
Apropo H. C. Artmann: Wie und wo kann man H. C. Artmann in der Phantastik verorten? Hans Carl Artmann, besser bekannt als H.C. Artmann (1921–2000), gilt als einer der facettenreichsten und unkonventionellsten Köpfe der österreichischen Nachkriegsliteratur. Während er einer breiten Öffentlichkeit vor allem durch seine tiefschwarze Dialektlyrik (med ana schwoazzn tintn, 1958) im Gedächtnis geblieben ist, verbirgt sich hinter seinem Gesamtwerk ein weitaus radikaleres literarisches Projekt: Die Neudefinition und ironische Demontage der phantastischen Literatur. Für ein kulturinteressiertes Publikum eröffnet Artmanns Umgang mit dem Phantastischen einen faszinierenden Blick darauf, wie aus vermeintlich verstaubten Gruselklischees avantgardistische Sprachkunst entsteht. …
Das Prinzip der Phantastik – Und wie Artmann es umkehrt
Um Artmanns Sonderstellung zu verstehen, hilft ein Blick auf die traditionelle phantastische Literatur. Autoren der klassischen Romantik wie E.T.A. Hoffmann oder die Schöpfer der englischen Gothic Novel (Schauerliteratur) setzten darauf, beim Leser ein Gefühl der Unheimlichkeit, des Schauers und des Zweifels zu erzeugen. Die Kernfrage lautet dort meist: Ist das übernatürliche Geschehen real oder entspringt es dem Wahnsinn der Figuren?
Artmann bricht radikal mit dieser Erwartungshaltung. Ihm geht es nicht darum, echte Angst zu verbreiten oder psychologische Abgründe auszuloten. Das Übernatürliche ist bei ihm von vornherein eine gesetzte, augenzwinkernde Realität, die vom Erzähler wie selbstverständlich hingenommen wird. In Werken wie Dracula, Dracula (1966) oder Frankenstein in Sussex (1969) greift er die bekannten Ikonen der Popkultur und Trivialliteratur auf.
Doch statt die schaurige Atmosphäre zu kopieren, inszeniert er ein parodistisches Spiel. Das Phantastische wird bei Artmann zu einem zweckfreien Spiel der Allusionen (Anspielungen) – eine literarische Spielwiese, auf der Vampire und Monster ihre existenzielle Bedrohlichkeit verlieren und zu mechanischen Spielfiguren eines sprachbegeisterten Autors werden.
Die zeitliche Entwicklung: Vom Surrealismus zum postmodernen Spiel
Artmanns Weg zur Phantastik verlief in einer klaren chronologischen Entwicklung, die eng mit den großen literarischen Strömungen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verknüpft ist:
- Die 1950er-Jahre – Die Wurzeln im Surrealismus: Nach den traumatischen Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs suchte Artmann nach radikal neuen Ausdrucksformen. Als Mitbegründer der avantgardistischen Wiener Gruppe experimentierte er mit automatischem Schreiben und sprachlichen Montagen. Seine frühe Annäherung an das Phantastische war stark vom französischen Surrealismus geprägt. Es ging darum, die rationale Logik des Alltags auszuhebeln und der reinen, unzensierten Imagination Vorrang zu geben.
- Die 1960er-Jahre – Die Hochphase der parodistischen Prosa: In diesem Jahrzehnt brach sich Artmanns lebenslange Vorliebe für alte Abenteuerromane, Seefahrergeschichten und die Schauerliteratur der schwarzen Romantik endgültig Bahn. Mit Publikationen wie Dracula, Dracula (1966) vollzog er den Schritt in die Postmoderne. Er nutzte die bekannten Motive der Populärkultur als „Fiktionssignale“, um ein ironisches Spiel zwischen Realität und Textwelt zu treiben.
- Die Spätphase ab den 1970er-Jahren – Der Mythos als lyrisches Material: In seinen späteren Schaffensjahren verfeinerte Artmann diese Methode. Das Phantastische war nun kein reines Erzählgenre mehr, sondern durchdrang seine gesamte Poetik. Er erfand phantastische Länder, erforschte imaginäre Seewege und vermischte historische Sprachformen (wie das Barockdeutsch) mit moderner Umgangssprache. Das Ergebnis war ein völlig eigenständiger, poetischer Kosmos.
Sprache als eigentlicher Schauplatz
Der rote Faden, der sich durch Artmanns gesamte phantastische Welten zieht, ist die absolute Dominanz der Sprache über die Handlung. Wer bei ihm eine klassische, geradlinige und spannungsgeladene Geschichte sucht, wird bewusst enttäuscht. Artmann kollagiert Sätze, übersteigert Klischees und bricht logische Erzählmuster auf.
