Rickels, Laurence A.
Deutschland. Ein Science Fiction.
in: Meister, Carolin / Rickels, Laurence A. (Hrsg.) – Ghostarbeiter: über technische und okkulte Medien
Kadmos, Berlin (2014)
ISBN 9783865992420
Deutschland. Ein Science Fiction.
in: Meister, Carolin / Rickels, Laurence A. (Hrsg.) – Ghostarbeiter: über technische und okkulte Medien
Kadmos, Berlin (2014)
ISBN 9783865992420
Deutschland als Science-Fiction-Diagnose…
D
Wer sich für Fantastik/Fantastik-Debatten in Deutschland interessiert – insbesondere für die Linie von Technikphantasien, Dystopie und Utopiekritik – findet in Laurence A. Rickels’ „Deutschland. Ein Science-Fiction“ einen Text, der sich wie eine Mini-Monografie im Aufsatzformat liest: Rickels nutzt Science-Fiction nicht als Nische der Populärkultur, sondern als kulturgeschichtliches Diagnoseinstrument. „Deutschland“ erscheint dabei als Problem- und Projektionsfläche, die in Genres, Medien und Technikutopien fortlebt – oft dort, wo direkte historische Erzählung aussetzt.
Der Aufsatz ist deshalb so ergiebig, weil er Fantastik nicht nur inhaltlich (Raumfahrt, Androiden, Zukunft) adressiert, sondern methodisch: Er fragt, welche kulturellen Arbeiten (Trauer, Reparation, Integration, Verdrängung) Genres leisten – und wie Technik- und Mediengeschichte diese Arbeiten mit organisiert. …
Laurence A. Rickels’ Beitrag „Deutschland. Ein Science-Fiction“ lässt sich als medien- und kulturtheoretische Fallstudie lesen, die Science-Fiction nicht primär als Literaturgattung, sondern als kulturelles Dispositiv behandelt. Der Text verbindet Genre-Geschichte, Technik- und Populärkultur sowie psychoanalytisch informierte Begriffe (u. a. Trauer, Empathie, Integration) zu einer Argumentation, in der „Deutschland“ weniger als geografisch-nationale Kategorie denn als Problem- und Projektionsfigur innerhalb der Science-Fiction-Traditionen erscheint.
Strukturell arbeitet der Artikel über mehrere miteinander verschränkte Themenfelder: Erstens zeichnet Rickels eine Linie, in der „Deutschland“ als früher Impulsgeber technischer Imagination (u. a. im Umfeld filmischer Projektionen wie Fritz Lang) und zugleich als später verdrängter bzw. umcodierter Bezugspunkt der Nachkriegs-SF erscheint. Science-Fiction fungiert dabei als Speicherform, in der Gewaltgeschichte und ihre Nachwirkungen nicht direkt, sondern über Zukunftsformen und Technikmotive weiterarbeiten. Zweitens rückt Rickels die Figur des Androiden und das Motiv des „Empathietests“ ins Zentrum. Das „Androiden-Problem“ wird nicht als Frage technischer Eliminierung, sondern als Problem sozialer und psychischer Integration gefasst. Adoleszenz erscheint in diesem Zusammenhang als zeitlich begrenzte Inszenierung von Psychopathie, aus der ein Hinauswachsen möglich ist; dadurch wird die Grenzziehung zwischen „menschlich“ und „nicht-menschlich“ als Frage affektiver und trauerbezogener Kompetenz modelliert.
Drittens erweitert der Text die Perspektive auf Nachkriegskultur und Populärmedien: Die Nachkriegskarriere Wernher von Brauns und die Disney-Formate um „Tomorrowland“ werden als Bestandteile einer kulturellen Maschinerie beschrieben, die technische Zukunftsbilder, Schuld- und Produktivitätsnarrative sowie politische „Integration“ ineinander verschaltet. In diesem Kontext erscheint Science-Fiction als Infrastruktur, die bestimmte gesellschaftliche Verständigungen über Technik und Zukunft performativ herstellt, statt sie nur abzubilden. Viertens thematisiert Rickels die Nachkriegsordnung (u. a. Morgenthau, Adenauer, Wiedergutmachungspolitik) und diskutiert – auch über Hinweise auf Pynchon – die auffällige Abwesenheit des Holocaust in bestimmten Zukunftsentwürfen als Symptom kultureller Umdefinitionen. Die These, dass „Wiedergutmachung“ eine Sprache der Bewertung und Kompensation etabliert, wird als Teil einer symbolischen Ökonomie entfaltet, die produktive, aber auch riskante Verschiebungen ermöglicht.
