, die das sehr aktiv tun. Leider viel zu wenige.

        (Ich kenne das übrigens auch von mir: Ich hatte am Anfang meiner Wikipedia-Zeit einen anderen Account als heute. Mit diesem ersten Account habe ich mich fröhlich in eine Menge Diskussionen geworfen – bis ich irgendwann vor mir selbst erschreckt bin. Dieser Mensch mit diesem Ton und dieser Schärfe – das würde ich ausserhalb der Wikipedia nie machen. Daher habe ich diesen Alt-Account stillgelegt und schreibe nun unter einem neuen Account mit, hoffentlich, deutlich freundlicherer Grundstimmung).

        Aber es gibt auch etwas, was „ihr“ machen könnt. Also ihr, die ihr noch nicht oder nicht mehr in der Wikipedia mitmacht: Kommt zu uns. Überlasst den Grobianen nicht das Feld, helft den Wikipedianern, die es ebenfalls anders haben wollen. Und von denen gibt es viele!
        Dazu gehört aber auch: Beschäftigt Euch mit Wikipedia. Unser Projekt gibt es jetzt seit 18 Jahren, viele läuft schon sehr lange in bestimmten Bahnen. Und „wir“ haben damit etwas unglaubliches geschaffen, auf das „wir“ stolz sind. Und zwar zu recht. Wenn jetzt jemand kommt und „uns“ erst einmal sagt: Sorry, so geht das nicht, ihr müsst das so und so machen – das führ zu einer fast automatischen Ablehnung. Etwas mehr Respekt vor der Leistung derjenigen, die sich dort ehrenamtlich engagieren, und mehr Achtung vor einem System, das eben bei allen Fehlern doch etwas Großartiges produziert hat und stets am Leben erhalten hat, würde eine Menge dazu beitragen, dass die zukünftige Zusammenarbeit besser funktioniert.

         

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