Die Entwicklung des Webends und der Datenbank für deutschsprachige spekulative Fiction wurde nach einigen Jahren Stillstand nun endgültig stillgelegt. Das vielversprechende Projekt ging schlicht an Personalmangel zugrunde. Webendentwicklung, Datenbankentwicklung und -betreuung und Dateneingabe und -pflege erfordern bei einen solchen Projekt einfach mehrere Personen, die sich gerne und ausdauernd mit der Materie beschäftigen.
Als die personelle Situation immer prekärer wurde und eine solche Aufgabe schlußendlich nicht von einer Person alleine bewältigt werden kann, mußte ich die Entscheidung zur Einstellung der Entwicklung und des Betriebes der zugehörigen Website treffen. Es ist mir nicht leichtgefallen.
Das muss natürlich nicht heißen, dass dieses Projekt für immer gestorben ist. Sollten sich Interessenten finden, die dieses Projekt wieder aufnehmen wollen, so ist das jederzeit möglich. Sourcecode und Daten sind nach wie vor vorhanden und auch meine Person steht dann gerne wieder zur Verfügung. Eine Email über die hinterlegten Ansprechkanäle genügt.
Bis dahin jedoch möchte ich auf meine anderen Projekte verweisen, die ungehindert weiterlaufen. Dieser Blog und die Facebook-Gruppe „Deutschsprachige Sekundärliteratur zur Phantastik“ sind für den Teilaspekt der Sekundärliteratur eingerichtet und bieten Informationen über alte, ältere und neue Sekundärliteratur für den Bereich, Utopie, Science Fiction, Fantasy, Horror, Märchen und allgemeine Phantastik. Weiterführende Literatur wird ebenfalls besprochen soweit sie für diese Bereiche sinnvoll erscheint. Neuigkeiten aus den Genres und ein bisschen Allerlei rund die Sache hoffentlich zu einem guten Ganzen ab.
Ich wünsche dir bibliophile Stunden und viel, viel Spaß dabei.
Bölsches Büchlein ist eine populärwissenschaftliche „Brückenarbeit“ zwischen Drachensage und Naturgeschichte. Die Leitfrage lautet sinngemäß: Warum ist das Drachenbild so weltweit stabil – und welche realen Naturerfahrungen (Fossilien, große Reptilien, „ungeheure“ Tiere) könnten die Imagination immer wieder gespeist haben? Esist eines dieser kleinen Bücher, die sich nicht recht entscheiden wollen, ob sie wissenschaftlich informieren oder literarisch verführen sollen – und gerade deshalb zu den interessanteren Exemplaren ihrer Gattung gehören. Es ist ein Text aus einer Zwischenzone: populärwissenschaftlich, ja, aber mit einem spürbaren Sinn für den Sog alter Bilder. Bölsche schreibt nicht über Drachen, um sie endgültig „wegzuerklären“. Er schreibt über sie, weil er merkt, dass man sie nicht loswird. …
Friedrich Wilds Studie Drachen im Beowulf und andere Drachen ist keine populärwissenschaftliche „Drachenkunde“ im heutigen Fantasy-Sinn, sondern ein philologisch und kulturhistorisch argumentierender Beitrag zur Frage, wie mittelalterliche Texte – vor allem das altenglische Epos Beowulf – ihr Drachenmotiv formen und welche Traditionslinien dabei wirksam werden. Der Text erschien als Abhandlung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (philosophisch-historische Klasse) und ist entsprechend als gelehrte, quellengesättigte Untersuchung angelegt. …
Dieses Mal war es nicht wirklich viel, aber dafür sehr interessant für mich. Erstens habe ich noch einen Beitrag zu Ernst Bloch und die DDR aufgefunden und eingetragen. Und Zweitens – die Drachen lassen mich derzeit nicht los. Drei Veröffentlichungen habe sich aus dem Fundus erhoben und lassen mich überlegen, ob ich ein vor einiger Zeit angefangenes Essay zu Thema „Drachen in der Fantastik“ nicht doch endlich einmal zu Ende bringen sollte. Mal sehen …
Florian Kragls Monographie widmet sich der deutschen Dietrichepik des hohen, späten und „spätesten“ Mittelalters – und damit einem zentralen Segment der deutschsprachigen Heldenepik jenseits des Nibelungenlieds. Der Autor setzt bewusst dort an, wo die ältere Forschung lange Zeit entweder stoff- und sagengeschichtlich rekonstruieren wollte oder die Texte als „spröde“ Randzone der mittelalterlichen Erzählliteratur behandelte. Kragl nimmt demgegenüber eine programmatische Position ein: Die Dietrichdichtung soll als literarisches Phänomen gelesen werden – mit eigener Poetik, eigenen Erzählverfahren und eigener ästhetischer Logik.
Im Zentrum steht dabei eine breite Textpalette, die von den bekannten Erzählkomplexen um Dietrichs Flucht und die Rabenschlacht bis zu aventiurehaften Einzeltexten wie Goldemar, Laurin, Sigenot, Eckenlied, Virginal, Rosengarten und Wunderer reicht. Kragl verortet diese Texte zudem mediengeschichtlich im Spannungsfeld von mündlicher Überlieferung und schriftlicher Fixierung – eine Perspektive, die sowohl die Überlieferungsform als auch die literarische Gestalt der Texte ernst nimmt. …
Die drei Neuzugänge sind eigentlich eher ganz spezielle Bücher im Sinne der Ausrichtung der Bibliothek. „Die Magie der Welt“ stellt die Frage der Bedeutung der Magie in der Geschichte der Menschheit. Ableitungen ins Fantasy-Genre sind da wohl erlaubt. „Im Bann der Utopie“ behandelt die Hoffnungsphilosophie Ernst Blochs in der DDR-Literatur und schlägt damit ins Utopiefach. Die vorliegende Studie weist die Präsenz des Blochschen Denkens in der Figurengestaltung, an Denkmodellen und utopischen Bildern wichtiger literarischer Werke nach. Darüber werde ich aber noch gesondert reflektieren …
Wenn man den kosmischen Horror (auch bekannt als Lovecraftian Horror) in die Betrachtung einbezieht, verschiebt sich die bisherige zweidimensionale Gegenüberstellung grundlegend. Es entsteht kein einfaches Dualsystem mehr, sondern ein hochkomplexes Genredreieck. Der kosmische Horror bricht mit einer Prämisse, die sowohl dem klassischen als auch dem traditionellen phantastischen Horror gemein ist: der Annahme, dass der Mensch das wichtigste Zentrum der Erzählung darstellt. Hier ist das erweiterte Essay, das diese metaphysische Dimension integriert. …
Zwei relativ neue Veröffentlichungen sind gestern vorstellig geworden. „Hither Shore Nr. 21“ und „Von Robin Hood zu Robin of Sherwood“. Hither Shore hat den üblichen Nachteit, dass alle Artikel bis auf einen auf englisch veröffentlicht wurden. Offenbar legt man keinen Wert darauf, auch hierzulande ohne Hürden gelesen zu werden. Bei „Von Robin…“ wurden nicht alle Artikel in die Datenbank übernommen, weil nicht alle relevant (der Phantastik) gewidmet sind. Für eine Gesamtübersicht hier bitte ToC (Table of Content) verwenden. Sehr gefallen hat mir auch „Ghostarbeiter“ mit dem Artikel „Deutschland. Ein Science-Fiction“. Dazu morgen noch eine Besprechung. Auch „Fantastik bei Georg Klein“ ist nicht zu verachten …
Die Faszination des Grauens begleitet die Menschheit seit jeher: Literatur (und natürlich auch Film und Serien) inszeniert Angst als kalkulierte Grenzerfahrung – und bietet zugleich Distanz, Erregung und manchmal sogar so etwas wie Katharsis. Doch „Horror“ ist nicht gleich „Horror“.
Eine hilfreiche Unterscheidung – gerade für literarische Analysen – verläuft zwischen Horror innerhalb einer stabilen, realistischen Weltordnung und Horror, der diese Ordnung selbst ins Wanken bringt. Im Folgenden geht es deshalb um die Frage:
Wie unterscheiden sich klassischer/realistischer Horror und phantastischer Horror hinsichtlich Weltmodell, Auslösern des Schreckens und dem Rezeptionsmodus? …