Universitas Phantastica – Reflektion #23 – Der Mann, der zum Käfer wurde: Wie Franz Kafka die Phantastik revolutionierte …

Learn More-internAls Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt. Dieser weltberühmte erste Satz aus Franz Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“ (1915) ist weit mehr als ein genialer Einstieg in eine tragische Familiengeschichte. Er markiert den präzisen historischen Wendepunkt, an dem die klassische Phantastik des 19. Jahrhunderts starb und die moderne Fantastik der Gegenwart geboren wurde.

Der Literaturwissenschaftler Tzvetan Todorov stellte in seiner strukturalistischen Gattungstheorie fest, dass Kafka das traditionelle Prinzip der Phantastik grundlegend ausgehebelt hat. Doch wie genau funktionierte dieser fließende Übergang von der quälenden Unschlüssigkeit zur absurden Selbstverständlichkeit? …

Das klassische Reaktionsmuster: Der Zweifel an der eigenen Psyche

Um Kafkas radikalen Bruch zu verstehen, muss man sich vor Augen führen, wie ein Protagonist der klassischen Phantastik (etwa bei E.T.A. Hoffmann oder Edgar Allan Poe) auf eine solche Metamorphose reagiert hätte.

In der klassischen Epoche wäre eine Verwandlung in ein Insekt der Auslöser für eine massive, seitenlange psychologische Krise gewesen. Die Figur hätte geschrien, geheult, Gott oder den Teufel verflucht und sich fieberhaft die Frage gestellt: Träume ich? Verliere ich den Verstand? Bin ich das Opfer eines bösartigen Zaubers oder einer Halluzination?

Genau diese Unschlüssigkeit (hésitation) – das Schwanken zwischen einer rationalen Erklärung (Wahnsinn) und einer übernatürlichen Erklärung (echte Magie) – war laut Todorov der eigentliche Motor der klassischen Phantastik. Die Spannung speiste sich aus dem verzweifelten Versuch der Figur, die bekannten Naturgesetze zu verteidigen.

Der kafkaesche Bruch: Bürokratie schlägt Metaphysik

Kafka bricht dieses eiserne Gesetz der Gattung im Grunde schon ab dem zweiten Satz der Erzählung. Gregor Samsa blickt auf seinen gepanzerten Rücken und seine vielen, hilflos flimmernden Beine und fragt sich lediglich: „Was ist mit mir geschehen?“

Es folgt jedoch kein existenzieller Schrecken, kein Zweifel an seiner Wahrnehmung. Stattdessen wandern Gregors Gedanken sofort zum Fenster, zum trüben Wetter und schließlich zu den unbarmherzigen Zwängen seines Alltags:

  • Er sorgt sich um seinen anstrengenden Beruf als Handelsreisender.
  • Er ärgert sich über das frühe Aufstehen.
  • Er gerät in Panik, weil er den Fünf-Uhr-Zug verpasst hat und der Prokurist seiner Firma bald nach ihm suchen wird.

Das Übernatürliche wird bei Kafka nicht metaphysisch hinterfragt, sondern bürokratisch verwaltet.

Das Unmögliche bricht in die Welt ein, aber die fundamentale Frage nach dem Warum oder Ob wird schlichtweg übersprungen. Gregor akzeptiert den Käferkörper als eine lästige, organische Gegebenheit, die ihn an der Erfüllung seiner kapitalistischen Pflichten hindert.

Die Ausweitung auf das Umfeld: Kollektive Normalisierung

Dieser Übergang zur modernen Selbstverständlichkeit betrifft nicht nur Gregor selbst, sondern spiegelt sich auch im Verhalten seiner Familie und des Prokuristen wider.

Als die Zimmertür geöffnet wird und das riesige Ungeziefer sichtbar wird, reagiert die Familie zwar mit Entsetzen, Ekel und Gewalt – aber niemand bezweifelt die physikalische Realität dieser Verwandlung. Der Vater versucht nicht, einen Arzt oder einen Exorzisten zu rufen. Er nimmt einen Spazierstock und eine Zeitung und treibt den Käfer brutal zurück in sein Zimmer. Die Schwester beginnt pragmatisch herauszufinden, welche Nahrung (vorzugsweise verfaultes Gemüse) dem Tier schmeckt.

Das Phantastische wird somit instantan sozialisiert. Es wird zu einem beschämenden Familiengeheimnis degradiert, zu einem pflegebedürftigen, unrentablen Störfaktor im bürgerlichen Haushalt, den man am besten vor den Untermietern versteckt.