Der Beitrag arbeitet stilistisch mit dichter Montage, schnellen Übergängen und einer hohen Referenzdichte (Genre, Geschichte, Psychoanalyse, Popkultur). Die Argumentation ist weniger als linearer Nachweis angelegt denn als Folge von Verknüpfungen, die den Leser:innen ein assoziativ-theoretisches Mitdenken abverlangen. Als Stärke kann gelten, dass Rickels Science-Fiction konsequent als kulturelle Form ernst nimmt, in der historische Konflikte, Affektpolitiken und Medienumgebungen zusammenlaufen. Zugleich setzt der Text für eine reibungslose Lektüre Vorwissen bzw. Bereitschaft zur Theoriearbeit voraus; eine explizite Begriffsführung oder didaktische Entfaltung der Referenzen ist nicht sein primäres Ziel.
Insgesamt bietet „Deutschland. Ein Science-Fiction“ eine Deutung von Science-Fiction als historisch aufgeladene Kulturtechnik, in der „Deutschland“ als Signatur von Integrations- und Übersetzungsproblemen (Technik, Gewaltgeschichte, Empathie) wiederkehrt. Der Artikel eignet sich besonders für Fragestellungen, die Genre nicht nur textimmanent, sondern im Verbund mit Mediengeschichte, politischer Nachgeschichte und Affekttheorie untersuchen. …
Laurence Rickels liest die posttraumatische Wiedervereinigung Deutschlands und Kaliforniens in Dicks Simulacra als Allegorie auf die Geschichte des SF-Genres. …
Auszug Vorwort
Worum geht’s? Fünf argumentative Bewegungen
1) „Deutschland“ als Science-Fiction-Archiv: von Lang zur Nachkriegs-SF
Rickels setzt bei einer Genealogie an, die deutsche Zukunftsbilder eng mit Medien- und Technikgeschichte verschaltet: Fritz Langs Bildräume und die frühe Film-SF markieren einen Ursprung, aus dem heraus „Deutschland“ als technikfantastische Projektionsmacht sichtbar wird – Rakete, Gravitation, Grab/Start, Aufbruch und Kontrollphantasie. (Rickels Laurence – Deutschland. Ein Science-Fiction)
Entscheidend ist dann die Verschiebung: Nach 1945 ist „Deutschland“ nicht einfach nur ein Herkunftslabel, sondern wird im Genre als Integrationsproblem weitergeführt. Science-Fiction wird – in Rickels’ Zugriff – zu einem Speicher, in dem die Nachgeschichte (Schuld, Gewalt, politische Neuordnung) nicht frontal, aber wirksam verarbeitet wird.
2) Androiden, Adoleszenz, Empathie: Fantastik als Testlabor
Eine der stärksten Passagen ist Rickels’ Modellierung des Androiden-Topos: Das „Androiden-Problem“ sei nicht durch Eliminierung zu lösen, sondern durch Integration – und Integration heißt hier: Empathie testen.
Rickels koppelt diese Figur an Adoleszenz: Jugendzeit erscheint als eine „zeitbasierte“ Inszenierung von Psychopathie, die nicht notwendig endgültig ist, sondern als Übergang gedacht werden kann. Damit verschiebt er das Fantastische vom reinen Spektakel in eine anthropologische und soziale Grenzdiagnostik: Wer/was ist „menschlich“, wenn Empathie (und Trauerfähigkeit) unsicher wird? (Rickels Laurence – Deutschland. Ein Science-Fiction)
Für eine deutschsprachige Fantastik-Diskussion ist das produktiv, weil es den Androiden (und allgemeiner: das Nicht-Menschliche) nicht als „Other“ fixiert, sondern als Spiegel einer gesellschaftlichen Normalisierung: Fantastik zeigt nicht nur das Unheimliche, sie zeigt, wie Normalität hergestellt wird.
3) Populärkultur als Zukunftsmaschine: Disney, „Tomorrowland“, von Braun
Im weiteren Verlauf verbindet Rickels Technikgeschichte und Kulturindustrie: Wernher von Brauns Nachkriegskarriere und die Disney-Inszenierung der Raumfahrt („Tomorrowland“) werden zu einer Art Integrationsapparat.
Hier zeigt sich ein Kern von Rickels’ Schreibweise: Er liest Populärkultur nicht „nur“ ideologiekritisch, sondern als Ort, an dem Zukunftserzählungen gesellschaftliche Widersprüche operativ machen – also: anschlussfähig, erzählbar, konsumierbar. Das Fantastische (Weltraum, Zukunft) ist nicht Fluchtpunkt, sondern Infrastruktur, die die Gegenwart sortiert.
4) Deutsche Fantastik als Spannungsfeld von Utopie und Katastrophe: Laßwitz vs. Wells
Für meinen derzeitigen Fokus „Technikdystopie und Utopiekritik 1897–1925“ ist besonders die Rückbindung an Kurd Laßwitz (Auf zwei Planeten, 1897) interessant. Rickels positioniert Laßwitz als frühen, deutschen Knotenpunkt, der eine andere Mars- und Zukunftslogik ermöglicht als die später kanonische Katastrophenlinie, die häufig mit H. G. Wells verbunden wird.
