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Universitas Phantastica – Reflektion #19 – Owen Barfield, die Anthroposophie und die Phantastik …

Mit diesem Essay möchte ich die Ausführungen zur Anthroposophie vorerst abschließen. Es bleibt zuvor aber noch Owen Barfield zu betrachten, der in der vorletzten Reflektion, „Reflektion #17 – Welten hinter der Wirklichkeit: Das Wechselspiel von Phantastik und Anthroposophie„, ebenfalls zur Sprache kam. Er stand als Gründungsmitglied der Inklings sowohl C. S. Lewis als auch J. R. R. Tolkien nahe und hatte als überzeugter Anthroposoph Einfluss auf die beiden Größen der Fantasy-Literatur. Sehen wir uns das also auch noch näher an: …

Wie eine spirituelle Philosophie die moderne Fantasy prägte: Owen Barfield, die Anthroposophie und die Geburt der modernen Phantastikaturgeschichte

Wenn heute über die „Inklings“ – jene legendäre Oxforder Literatengruppe des 20. Jahrhunderts – gesprochen wird, fallen unweigerlich die Namen J.R.R. Tolkien und C.S. Lewis. Doch im Schatten dieser Giganten der Fantasy-Literatur wirkte ein Denker, den C.S. Lewis einst als seinen „weisesten und besten inoffiziellen Lehrer“ bezeichnete: Owen Barfield (1898–1997). Als Philosoph, Literaturwissenschaftler und Jurist lieferte Barfield das intellektuelle und erkenntnistheoretische Fundament, das die phantastischen Welten von Mittelerde und Narnia maßgeblich prägte.
Das Bindeglied zwischen seiner Sprachtheorie und der Phantastik bildet eine philosophische Strömung, die im akademischen Diskurs oft nur am Rande beleuchtet wird: die Anthroposophie Rudolf Steiners. Hier wird untersucht, wie Barfields Zuwendung zur Anthroposophie seine Sicht auf die Sprache formte und wie diese Ideen der modernen Phantastik eine tiefere, philosophische Legitimation verliehen.

Der Weg zur Anthroposophie: Die Evolution des Bewusstseins

In den frühen 1920er Jahren stieß Barfield auf das Werk des österreichischen Philosophen und Mystikers Rudolf Steiner, dem Begründer der Anthroposophie – einer spirituellen Weltanschauung, die den Menschen in seiner Beziehung zum Geistigen und zum Kosmos erforschen will. Im Jahr 1924 trat Barfield der Anthroposophischen Gesellschaft bei. Was ihn an Steiners Lehre faszinierte, war kein dogmatischer Glaube, sondern eine fundamentale Übereinstimmung mit seinen eigenen Beobachtungen zur Geschichte der menschlichen Wahrnehmung.
Steiner plädierte für eine „Evolution des Bewusstseins“. Barfield goss diese Idee in eine literatur- und sprachwissenschaftliche Form. Seine zentrale These besagt, dass die strikte Trennung zwischen dem erkennenden Subjekt (dem Menschen) und dem beobachteten Objekt (der Natur) ein relativ neues Phänomen der Neuzeit ist, das durch den modernen Materialismus und die Naturwissenschaften radikalisiert wurde.

Barfield unterschied dabei zwei wesentliche Stadien des Bewusstseins:

● Die ursprüngliche Partizipation (Original Participation): In fernen Epochen erlebten Menschen die Welt nicht als distanzierte Beobachter. Geist und Materie, Mensch und Natur waren eins. Ein Baum war nicht nur eine Ansammlung von Holzzellen, sondern wurde in seinem lebendigen Wesen erfahren.

● Die finale Partizipation (Final Participation): Das Ziel der menschlichen Entwicklung ist es laut Barfield und Steiner nicht, im rationalen, aber isolierenden Materialismus zu verharren. Vielmehr soll der Mensch durch eine bewusste, geschulte Vorstellungskraft (Imagination) zu einer neuen, reifen Verbindung mit der geistigen Dimension der Wirklichkeit gelangen.

Poetic Diction: Sprache als lebendiger Mythos

Diese Bewusstseinsevolution spiegelte sich für Barfield am deutlichsten in der Geschichte der Sprache wider, die er in seinem bahnbrechenden Werk Poetic Diction (1928) analysierte. Für Barfield waren Wörter in ihrer Entstehung keine abstrakten Schilder, die willkürlich auf Dinge geklebt wurden.
Ein klassisches Beispiel ist das altgriechische Wort pneuma (oder das hebräische „ruach“). Heute übersetzen wir es je nach Kontext als „Atem“, „Wind“ oder „Geist“. Für den antiken Menschen existierten diese begrifflichen Trennungen jedoch nicht. Wenn sie das Wort aussprachen oder dachten, erfuhren sie Wind, Atem und göttlichen Geist als eine einzige, ungetrennte Realität.
Mit dem Aufkommen des rationalen Denkens verkümmerten die Wörter zu bloßen, abstrakten Begriffen – die Welt wurde entzaubert. Hier setzt die Aufgabe des Dichters und Schriftstellers an: Durch die Schaffung von Metaphern und Mythen bricht die Poesie die erstarrten Denkgewohnheiten auf. Sie erinnert uns an die verlorene Einheit der Welt und ermöglicht es dem Geist, die Wirklichkeit durch die Imagination neu zu schöpfen.

Der „Große Krieg“ und die Rettung des Phantastischen

Barfields Ideen blieben innerhalb der Inklings nicht ungehört, stießen jedoch zunächst auf heftigen Widerstand. In den 1920er Jahren führte Barfield mit seinem engen Freund C.S. Lewis eine jahrelange, tiefgründige Debatte, die sie scherzhaft den „Großen Krieg“ (The Great War) nannten. Zu dieser Zeit war Lewis noch ein strikter Materialist. Er betrachtete Mythen und phantastische Erzählungen zwar als ästhetisch reizvoll, tat sie jedoch gegenüber J.R.R. Tolkien als „silberne Lügen“ („lies breathed through silver“) ab.
Barfield hielt dagegen: Wenn die Sprache in ihrer Wurzel mythologisch und partizipierend ist, dann sind Mythen keine Lügen, sondern Fragmente einer tieferen, einst real erlebten Wahrheit. Diese philosophische Offensive erschütterte Lewis‘ materialistisches Weltbild nachhaltig. Sie ebnete den Weg für seine spätere Zuwendung zum Theismus und inspirierte ihn dazu, in den Chroniken von Narnia tiefe philosophische Wahrheiten in das Gewand des Phantastischen zu kleiden.
Auch J.R.R. Tolkien wurde von Poetic Diction beeinflusst. Barfields Konzept der sprachlichen Entwicklung spiegelt sich in Tolkiens Konzept der Mythopoeia (Mythendichtung) wider. Für Tolkien war das Erschaffen phantastischer Welten kein bloßer Eskapismus (Flucht vor der Realität), sondern eine Form der „Sub-Kreation“ (Nachschöpfung). Der Mensch nutzt die Phantastik, um die in der materiellen Welt verborgenen spirituellen Wahrheiten gestalterisch freizulegen.

Fazit: Die Phantastik als Erkenntniswerkzeug

Aus literaturwissenschaftlicher Sicht zeigt das Beziehungsgeflecht zwischen Owen Barfield, der Anthroposophie und den Inklings, dass die moderne Fantasy-Literatur weit mehr ist als reine Unterhaltungskunst. Sie entspringt einer tiefen geistesgeschichtlichen Krise des 20. Jahrhunderts – dem Aufbegehren gegen ein rein mechanistisches Weltbild.
Durch die anthroposophische Linse Rudolf Steiners erkannte Barfield in der menschlichen Imagination eine Brücke zur Wirklichkeit. Die Phantastik wird damit von einer bloßen Spielerei zu einem ernsthaften erkenntnistheoretischen Werkzeug erhoben. Wenn Tolkien uns nach Mittelerde führt oder Lewis uns durch den Kleiderschrank nach Narnia entlässt, tun sie dies im barfieldschen Sinne: Sie nutzen das Phantastische, um unsere erstarrte Wahrnehmung zu lockern und uns ein Stück jener verloren geglaubten Verbindung an einer lebendigen, bedeutungsvollen Welt zurückzugeben.


Quelle(n), Vorgänger und Hilfreiches:

Insgesamt wurden für den Text diese Quellen analysiert und nach ihrer wissenschaftlichen und thematischen Relevanz für die Fragestellung sortiert.

URL: https://en.wikipedia.org/wiki/Owen_Barfield

URL: https://owenbarfield.org/writing/books/poetic-diction/

URL: https://owenbarfield.org/the-inklings/the-inkling-impulse/

URL: https://www.natureinstitute.org/about/owen-barfield

URL: https://christianhistoryinstitute.org/magazine/article/the-forgotten-inkling

URL: https://www.euppublishing.com/doi/10.3366/ink.2025.0275

URL: https://dasgoetheanum.com/en/crossing-the-threshold-with-owen-barfield-part-i/

URL: https://www.thegospelcoalition.org/themelios/article/the-theology-of-fantasy-in-lewis-and-tolkien/

URL: https://bradbirzer.com/wp-content/uploads/2015/08/poetic-diction-ob.pdf


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