Der morphologische Wandel der Reaktion

Um diesen Bruch zu verdeutlichen, hilft ein direkter Vergleich der Figurentypen über die Epochen hinweg:

Figurentyp Erste Reaktion auf das Unmögliche Hauptsorge der Figur Status der Realität
Klassischer Phantastik-Held (z. B. E.T.A. Hoffmann) Existenzielle Panik, Ohnmacht, Fieberwahn. „Verliere ich den Verstand oder ist das Übernatürliche real?“ Zerrissen zwischen Logik und Wunder (Unschlüssigkeit).
Gregor Samsa (Kafkas Scharnier) Nüchternes Erstaunen, physische Irritation. „Wie erreiche ich den Zug und was sagt der Vorgesetzte?“ Absurd, aber unbestreitbar real im bürokratischen Alltag.
Moderner Fantastik-Held (z. B. Haruki Murakami) Gleichmütiges Hinnehmen, sanfte Melancholie. „Wie arrangiere ich mich mit dieser neuen Normalität?“ Die Welt ist ohnehin surreal und fragmentiert (Selbstverständlichkeit).

 

Fazit: Das „verallgemeinerte Phantastische“ als Spiegel der Moderne

Franz Kafka hat mit „Die Verwandlung“ vollzogen, was Literaturwissenschaftler als den Übergang zur Neofantastik oder zum verallgemeinerten Phantastischen bezeichnen. Indem er den Zweifel der Figuren eliminierte, verschob er das Zentrum des Grauens.

Der Schrecken in der modernen Fantastik resultiert nicht mehr daraus, dass Naturgesetze gebrochen werden. Er resultiert daraus, dass die menschliche Gesellschaft so kalt, mechanisch und entfremdet ist, dass sie selbst das absolut Unmögliche sofort in ihre alltägliche Grausamkeit integriert. Gregor Samsa zerbricht am Ende nicht an der Biologie des Käfers, sondern an der Isolation und der Erkenntnis, dass sein Wert als Mensch für seine Familie nur so lange existierte, wie er Geld nach Hause bringen konnte.


Quelle(n), Vorgänger und Hilfreiches:

  • Claudia Engelmann: „Wie phantastisch ist Kafka? Die Anwendbarkeit von Phantastiktheorien auf Kafkas Erzählungen“ (Forschungsarbeit / Universität Konstanz)
    Bedeutung: Die zentrale Quelle für die argumentative Verknüpfung von Todorovs „Tod der klassischen Phantastik“ und Renate Lachmanns Konzept der Neofantastik im Bezug auf Kafka.

Sekundärliteratur …
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Claudia Engelmann: Wie phantastisch ist Kafka?: Die Anwendbarkeit von Phantastiktheorien auf Kafkas Erzählungen. München: Grin 2009. https://shop.falter.at/detail/9783640336784/wie-phantastisch-ist-kafka (Stand: 11.06.2026).
Quelle: Zotero-Webpage (t.sebesta's Library)

  • Tzvetan Todorov: „Einführung in die fantastische Literatur“ (Theoretisches Standardwerk / Analyse via Ruhr-Universität Bochum
    Bedeutung: Liefert das theoretische Fundament. Todorov selbst nutzt Kafka in seinem Werk als das finale Fallbeispiel, an dem seine eigene Definition der „Unschlüssigkeit“ produktiv scheitert und sich auflöst.

Sekundärliteratur …
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Nils Weber: „Phantasmen der Macht“. In: Homepage der Universität Bochum. https://homepage.ruhr-uni-bochum.de/niels.werber/PhantasmenderMacht.htm (Stand: 11.06.2026).
Quelle: Zotero-Webpage (t.sebesta's Library)

  • Maja Antić: „Zu Franz Kafkas Magischem Realismus: Die Verwandlung“ (Wissenschaftliches Paper / Semantic Scholar)
    Bedeutung: Analysiert die Koexistenz von ultra-realistischer Erzählweise und fantastischem Ereignis als direkten Vorläufer des modernen Magischen Realismus.

Sekundärliteratur …
225090 {225090:Y7YYX325} 1 technische-universitat-dresden-medienwissenschaft-und-neuere-deutsche-literatur-note 50 default 1 1 1 44795 https://sebesta-seklit.net/wp-content/plugins/zotpress/
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Maja Antić: „Zu Franz Kafkas Magischem Realismus: Die Verwandlung“. In: Violeta Stojičić (Hg.): Linguistics and Literature, Vol. 21, No. 1, 2023. Nis: Facta Universitatis 2023 (= Linguistics and Literature),  S. 25–39. DOI: https://doi.org/10.22190/FULL230124003A (Stand: 11.06.2026). Download
Quelle: Zotero-Webpage (t.sebesta's Library)

  • Universität Göttingen (Seminar für Deutsche Philologie): „Franz Kafka: Die Verwandlung (1915)“

Bedeutung…
Liefert die textnahen Belege für Gregors psychologische Verschiebung weg von der Metamorphose hin zu ökonomischen Zwängen und familiärer Entfremdung.Quelle: uni-goettingen.de

  • The Metamorphosis to go (Kafka in 11 minutes), Youtube

Bedeutung…
Für einen schnellen, visuell aufbereiteten Überblick über die gesamte Handlung und die Dynamiken innerhalb der Familie Samsa empfiehlt sich die Zusammenfassung „The Metamorphosis to go (Kafka in 11 minutes)„, welche die skizzierte gesellschaftliche Kälte und die absurde Bürokratisierung des Käferdaseins sehr pointiert auf den Punkt bringt.Quelle: youtube.com

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