Ohne dass Rickels daraus eine schlichte „Deutschland = Utopie“-Behauptung macht, wird doch sichtbar: Fantastik in Deutschland kann als Debatte über Zukunftsformen gelesen werden – und diese Debatte kippt historisch (und politisch) in andere Register, in denen Technikverheißung, Gewaltgeschichte und „Integration“ sich überlagern.
5) Wiedergutmachung, Holocaust-Abwesenheit und die Grenzen der Reparation
Im dritten Teil greift Rickels explizit auf Nachkriegspolitik (u. a. Adenauer/Wiedergutmachung) und auf die Frage der (Nicht-)Darstellbarkeit bzw. Abwesenheit des Holocaust in bestimmten Nachkriegs-Zukunftsdiskursen aus.
Science-Fiction erscheint hier als problematischer, aber aufschlussreicher Raum: Gerade das, was nicht auftaucht, kann als Symptom wirken. Rickels bindet diese Beobachtung an eine Ökonomie der Reparation, in der Produktivität als Maßstab eingesetzt wird – mit dem Effekt, dass „Ausgleich“ zugleich etwas verdecken und etwas neu organisieren kann
Warum der Sammelband Ghostarbeiter mehr ist als „Verpackung“
Auch wenn Rickels’ Aufsatz im Vordergrund steht: Der Sammelband Ghostarbeiter. Über technische und okkulte Medien liefert die theoretische Grundtemperatur, aus der der Text hervorgeht. Die Leitfigur der „Ghostarbeit“ denkt Kultur als Arbeit am Nicht-Integrierten: Reste, Verluste, Verdrängtes, das in „Krypten“ eingeschlossen bleibt und als Störung wiederkehrt.
Damit wird verständlich, warum Rickels Science-Fiction so konsequent als Medienphänomen liest: Zukunftsbilder hängen an den Bedingungen dessen, was eine Kultur speichern, senden und sichtbar machen kann.
Ein Aufsatz für alle, die SF nicht nur „lesen“, sondern als Kulturtechnik verstehen wollen
„Deutschland. Ein Science-Fiction“ eignet sich besonders für Leser:innen, die Fantastik als Konfliktfeld begreifen: zwischen Technikverheißung und Utopiekritik, zwischen Populärkultur und politischer Nachgeschichte, zwischen dem, was erzählt werden kann, und dem, was als Abwesenheit nachwirkt.
Wenn man bereit ist, sich auf die dichte Montage einzulassen, bekommt man kein bequemes Genre-Urteil, sondern einen Text, der Science-Fiction als historisch aufgeladene Kulturtechnik lesbar macht – und „Deutschland“ als Signatur von Integrations- und Übersetzungsproblemen in diesen Zukunftsformen.
Bibliographisch: Antiquarisch:Anmerkung(en):weiterführende Links:
- Rickels, Laurence A.
- Deutschland. Ein Science-Fiction
- in: Meister, Carolin / Rickels, Laurence A. (Hrsg.) – Ghostarbeiter: über technische und okkulte Medien
- Kadmos, Berlin (2014)
- Taschenbuch
- 188 Seiten, hier Seite 149-170
- ISBN 9783865992420
(mit einem Klick kannst du dir das aktuelle Ergebnis auf eurobuch.com ansehen)
- keine
- Rickels, Laurence A.: Wikipedia-Eintrag
Onlinequelle …Bedeutung: kurze Beschreibung des Autors und Hinweis auf Hauptwerk (Germany. A Science Fiction. Fort Wayne AntiOedipus Press, 2015, ISBN 978-0-9892391-7-2)…Quelle: Wikipedia
- Rezension von Rickels „Germany: A Science Fiction (2015): Rezension von David Agranoff am 17. Oktober 2020
Sekundärliteratur …
Bedeutung: „Man muss schon ein Akademiker oder ein Science-Fiction-Theorie-Nerd sein, der sich wie ich intensiv damit beschäftigt. Verdammt, das ist genau die Art von Buch, die man mir ins
Gehirn implantieren könnte. Das größte Kompliment, das ich dem Buch machen kann, ist wohl, dass es im Regal zwei Plätze neben Damon Knights „In Search of Wonder“ steht. Das ist ein MUSS für Science-Fiction-Theoretiker, und ich bin froh, dass ich es gelesen habe. …Quelle: larickels.com
Gehirn implantieren könnte. Das größte Kompliment, das ich dem Buch machen kann, ist wohl, dass es im Regal zwei Plätze neben Damon Knights „In Search of Wonder“ steht. Das ist ein MUSS für Science-Fiction-Theoretiker, und ich bin froh, dass ich es gelesen habe. …Quelle: larickels.com
- Rickels, Laurence A.: Webpräsenz des Autors
Onlinequelle…
Bedeutung: Webpräsenz des Autors und weitere Hinweise auf sein Schaffen wie z.B. „Der integrierte Vampir“ nebst vielen InterviewsQuelle:larickels.com
siehe auch (Auszug):
Die letzten fünf Artikel im Blog:

