
Im Artikel „Bibliotheca Universitas Phantastica #107 – Neues aus der Bibliothek“ habe ich eine Masterarbeit vorgestellt, welche unter dem Titel „Dystopien jenseits der Extreme“ verfasst wurde. Dieser Begriff war mir noch nicht untergekommen und hat Nachforschungen herausgefordert. Das Resultat dieser Recherchen finde ihr in der Folge …
Der Begriff „Dystopien jenseits der ‚Extreme‘“ bezieht sich auf eine literaturwissenschaftliche Kategorisierung, die im Rahmen der vergleichenden Literaturwissenschaft an der Universität Wien geprägt wurde. Die Arbeit befasst sich mit der Analyse und dem Vergleich moderner Dystopien, die sich von den klassischen, stark durchorganisierten totalitären Staatsentwürfen (wie etwa bei George Orwell oder Aldous Huxley – den klassischen „Extremen“) abwenden.
Stattdessen untersucht die Autorin literarische Welten, in denen der gesellschaftliche und zivilisatorische Zerfall andere Ursachen hat oder sich anders manifestiert – beispielsweise durch plötzliche unerklärliche Seuchen, stille ethische Grenzüberschreitungen in der Biopolitik oder das nackte Überleben in post-zivilisatorischen, ruinierten Landschaften. Als Grundlage für diese vergleichende Analyse dienen vier Romane.
Sie beschreibt dystopische Werke, die im Gegensatz zu klassischen, extremen Schreckensszenarien (wie totalitären Überwachungsstaaten oder nuklearer Apokalypse) auf subtilere, leisere und psychologische Formen der Entfremdung setzen.
Typische Merkmale
Anstatt auf offensichtliche Gewalt, Diktaturen oder den totalen Zusammenbruch der Gesellschaft zu fokussieren, zeichnen sich diese Dystopien durch folgende Aspekte aus:
- Fokus auf das Innenleben: Die Entfremdung, Kälte oder der Verlust der Menschlichkeit findet im Verborgenen statt.
- Schleichender Verfall: Gesellschaftliche Systeme bröckeln langsam und unscheinbar, oft bemerken die Figuren dies erst spät.
- Verlust der Empathie: Die dystopischen Elemente resultieren aus emotionaler Kälte oder der Resignation der Gesellschaft.
Exemplarische Romane
Dieses Konzept lässt sich besonders gut anhand international bekannter Romane greifen, zum Beispiel:
- Kazuo Ishiguro – Never Let Me Go: Eine scheinbar friedliche Welt, in der Klone aufwachsen, deren grausames Schicksal als Organspender völlig unaufgeregt und alltäglich hingenommen wird.
- José Saramago – Die Stadt der Blinden: Der plötzliche, unerklärliche Ausbruch einer epidemischen Blindheit in einer modernen Stadt führt zum schleichenden Zusammenbruch der menschlichen Zivilisation und Moral.
- Cormac McCarthy – The Road: Eine postapokalyptische Erzählung, die jedoch durch ihren extrem reduzierten, fast meditativen und tief berührenden Fokus auf die Vater-Sohn-Beziehung eher das Menschsein in den Vordergrund stellt als reines Action-Elend.
- Paul Auster – In the Country of Last Things: Die Erzählung schildert eine dystopische Gesellschaft, in der menschliches Leben und Würde durch den Kampf ums Überleben und staatliche Ressourcenausbeutung radikal entwertet sind.
Die theoretische Aufarbeitung und Definition dieses Konzepts kannst du im Detail in der entsprechenden Masterarbeit der Universität Wien nachlesen. Sie ist auch über den obigen Link zum Artikel verfügbar.
Bibliografische Details
- Autorin: Marie-Theres Stampf
- Vollständiger Titel: Dystopien jenseits der „Extreme“.
- Betrachtete Romane: „Die Stadt der Blinden“ von José Saramago, „Never Let Me Go“ von Kazuo Ishiguro, „In the Country of Last Things“ von Paul Auster und „The Road“ von Cormac McCarthy.
- Jahr: 2022
- Studium: Vergleichende Literaturwissenschaft (Philologisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät)
- Betreuer: Achim Hermann Hölter
Quelle(n), Vorgänger und Hilfreiches:
- Universität Wien – u:theses Detailansicht: https://utheses.univie.ac.at/detail/64221
- Universität Wien – Phaidra Repositorium (Direkter PDF-Download des Volltextes): https://phaidra.univie.ac.at/api/object/o:1597259/get,