„Die holden jungfrauen, urigen monstren und reisenden gentlemen …“ – so treffend beschrieb die Literaturwissenschaft das Personal, das sich durch Artmanns Kulissen bewegt. Sie sind keine psychologisch tiefgründigen Charaktere, sondern bewusst gewählte literarische Schablonen.
Indem er die düsteren Momente der Schauerromantik komisch auflädt und mit banalen Alltagssituationen kreuzt, demontiert er die Mechanismen des billigen Schauerkonsums. Artmann zeigt uns auf artistische Weise, dass das Phantastische in der modernen Unterhaltungsindustrie oft zu einer bloßen, abgenutzten Attrappe verkommen ist – und holt es durch den sprachlichen Verfremdungseffekt zurück in den Raum der hohen Kunst.
Fazit: Eine Einladung zum freien Spiel
Für interessierte Laien bietet H.C. Artmann einen hervorragenden Zugang zur modernen Literatur. Seine phantastischen Texte fordern uns nicht auf, an Geister oder Vampire zu glauben, sondern an die grenzenlose Freiheit des Erzählens. Er hat bewiesen, dass Phantastik nicht zwingend aus dem Jenseits oder aus dem Unbewussten kommen muss – die größte, bunteste und faszinierendste Fantasiewelt ist und bleibt die Sprache selbst.
Quelle(n), Vorgänger und Hilfreiches:
Für die Erstellung und Absicherung dieses Essays wurden insgesamt drei seriöse, wissenschaftliche und literaturkritische Quellen untersucht. Die Sortierung erfolgt nach ihrer inhaltlichen Wichtigkeit für den roten Faden der Argumentation:
- Schnaas, U.: Das Phantastische als Erzählstrategie in vier zeitgenössischen Romanen.
Bedeutung: Diese literaturwissenschaftliche Arbeit bildet das theoretische Fundament des Essays. Sie ordnet Artmanns Dracula, Dracula (1966) präzise als Beispiel für das postmoderne Ende der irritativen Phantastik ein, bei dem das Genre ins Parodistische verlagert und zu einem zweckfreien Spiel der Allusionen wird.
Verfügbarkeit: Diva-Portal Open Access
Sekundärliteratur …
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Ulrike Schnaas: „Das Phantastische als Erzählstrategie in vier zeitgenössischen Romanen“. Dissertation, Stockholm, 2004, (masch.).
https://www.diva-portal.org/smash/get/diva2:192021/FULLTEXT01.pdf (Stand: 09.06.2026).
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Quelle: Zotero-Webpage (t.sebesta's Library)
- Raschig, B.: Bizarre Welten – Ror Wolf von A bis Z.
Bedeutung: Diese Untersuchung liefert wertvolle komparative Details zu Artmanns Stil. Sie zitiert die maßgebliche Forschung von Thomsen und Brandstetter („Die holden jungfrauen, urigen monstren…“) und beleuchtet, wie Artmann traditionelle Phantastik durch ironische Stilbrüche demontiert und düstere Momente komisch auflädt.
Verfügbarkeit: Webdokumentenserver der Universität Göttingen
Sekundärliteratur …
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Barbara Raschnig: „Bizarre Welten: Ror Wolf von A bis Z“. Inaugural-Dissertation, Siegen, 2000, (masch.).
https://webdoc.sub.gwdg.de/ebook/dissts/Siegen/Raschig2000.pdf (Stand: 09.06.2026).
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Quelle: Zotero-Webpage (t.sebesta's Library)
- Madel, C.: Der Schauerroman der schwarzen Romantik am Beispiel von E.T.A. Hoffmanns „Die Elixiere des Teufels“.
Bedeutung: Diese Arbeit diente im Rahmen der Recherche als historisches und gattungstheoretisches Kontrastmittel. Sie half dabei, die klassische, vormoderne Phantastik sauber zu definieren, um Artmanns spätere parodistische Abkehr präzise kontrastieren zu können.
Verfügbarkeit: CORE Archiv / Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung
Sekundärliteratur …
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Claudia Madel: „‚Der Schauerroman der schwarzen Romantik am Beispiel von E.T.A. Hoffmanns „Die Elixiere des Teufels“‘“. Diplomarbeit/Philosophie, Wien, 2012, (masch.).
https://utheses.univie.ac.at/detail/21882.
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