| Zusammenfassung |
Das literarische Erfinden von Figuren, Orten und Ereignissen –
das Hervorbringen fiktionaler Erzählungen – gehört zu den wichtigsten
Kulturtechniken der Menschheit. Die Beiträge des Bandes stellen aus
jeweils unterschiedlichen disziplinären Perspektiven die Frage nach der
Geschichtlichkeit der Fiktionalität. Wurden schon zu allen Zeiten und in
allen Kulturen erfundene Geschichten erzählt? Oder gibt es einen
literaturhistorischen Moment, in dem diese Praktik erst ‚entdeckt‘ oder
‚erfunden‘ werden musste? Welchen Status hatte das literarische Erfinden
in der Antike, im Mittelalter oder in der Neuzeit? Wie verhielt es sich
in nicht-westlichen Kulturen? Ausgehend von diesen Fragen werden vor
allem theoretische und methodische Probleme diskutiert, die mit dem
großen Projekt einer „Geschichte der Fiktionalität“ einhergehen. Diese
betreffen den Quellenstand, die Rolle der Medien oder
Wertungskontroversen. Gleichzeitig bieten die Beiträge konkrete
fiktionshistorische Erkenntnisse zu ihrem jeweiligen Forschungsfeld.
Dieser Band (herausgegeben von J. Franzen, P. Galke-Janzen, F. Janzen
und M. Wurich) ist das Ergebnis einer Tagung am Freiburg Institute for
Advanced Studies. Er verfolgt einen **diachronen Ansatz**, das heißt, er
betrachtet die Entwicklung des Erzählens durch die Jahrhunderte.
Die Leitfrage ist, ob Menschen schon immer „fiktional“ erzählt haben
oder ob dies eine Erfindung der Neuzeit ist. Die Autoren zeigen, dass
das, was wir heute unter Fiktion verstehen (die Erlaubnis zu „lügen“,
ohne dass es eine Lüge ist), historisch hart erkämpft wurde.
Wolfgang Rösler untersucht die Entstehung des Fiktionalitätsbewusstseins
im griechischen Drama.
Henrike Manuwald und Sebastian Holtzhauer diskutieren, wie im
Mittelalter mit „Wahrheit“ umgegangen wurde (z. B. in Visionen oder
Berichten über Drachen), wo die Trennung von Fakt und Fiktion oft noch
unscharf war.
Johannes Franzen selbst steuert einen wichtigen Beitrag zur
**Fiktionskritik der Gegenwart** bei. Er analysiert, warum das
literarische Erfinden heute oft wieder skeptisch betrachtet wird (z. B.
der Vorwurf der Belanglosigkeit gegenüber dem „echten Leben“).
Der Band fungiert als methodisches Laboratorium für die damals neue
Forschungsrichtung des GRK „Faktuales und fiktionales Erzählen“.
Man bekommt keinen monolithischen Text, sondern Einblicke von der
klassischen Philologie über die Mediävistik bis zur modernen
Literaturwissenschaft.
Während viele Fiktionstheorien (wie die von Genette oder Searle) sehr
abstrakt und zeitlos sind, zeigt dieser Band, dass Fiktion eine
**Kulturtechnik** ist, die sich wandelt.
* **Brückenschlag:** Er verbindet theoretische Fiktionsforschung mit
konkreten Analysen (z. B. wie ein mittelalterlicher Leser mit
Wunderberichten umging).
Wie bei Sammelbänden üblich, bleiben Lücken. Es ist keine lückenlose
Chronik, sondern eine Sammlung von Schlaglichtern („Perspektiven“).
Der Band ist deutlich stärker an ein Fachpublikum gerichtet als Franzens
spätere Monographie. Die Einleitung ist theoretisch sehr dicht.
Wenn man sich für die **theoretische Herleitung** und die **historischen
Wurzeln** (v. a. Antike und Mittelalter) interessierst, ist der
**Sammelband von 2018** die richtige Wahl. Er zeigt hervorragend, dass
„Fiktion“ kein stabiler Begriff ist, sondern je nach Epoche etwas völlig
anderes bedeuten konnte.
Johannes Franzens **Einzelwerk von 2022** hingegen vertieft diese
Ansätze zu einer geschlossenen Theorie, konzentriert sich aber stärker
auf die rechtlichen und sozialen Kämpfe um die Fiktion in der Moderne. … |